Fußball und Recht: Wo der Strafraum beginnt

10.06.2012 | 18:16 |  von Sascha Bunda (Die Presse)

"Rechtspanorama am Juridicum". Ein Abend der tiefen Einblicke: Was Kicker rechtlich von anderen Arbeitnehmern unterscheidet und warum schärfere Sanktionen kein Allheilmittel gegen Gewalt im Stadion sind.

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Wien. Es war eine Art Versuchsballon, der beim letztwöchigen „Rechtspanorama am Juridicum“ losgelassen wurde. „Fußball und Recht“ – wie würde dieser Themenkomplex kurz vor dem Start der EM angenommen werden? Das gut gefüllte Dachgeschoß und die lebhafte Diskussion, die sich entspann, waren ein eindeutiges Zeichen für den erfolgreichen Jungfernflug. In Wahrheit war es aber auch kein großes Wunder, denn das Themenfeld war äußerst breit gestreut, die mediale Aufmerksamkeit der vergangenen Wochen und Monate hatte für zusätzliche emotionale Aufladung gesorgt. Die Bilder vom Platzsturm beim Wiener Derby im Mai 2011 und die Vorkommnisse beim Relegationsspiel der deutschen Bundesliga zwischen Düsseldorf und Hertha Berlin waren allen noch im Gedächtnis.

 

Kein Stacheldraht vor Fanblock

Markus Kraetschmer, Finanzvorstand des Traditionsfußballklubs Austria Wien, schilderte seine rechtlichen Probleme bei der Durchsetzung der Stadionordnung. Vor allem die unterschiedlichen Vorschriften von Bundesliga und Uefa würden die Aufgabe schwierig machen. „Wir werden das Problem nie endgültig lösen“, sage Kraetschmer illusionslos: „Wir setzen auf Dialog mit den Fans, aber es gibt auch viele Kriminelle, die die Bühne Fußball missbrauchen.“

Walter Schrammel, Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Uni Wien, der als Vorsitzender des Ständigen Neutralen Schiedsgerichtes der österreichischen Bundesliga schon des Öfteren mit Kraetschmer zu tun hatte, nutzte die Gelegenheit, um gegen zu ausschweifende „Law and Order“-Fantasien anzureden: „Auch 20 Rottweiler hätten beim Platzsturm nichts gebracht“, meinte Schrammel. Einen Zaun mit Stacheldraht vor dem Fanblock habe die Bundesliga der Austria verboten. Ireen Winter vom Institut für Strafrecht und Kriminologie an der Uni Wien, die sich in ihrer Forschung viel mit dem Thema „Fußball und Sicherheit“ beschäftigt und sich schon eingangs „als bekennender Fan“ outete, gab zu bedenken: „Es gibt einen deutlichen Rückgang bei den Anzeigen, auch bei der Pyrotechnik.“ Die meisten Probleme hätten die Sicherheitsorgane bei An- und Abreise der Fans.

 

Nudeln oder Schnitzel?

Auch sonst stand der Abend im Zeichen der tiefen Einblicke. Philipp Frenzl, ehemals unter anderem Spieler beim Wiener Sportklub und der Vienna, sprach offen über den vertraglich geregelten Verhaltenskodex eines Fußballers: „Die Spieler müssen sich an den Kollektivvertrag halten; man darf sich etwa nicht betrunken in der Öffentlichkeit zeigen und keine öffentliche Trainerkritik üben.“ Die Ernährung sei dagegen nicht vertraglich geregelt. „Ob Nudeln oder Schnitzel – das muss jeder selbst wissen.“ Bei der Vienna habe es auch Spieler gegeben, die sich vor dem Match noch ein Kebab genehmigt hätten.

Streng geht es Kraetschmer zufolge dagegen in der Austria-Kabine zu. Wenn das Handy während der Besprechung klingelt, kostet das 100 Euro – für jüngere Spieler sozial abgefedert. Diese und weitere Geldstrafen, etwa für Zuspätkommen, sammelt der Mannschaftsrat ein, mit der Summe wird am Saisonende ein soziales Projekt unterstützt. Ligastrafen würden 1:1 an die Spieler weitergegeben. Zudem klärte der Austria-Finanzvorstand die Frage, wie viele Trikots ein (violetter) Fußballer im Laufe einer Saison eigentlich ins Publikum werfen darf: Es sind fünf. Jedes weitere müsse neu produziert werden und werde vom Lohn abgezogen. Der Erfolg scheint den „Veilchen“ recht zu geben: Alkoholexzesse und Führerscheinabnahmen seien bei der Austria stark zurückgegangen.

