CAMBRIDGE. Schon wieder Nummer eins? Dass das „Times Higher Education World University Ranking“ die Harvard University in Cambridge (Massachusetts) einmal mehr als die weltbeste Universität anführte, war in Cambridge weder dem Rektorat noch der Uni-Zeitung eine Meldung wert.
Auch unter den Studierenden der Harvard Law School war der Tenor eindeutig: „Boring.“ Von so viel Gelassenheit können Österreichs Universitäten nur träumen. Doch statt reflexhaft nach Studiengebühren zu rufen (ÖVP), sie abzulehnen (SPÖ), Ausgleichszahlungen zu fordern (ÖH, Grüne, Rektoren) oder „Exzellenzprogramme“ nach deutschem Vorbild einzumahnen (Uni-Wien-Rektor Winckler), sollten rot-weiß-rote Universitätspolitiker Lehren aus Harvards Erfolg ziehen.
Um es eingangs außer Streit zu stellen: Natürlich brauchen die heimischen Universitäten mehr Geld. Nur so können sie die Betreuungsverhältnisse verbessern, Wissenschaftler von zeitraubenden Verwaltungsaufgaben befreien und die Lehrverpflichtungen der Professoren kürzen (und damit Ressourcen für Forschung freimachen). An der Harvard Law School etwa unterrichten die meisten Professoren nur einen Kurs pro Semester (und schreiben dafür fleißig Bücher).
Bruch mit alten Strukturen nötig
Eine ausreichende finanzielle Ausstattung ist eine nötige, aber bei Weitem nicht die einzige Bedingung für wissenschaftliche Themenführerschaft. Auch ohne finanzielle Spritzen können die österreichischen Universitäten zentrale Bestandteile von Harvards Exzellenzcocktail übernehmen. Dies setzt allerdings eine neue Lern- und Lehrkultur und einen Bruch mit überkommenen Strukturen voraus.
•Die Verschulung beenden: Die Harvard Law School hat mit diesem Studienjahr die Noten abgeschafft. Ein Durchfallen ist praktisch unmöglich, doch der soziale Druck (und die hohen Investitionen) motivieren zum Mitlernen. „Knock-out-Prüfungen“, die an Österreichs Rechtsfakultäten leidlich bekannt sind, stellen eine Vernichtung von Ressourcen dar.
•Spezialisierung, Praxisnähe und Veränderung fördern: Die Harvard University hat viele Lehrbeauftragte, die nur einen Kurs aus ihrem Spezialgebiet halten. Das garantiert ein lebendiges und vielfältiges Kursangebot und stellt eine Verankerung der Lehre in der Praxis sicher. Professoren wird nahegelegt, ihr Kursangebot häufig zu verändern, um eine Verkrustung der Lehre zu verhindern.
•Mehr Transparenz schaffen: Jeder Kurs an der Harvard Law School wird von den Studierenden evaluiert. Die Ergebnisse (wie auch die Prüfungsfragen der Vorsemester) sind online abrufbar. Das schafft Transparenz und fördert die Qualitätssicherung.
•Aktivitäten außerhalb des Studienplans unterstützen: Die renommiertesten juristischen Fachzeitschriften Amerikas, darunter die Harvard Law Review, werden ausschließlich von Studierenden herausgegeben. Täglich finden mehrere Vorträge statt, die von den zahlreichen Klubs und Vereinigungen organisiert werden. Die Universität wird so zum Mittelpunkt des sozialen Lebens der Studierenden und bleibt nicht ausschließlich Ort des fachlichen Lernens.
•Studierende als kritische Stimmen ernst nehmen: Zu den besten Harvard-Kursen gehören jene, in denen externe Wissenschaftler ihre aktuellen Forschungsvorhaben anhand von Thesenpapieren diskutieren. Im Vorfeld bereiten die Studierenden kritische Kommentare vor, deren Ausarbeitung das kritische Denken schärft und das wissenschaftliche Arbeiten demystifiziert.
• Aus für Schrebergartenmentalität:An der Harvard Law School gibt es nur „law professors“. Das garantiert einen weiten Blick auf das ganze Recht, der nicht, wie oft in Österreich, an den arbiträr definierten „Fachgrenzen“ endet. Schließlich müssen auch Berührungsängste zu Methodologien und Erkenntnissen anderer Fachgebiete schleunigst abgebaut werden.
•Keine Berieselung, sondern Diskussion: In zu vielen Vorlesungen wird in österreichischen Universitäten Grundlagenstoff unterrichtet, den sich Studierende selbstständig aneignen könnten. So bleibt das intellektuelle Potenzial der Lehrenden und der Lernenden unausgeschöpft. In Harvard hingegen wird die Kenntnis des geltenden Rechts vorausgesetzt. Die Kursstunden dienen dann dazu, Reflexionen über das Recht anzustellen und Konfliktflächen abzuschreiten. Das ist weit herausfordernder – für Professoren wie für Studierende, aber zugleich äußerst bereichernd.
Tom Cruise im Law-Kurs
Die wiederholte Kür zur weltbesten Universität lockte in Harvard wie beschrieben niemanden hinter dem Schreibtisch hervor. Groß war indes die Freude, als Harvard-Absolvent Barack Obama prophylaktisch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Das konnte nur Hollywood-Star Tom Cruise toppen. Der Schauspieler tauchte vorige Woche überraschend in einer Einheit des Entertainment-Law-Kurses auf, den sein Anwalt unterrichtet. Was Praxisnähe alles kann.
Mag. Matthias C. Kettemann,
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Völkerrecht der
Universität Graz, absolviert 2009–2010 als Fulbright-Stipendiat einen Master of Laws an der
Harvard Law School.
An der Harvard Law School im amerikanischen Cambridge (Massachusetts) unterrichten die meisten Professoren nur einen Kurs pro Semester. Die Kurse sind aber keine Berieselung, sondern Lehrende und Studierende diskutieren miteinander. Die Kenntnis des Grundlagenstoffs wird vorausgesetzt. Die Harvard University bildet auch den Mittelpunkt des sozialen Lebens der Studierenden. Diese geben auch Fachzeitschriften heraus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2009)















Bewerben zahlt sich aus
