OGH: Hundertwasser-Haus ist auch von Josef Krawina

16.05.2010 | 18:22 |  BENEDIKT KOMMENDA (Die Presse)

Das Höchstgericht beendet den Streit um die geistige Schöpfung des Hundertwasser-Hauses.

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WIEN. Im Andenkenhandel rund um das sogenannte Hundertwasser-Haus in Wien-Landstraße heißt es jetzt umdenken. Ein Vierteljahrhundert nach dem Bau (1983–1985) der buntgescheckten und gerade Linien tunlichst vermeidenden Touristenattraktion im Weißgerberviertel hat der Oberste Gerichtshof (OGH) nun endgültig festgestellt: Geistiger Schöpfer des Bauwerks ist nicht der Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928–2000) allein; auch der heute 81-jährige Architekt Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Josef Krawina ist ein gleichberechtigter Miturheber (4Ob 195/09v).

Damit ist es nun verboten, Ab- oder Nachbildungen des Hauses zu verbreiten, ohne Krawina – neben Hundertwasser – als Miturheber zu nennen. Selbst die freie Werknutzung im Sinne der „Freiheit des Straßenbildes“ – die unveränderte Wiedergabe der Ansicht, wie sie ein Passant oder auch ein Bewohner des Vis-à-vis-Hauses fotografieren könnte – ist damit beschränkt und nur noch unter Nennung beider Schöpfer gestattet, erläutert Rechtsanwalt Michel Walter. Er hat die klagende H.B. Medienvertrieb GmbH vertreten, die ihrerseits Krawinas Rechte treuhändig wahrnimmt und im Hundertwasser-Krawina-Haus einen Info-Shop betreibt.

Josef Krawina, vom Anwalt der Gegenseite (KunstHaus Wien GmbH und Gruener Janura AG) Dr. Georg Zanger wenig schmeichelhaft „Zeichenknecht“ genannt, hatte an dem Projekt der Gemeinde Wien maßgeblich mitgewirkt. Er hatte den eigentlichen Baukörper entwickelt und davon ein Balsaholzmodell angefertigt. Hundertwasser kümmerte sich um die Ausstattung und die Gestaltung der Fassade. Weil dem Architekten aber die Vorstellungen des Künstlers nicht behagten, legte Krawina seinen Auftrag zurück und ließ sich von der Gemeinde mit einer Million Schilling abfertigen. Seine Rechte als Miturheber hat er damit aber nicht verloren. „Dass Krawina eigenschöpferische Beiträge zum Bauwerk erbracht hat, ist nach der Beweisergänzung durch das Gutachten des Sachverständigen nicht zweifelhaft“, so der OGH in seiner bereits dritten und wohl letzten Entscheidung in dem Streit.

Darf nun beispielsweise ein Reiseveranstalter, der eine Besichtigung des Hauses Ecke Kegelgasse/Löwengasse anbietet, nicht mehr vom „Hundertwasser-Haus“ sprechen? Für Michel Walter ist das ein „Grenzfall“; in dem Moment aber, in dem der Veranstalter eine Abbildung verwendet, dürfe er keinesfalls Krawina als Miturheber „unterdrücken“, so Walter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2010)

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13 Kommentare
Gast: Francis68
30.06.2010 16:39
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Architekt verheimlicht

Eigentlich unglaublich, dass man 20 Jahre den Architekten zu verheimlich versucht hat.

Na toll.

Von der Gemeinde Wien in das Projekt hineingehoben, dann ein Theater gemacht und freiwillig ausgeschieden und - trotz nicht ordnungsgemäß erbrachter Leistung - eine satte Steuermillion bekommen, dann auch noch als Leistungserbringer genannt werden, das nenn ich Frechheit.

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Es ist der Gipfel der frechen Anmaßung

Ein Architekt, der dem Künstler Hundetwasser (übrigens gesetzlich)aufgezwungen worden ist, möchte an der Wertschöpfung eines Kunstwerkes partizipieren und bekommt auch noch recht!

Das kann nur ein Rechtsirrtum sein. Hunderwasser sah in den Architekten profitgierige Menschenfeinde. Das war auch sein Motiv seines künstlerischen Kreuzzuges als Künstler Bauwerke zu gestalten.

Kein Architekt würde es dulden, dass der Planzeichner in seinem Architektenbüro, dem er seine groben Skizzen zur Ausarbeitung überläßt, Anteile an der künstlerischen Gestaltung zugestehen.

Wenn aber ein Künstler ein haus entwirft, dann kann der Architekt, der den Detailplan ausarbeitet natürlich sich nicht mit dem titel Planzeichenr begnügen, nein er muß das Werk den Künstler entreißen.

Der habe nur die Fasade gestaltet!
Kunst wird in diesem land eigentlich nur mehr beleidigt!

Ein schwarzer Tag für die Kultur des Landes!

@ jta: Ein sonniger Tag für Kunst und Kultur in diesem Land!


Denn es werden auch Urheberrechte der Künstler gewahrt die nicht politische Protektionskinder sind.

In seinem Tonbandbrief vom März 1980 bezeichnet Hundertwasser die Leistungen Architekt Krawinas als “gigantisch" und “fantastisch".

Deutlich klärte Hundertwasser Entstehung und Dynamik des Teams Krawina/Hundertwasser in einem Klub 2 im August 1980, in dem er sich auch allgemein über Architekten als Baukünstler äußert (Hoffmann, Loos etc.).

