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Datenschutz: Im Spucknapf des digitalen Zeitalters

09.08.2009 | 18:37 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

Die Privatsphäre ist bedroht: "Ohne kriminelle Energie" können sehr viele Informationen über eine Person herausgefunden werden. Selbst sensible Angaben zur Gesundheit können leicht in die falschen Hände geraten.

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STROBL. Sie sind beliebte und überlaufene Spielplätze im Internet – und solche, die nie geschlossen haben: Facebook, Twitter und Co. Wer dort private Informationen preisgibt, sollte mittlerweile wissen, mit welchen Konsequenzen er zu rechnen hat.

Sonst kann es ihm wie jenem 29-jährigen Franzosen Marc L. ergehen, der vom Magazin „Le Tigre“ ausschließlich anhand der von ihm im Internet offengelegten Informationen ausführlich porträtiert wurde. Als Marc L. von dem Artikel erfuhr, klagte er das Medienunternehmen. Die Klage wurde abgewiesen, weil der Journalist vollkommen legal gehandelt hatte. Da lag die „kriminelle Energie bei null“. So formuliert es Nikolaus Forgó, IT-Rechtsexperte mit Professuren an den Universitäten Hannover und Wien. Er selbst macht sich für Vorträge und Lehrveranstaltungen – wie beim Sommerdiskurs der Universität in Wien in Strobl vergangene Woche – schon einmal die Mühe und durchsucht Internetforen. So schaut er etwa auf einer HNO-Plattform nach Personen, die leichtfertig den eigenen Namen und Wohnort angeben. Begibt man sich mit diesen Informationen auf die Suche – etwa bei Google –, kann man mit geringem Aufwand und eben „ohne kriminelle Energie“ sehr viele Informationen über eine Person herausfinden. Etwa das Geburtsdatum, den Hinweis, dass die Person Raucher ist, schon vier Mal wegen einer Pansinusitis operiert wurde und von Beruf Entertainer mit unregelmäßigem Einkommen ist. Eine Recherche, die auch Versicherungsunternehmen ohne große Anstrengung durchführen können. „Würden Sie so jemanden versichern lassen?“, fragt Forgó.

Dass man auf den rasant voranschreitenden Wandel im elektronischen Zeitalter nicht eingestellt ist, beweist auch die Geschichte der amerikanischen Plattform „23andme“, die mit dem Slogan „Ad some excitement to your family reunion“ dafür wirbt, dem User eine Analyse seiner DNA zu erstellen. So kann ein Spucknapf bestellt werden, der mit der eigenen Spucke retourniert wird. Anhand der DNA-Analyse kann man mehr über die eigene Herkunft sowie genetische Veranlagung erfahren. Der Haken an dem von Anne Wojcicki, der Frau von Google-Gründer Sergei Brin, gegründeten Dienst findet sich in den „Terms of Condition“: Das genetische Material darf an andere Unternehmen, etwa Lebensversicherer, weitergegeben werden.

Wer denkt, das seien amerikanische Spinnereien, die nichts mit der Realität in Europa zu tun haben, den belehrt Forgó eines Besseren: So sei es auch möglich, von Deutschland oder Österreich aus, eine Spuckprobe einzusenden. Zudem bestünden gerade bei Innovationen im elektronischen Gesundheitswesen – etwa bei der geplanten elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) – immer noch hohe Datenschutzbedenken, die die gesetzliche Ausgestaltung ständig verzögern.

Auch andere Herausforderungen, die der Systemwandel mit sich bringt – etwa bei der Raumordnung oder der nötigen Reform des Gesundheitssystems –, waren Thema beim Sommerdiskurs der Sommerhochschule in Strobl, die heuer ihr 60-jähriges Bestehen feiert.

 

Klimawandel – Hilfe zu spät

Die Expertise fiel großteils düster aus: Arbeitsrechtler Robert Rebhahn meinte, das Gesundheitssystem müsse möglicherweise erst an die Wand gefahren werden, bevor es reformiert werden könne. Klimaexperte Arnulf Grübler zeigte sich noch pessimistischer: Die Klimaerwärmung um 1,5 Grad in 100 Jahren sei wissenschaftlich erwiesen. Maßnahmen, die CO2-Emissionen stoppen, kämen eigentlich zu spät.

