Marco Antonio Mróz ist ein Grüner Dinosaurier. 1986 zählte er zu den Gründungmitgliedern der brasilianischen Grünen (Partido Verde). Heute sitzt er im Parlament in der Hauptstadt Brasilia und ist Außenpolitischer Sprecher seiner Partei. Mit 14 Sitzen von 534 Abgeordneten sind die Grünen allerdings nur eine kleine Minderheit im brasilianischen Hohen Haus.
Grundsätzlich bewerten die Grünen das brasilianische Pro Àlcool Programm als Erfolgsgeschichte, andererseits sehen sie viele Probleme, die durch den Ethanol-Boom erst entstehen. „Die Pestizide sind zum Beispiel ein großes Problem, denn die Insektenvernichtungsmittel haben bereits einen großen Teil des Guarani-Grundwassers (das größte Trinkwasserreservoir der Welt) im Bundesstaat São Paulo vergiftet", sagt Marco Antonio Mróz.
„Ein anderes Problem sind die katastrophalen Arbeitbedingungen in manchen Zuckerrohr Fabriken. Vor allem im Nordosten des Landes werden die Rechte der Arbeiter weiterhin verletzt. Und obwohl die Situation im Südosten besser ist, gibt es auch hier große Probleme", bemängelt er. Denn auch wenn die Grüne Partei eine Umweltpartei sei, dürfe man nicht auf die sozialen Belange vergessen. „Wenn man über Umwelt redet, muss man auch über die soziale Situation reden. Die Umweltthemen und die sozialen Themen lassen sich vor allem in Brasilien nicht voneinander trennen."
EU soll Druck machen
Trotz allen Schwierigkeiten sind die brasilianischen Grünen grundsätzlich für den Einsatz von Biotreibstoffen, jedoch könne das nicht die einzige Alternative zum Erdöl sein. „Brasilien kann nicht Ethanol für die ganze Welt erzeugen", meint Mróz. Die Grünen fordern von der Regierung rigidere Gesetze gegen Umweltzerstörung und gegen Ausbeutung von Zuckerrohrarbeitern, die von der Wirtschaft auch eingehalten werden müssen. „Wenn die EU Ethanol importieren will, soll sie Druck auf Brasilien ausüben, indem sie Sozial- und Umweltstandards einfordert", sagt Mróz.
Eine Alternative zum Erdöl
Marcos Jank zeichnet im Gegensatz dazu ein weitaus positiveres Bild vom Bioethanol-Boom in Brasilien. Jank ist Präsident der União da Indústria de Cana-De-Açúcar (UNICA), der Dachverband der größten Ethanolproduzenten im Bundesstaat São Paulo. Der Verband plant in Brüssel, Washington und in einer Metropole Ostasiens Lobbying-Büros für Ethanol zu installieren. Die Eröffnung der Außenstelle in Brüssel wird noch in diesem Monat gefeiert werden. Marcos Jank ist ein smarter Geschäftsmann mit libanesisch-deutschen Wurzeln und hat eine grundlegende Botschaft: „Bioethanol ist eine mögliche Alternative zum Erdöl, die man nutzen sollte."
„Es gibt zwei wichtige Punkte die für den Einsatz von Bioethanol sprechen. Erstens ist die Ära des billigen Erdöls vorbei, daher sucht die Welt nach Alternativen – Ethanol kann eine Alternative sein. Zweitens sucht die Welt auch nach Wegen die Treibhausgas- Emissionen zu reduzieren und auch in diesem Bereich ist Ethanol dem Erdöl bei weitem überlegen."
Das Argument, dass der gesteigerte Anbau von Zuckerrohr den Amazonas-Regenwald zerstöre, lässt Marcos Jank nicht gelten. „Brasilien ist 850 Millionen Hektar groß, von diesen werden nur 60 Millionen landwirtschaftlich genutzt. Zuckerrohr wird auf sieben Millionen Hektar angebaut. Die Behauptung, dass die Ethanol-Industrie zuviel Land braucht ist daher einfach falsch", erklärt Jank.