Obwohl Hundertwasser in der Folge die Leistungen Krawinas herunterspielte, übernahm er die Entwürfe und Pläne, drängte den Architekten aus dem Projekt und verkaufte sich selbst als Architekt.

Und so kam es wie es kommen musste: Hundertwasser konnte nie wieder an diesen ersten Erfolg anschließen.

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Re: @ jta: Ein sonniger Tag für Kunst und Kultur in diesem Land!

dnn sollte man mit architekten auch so verfahren. da würde von ihnen nicht viel überbleiben, als dass sie blos chefs von großen büros gewesen wären ...

oder nehmen sie den alten hoffmann der skizzen auf kariertes papier kritzelte, aber die möbel niemals bis ins detail ausgearbeitet hat.

von den meisten klingenden namen in der architektur, würden nüsse übrigbleiben.

@ita und andere Postings hier:


Hundertwasser hat nicht wie Arch Hoffman „Skizzen auf Papier gekritzelt“. HW ist unmittelbar nach Auftragserteilung nach Neuseeland geflohen und war in dieser wichtigen Phase für Herrn Univ Prof Arch Josef Krawina monatelang nicht erreichbar.

Erst als Arch Krawina Zeichnungen und Fotos von seinem detaillierten Balsaholzmodell schickte, kam es zu dem euphorischen Tonbandbrief HW´s vom 10.März 1980. Aus diesem Tonbandbrief geht aber auch hervor, dass HW viele architektonische Ausformungen wie Gebäudehervortretungen, Durchbrüche, die Krönung der beiden Stiegenhäuser, die Arkade in der Löwengasse, die gesamte Terrassierung etc. damals nicht einmal verstanden hat.

Interessant dazu die (spätere) Behauptung, HW habe bereits 1979 (also einige Monate vor Krawinas Balsaholzmodell) ein Zündholzschachtelmodell erstellt, bei dem zwei Durchbrüche mirakulöser weise schon vorhanden sind, die im Tonbandbrief vom März 1980 jedoch von HW noch nicht verstanden und stark kritisiert wurden.

Rückblickend stellt sich heraus, HW hat einen fertig ausgeformten Baukörper bemalt, mit Zwiebeltürmen behübscht und in der Folge viele Gestaltungsideen Arch Krawinas übernommen oder abstrahiert.
Mit diesem Ideenklau hat HW den s.g. HW–Baustil geschaffen. HW und sein Manager Joram Harel Hatten/haben in der Gedankenwelt von Halbgebildeten einfach keinen Respekt vor den Leistungen Anderer und daher einen sehr leichtfertigen und destruktiven Umgang damit.

Gast: Rumpex Lumpex
20.05.2010 23:22
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Wie dem auch sei,

mir gefällt des Hundertwasser-Haus 1000mal besser als 99% der modernen Architektur:

http://novizeigor.wordpress.com/2010/01/15/der-klotz-als-riesenschnorkel-oder-die-dogmatische-erstarrung-der-architektonischen-moderne/

also hat Herr Krawina ein normales Haus entworfen

und Herr Hundertwasser dem Haus das individuelle Äußere gegeben...

da Touristen aber nur das Äußere beurteilen, verstehe ich das Urteil nicht - Herr Krawina wäre demnach durch jeden x-beliebigen Architekten ersetzbar gewesen aber Herr Hundertwasser nicht...


Eine gewisse Eitelkeit konnte ich schon zu Lebzeiten erkennen.

Fritz Stowasser hat bunt gemalt, aber die anspruchsvolle Arbeit anderen überlassen und sich dann nichts weiter gekümmert.

Wer hat eigentlich die Müllverbrennungsanlage zu Wien gebaut?

Re: Eine gewisse Eitelkeit konnte ich schon zu Lebzeiten erkennen.

das ist genau so wie die vielen Gemeindebauten in Wien...

die wurden auch lt. Beschriftung vom jeweiligen Bürgermeister selber gebaut ;)

Endlich wird Selbstverständliches als Recht erkannt!


Der von Dr. Zanger emotional beleidigend und für außen stehende geradezu bösartig geführte Prozess ("Zeichenknecht" sagt über die charakterliche Ausstattung Dr. Zangers alles) ist nun nach vielen Jahren endlich zu Ende.
Dies ist dankenswerterweise dem Engagement und dem langen Atem der Medienvertriebs GmbH und den brillanten Kenntnissen Prof. Michel Walters geschuldet.

Die verbissenen Anfechtungen Dr. Zangers haben uns Steuerzahler sehr, sehr viel Geld gekostet und es ist daher verständlich, dass jemand wie er, der diesen Prozess mit persönlichen Untergriffen führte und somit für künftige Rechtsanwälte ein besonders schlechtes Vorbild darstellt, in dieser Causa einen abgeschmackten Eindruck hinterlässt.

Dennoch: zusammenfassend darf man der österreichischen Justiz danken dass sie unseren Glauben an diese Republik eindrucksvoll gefestigt und Prof. DI Josef Krawina zu seinem Recht verholfen hat.

PS: Ein hochinteressanter Nebenaspekt des Prozesses ist die Aufdeckung der (nicht nur steuertechnisch) getricksten Machenschaften der Nachlassverwalter mit dem wehrlosen künstlerischen Erbe Hundertwassers.

Gast: Gast
17.05.2010 09:31
8

So eine Frechheit!

Eine ganz besondere Frechheit ist ja, dass der Gaudi in Barcelona ja den einmalig originellen Hundertwasser schon vor dessen Geburt (1928) so einfach und rücksichtslos nachgemacht hat.

Re: So eine Frechheit!

köstlich!

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