AUF EINEN BLICK

Der Systemwandel und seine Steuerung –das war das Generalthema des zweiten Sommerdiskurses aus Wirtschaft, Recht und Kultur an der Sommerhochschule der Universität Wien in Strobl. Dort wurden Problemstellungen in den Bereichen Raumordnung, Klimawandel, Gesundheitswesen und Datenschutz diskutiert.„Die Presse“ ist Kooperationspartner.

Der nächste Sommerdiskurswird 2010 Anfang August stattfinden. Mehr Infos und Details zur Anmeldung unter:

www.univie.ac.at/sommerdiskurs

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2009)

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6 Kommentare
Gast: Kritiker
17.08.2009 10:35
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Ich bin geteilter Meinung

Einerseits gibt es Zeitgenossen, die absolut sorglos mit ihrer Privatsphäre herumfuhrwerken. Natürlich kann man die leichtest "auskundschaften"!

Kritischer wird es, wenn man zB als Tennisspieler, Kicker, Feuerwehrmann etc. als solcher zu googlen ist.

Für den Fall, daß zB in einem Bewerbungsgespräch oder einem -schreiben solche privaten Daten nicht behandelt werden, sollten sie auch nicht via Internet zu erhalten sein.

Beispiel: Jeder Hobbytennisspieler in NÖ ist, sofern er bei Turnieren oder in der Meisterschaft mitspielt, mittels Google zu finden.

Will das aber jeder?!?!

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Man muss halt schauen, was man schreibt.

Von mir zB findet man nur äußerst löbliche Dinge im Internet. Potenzielle Arbeitgeber reißen sich geradezu um mich.

Antworten huhu
13.08.2009 08:05
1 0

Re: Man muss halt schauen, was man schreibt.

Hat sich ja jetzt erledigt...

;D

Gast: Datnix
10.08.2009 08:27
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Viel zu tun

Die kriminelle Energie, auch wenn es juristisch nicht stimmt, liegt beim gezielten Nichtstun der Politik, denn die Verfassungen der europäischen Staaten garantieren die Unverletzlichkeit der Person und deren Daten. Dass keine einfachen Gesetze mit Sanktionen dazu ausgeformt werden liegt an der lobbyistischen Art der Politik. Insbesondere bei hochkomplexen Themen nehmen bei der Gesetzwerdung immer öfter wirtschaftlich Interessierte ganz unmittelbar an der Definition der Gesetze teil. Dies formen daher relativ unbeaufsichtigt und gut getarnt die Gesetze nach ihren Vorstellungen aus. Das ist der Demokratie abträglich und kann nur abgeändert werden, indem staatliche, möglichst unabhängige, brain trusts gegründet werden, die sich dieser Problemstellungen annehmen. Weiters ist es unumgänglich sowohl Politik als auch Verwaltung qualitativ zu verbessern.

Antworten Gast: Kohlhaeschen
10.08.2009 14:18
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Re: Viel zu tun

Gegen die Dummheit (oder Sorglosigkeit) der Leute ist wohl kein legistisches Kraut gewachsen, wenn der Rechtsschutz nicht zu einer weitgehenden Entmüdigung führen soll.
Wenn die AGBs nicht verstanden werden, dann sollte man die Finger gerade von solchen "Angeboten" lassen, vor allem, wenn man davon ausgehen wird müssen, dass der Anbieter am Ende Geld wird verdienen wollen; und das in solchen Fällen wohl primär mit dem Verkauf der Daten.

Antworten Antworten GG-Orange
11.08.2009 06:14
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Re: Re: Viel zu tun

trotzdem ist es bedenklich, wenn Fundamentalrechte wie derPersönlichkeitsschutz nicht in den Verfassungen selbst, sondern in Bazar-Büchern wie dem österleichischen ABGB verankert sind: absolut schutzwürdige Interessen mutieren damit zu abdingbaren Verhandlungsbasen.

Schlagzeilen Recht