Schrammel gab zu bedenken, dass ein Fußballer sicher andere Pflichten als andere Arbeitnehmer habe, solche Disziplinarstrafen aber betriebsratspflichtig seien.

Thomas Hollerer, Direktor für Administration und Recht im Österreichischen Fußballbund, hat dagegen mit den Nationalspielern immer mehr Arbeit: „Früher gab es ein Vertragswerk mit ein oder zwei Seiten, heute sind es fünf oder sechs. Es wird leider immer komplizierter, vor allem durch die Bilder- und Rechtevermarktung.“ Von den 20 Seiten eines durchschnittlichen Austria-Vertrages ist man beim ÖFB aber immer noch weit entfernt.

 

Ohne Maulkorb

Dass die Spieler in den Interviews nicht alles sagen dürfen, stieß einem Zuhörer im Publikum sauer auf, der die „sterilen Sprechblasen“ beklagte. Sowohl Kraetschmer als auch Hollerer wiesen zurück, dass es vertragliche Maulkorberlässe gebe. Lediglich Medienschulungen gebe es. „Einige Journalisten versuchen, mit provokanten Fragen die Fußballer zu Antworten zu bringen, die Schaden für das Unternehmen bedeuten“, meinte Hollerer zur Notwendigkeit solcher Trainings.

Dass die oft – zuletzt vom deutschen Innenminister Hans-Peter Friedrich – geforderte Abschaffung von Stehplätzen das Allheilmittel gegen Fanausschreitungen sind, das bestritten alle fünf Podiumsgäste. Sowohl Winter als auch Kraetschmer meinten, ein solches Verbot würde die Gewalt nur vor das Stadion verlagern. „Die Verschärfungen von Sanktionen bewirken in diesem Fall nur das Gegenteil“, warnte Winter. „Wir werden keine perfekte Lösung finden. Vielleicht würde aber ein Punkteabzug für den Klub die Fans zum Umdenken bringen“, stellte Schrammel eine weitere Möglichkeit in den Raum.

Denn auch mit Schadenersatz ist es oft schwierig. Nach dem Skandalspiel gegen Bilbao in der Europa League 2009 forschte die Austria 25 Personen aus, gegen die Ansprüche möglich gewesen wären. „Das waren arbeitslose 13- bis 16-Jährige, da war nichts zu holen“, meinte Kraetschmer.

„Presse“-Diskussion

Das „Rechtspanorama am Juridicum“ ist eine Diskussionsreihe, die von der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und der „Presse“ organisiert wird. In der letztwöchigen Debatte beschäftigten sich die Diskutanten mit dem Spannungsfeld „Fußball und Recht“. Beklagt wurden dabei etwa die unterschiedlichen Vorschriften von Bundesliga und Uefa, die Klubs vor schwierige Aufgaben stellen. Die meisten Probleme mit Fans gibt es bei der An- und Abreise. Grundsätzlich geht die Zahl der Anzeigen aber zurück. Auch arbeitsrechtliche Fragen wurden debattiert: So dürfen Austria-Spieler nur fünfmal pro Saison ihre Arbeitskleidung – sprich ihr Trikot – verschenken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)

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3 Kommentare

Rückgang der Anzeigen

Weil Anzeigen nix nutzen.

Gast: Analyst
11.06.2012 15:04
1

Es ist nicht einzusehen, warum...

... die Steuerzahler wegen einiger Randalierer und Pyromanen immer wieder für den Einsatz der Exekutive zur Kasse gebeten werden, Deshalb die Forderung: Wenn irgendwo gezündelt oder randaliert wird - Stadion mindesten 3 Monate während der Spielzeit für die Besucher sperren und den jeweilgen Club zur Kasse bitten. Radikal und ohne Ausnahme - dann wäre bald Schluß mit diesem Unfug - und wenn ein Randalierer audgeforscht werden kann - sofort Vorstrafe und mindestens 2 Monate Haft.

Antworten Gast: argesauge
15.06.2012 10:56
0

Re: Es ist nicht einzusehen, warum...

achja

und für rücksichtslose Autofahrer die tausende verletzte und auch tote! in Kauf nehmen gibt's dann was? etwa 2 Jahre ohne Prozess ?????

Führerschein und Pkw Entzug für zehn Jahre ???

für downloaden mach ma dann drei Monate plus ein Jahresgehalt usw.???



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