Übertriebene Aufregung
Die schlechten Arbeitsbedingungen würden nicht ein so großes Problem darstellen, wie viele behaupten. „Natürlich gibt es Probleme, das verleugnen wir auch gar nicht, nur sind sie nicht so gravierend, wie es immer dargestellt wird. Im Jahr 2006 sind 17 Zuckerrohrarbeiter im Zuge ihrer Arbeit gestorben, keiner davon während der Ernte, sondern zum Beispiel bei Busunfällen auf dem Weg zur Arbeit. Angesichts von 400.000 Zuckerrohrarbeitern in ganz Brasilien sind 17 verunglückte Arbeiter keine so hohe Zahl."
Auch die Probleme im Amazonas Regenwald hätten einen anderen Ursprung. Denn es gäbe keine Kontrolle, keine Gesetze und keine Bodenrechte in Amazonien. „Wir wollen die Zuckerrohrfelder nicht nach Amazonien oder in die brasilianischen Feuchtgebiete ausdehnen, uns reicht der Bundesstaat São Paulo und der ist über 2000 Kilometer vom Amazonas entfernt, das müssen wir Europa klar machen."
In Europa würde eine starke Agrar-Lobby verhindern, dass Brasilien Ethanol in die EU exportiere. Die meisten Vorurteile die man in Europa über Bioethanol habe, würden entweder auf falscher Information oder Missverständnissen beruhen. „Wenn die EU angesichts des Klimawandels wirklich besorgt ist, muss sie ihre Märkte öffnen und dem brasilianischen Bioethanol eine Chance geben", fordert Jank.
Keine schwarz/weiß Malerei
Die brasilianische Regierung predigt wiederum eine differenziertere Sicht. Der Umweltminister des Bundesstaates São Paulo, Francisco Graziano, meint: „Insgesamt hat uns der Ethanol-Boom mehr Vor- als Nachteile gebracht. Besonders in São Paulo Stadt hat sich die Luftqualität wegen dem erhöhten Einsatz von Ethanol massiv verbessert. Hier sind die positiven Ergebnisse deutlich spürbar."
Doch es gäbe auch negative Seiten. Denn São Paulos Umweltminister Graziano ist besorgt, dass durch die Ausdehnung der Zuckerrohrfelder noch mehr Atlantischer Urwald im Bundesstaat São Paulo zerstört wird. „Wir haben nun ein Gesetzt erlassen, das jedes Ethanolunternehmen dazu verpflichtet auf seinem Anbaugebiet 6000 Hektar neuen Wald zu pflanzen. Bis 2010 wollen wir sechs Millionen Hektar Urwald wiederaufforsten", sagt er.
„Wir wollen die Vorteile des Bioethanols nicht leichtfertig verlieren, der unverantwortlichen Expansion des Zuckerrohrs müssen wir aber Einhalt gebieten."
Mehr Alkohol = weniger Lungenkrankheiten
Moacyr Castro schreibt seit Jahrzehnten für eine der besten Zeitungen Brasiliens, "O Estado de São Paulo", und zählt zu den größten Befürwortern der Ethanol-Technologie.
„Das brasilianische Volk ist das einzige der Welt, das an den Tankstellen wählen kann, ob es mit Alkohol oder mit Benzin fahren will. Und natürlich entscheidet sich die Mehrheit für Ethanol, weil es um fast die Hälfte billiger ist als Benzin. Der Umweltgedanke spielt bei den meisten Leuten allerdings überhaupt keine Rolle", sagt Castro. Trotzdem sei der Umweltgedanke der zentrale Punk in der ganzen Bioethanol-Diskussion. Man müsse nur die Entwicklung der Lungenkrankheiten in der Stadt São Paulo beobachten: „Wenn mehr mit Alkohol gefahren wird, geht der Anteil an Lungenkrankheiten spürbar zurück."
Plastik aus Zuckerrohr
„Der Zuckerrohranbau ist eine saubere Sache. Wenn man Zuckerrohr in Europa anpflanzen könnte, würde man das sofort machen. Sogar ein Abfallprodukt der Ethanolherstellung kann man noch sinnvoll verwenden. Der trockene ausgepresste Rest des Zuckerrohrs wird verbrannt und daraus wird Strom erzeugt. Alleine ein Hektar Zuckerrohr kann neun brasilianische Haushalte über ein halbes Jahr mit Strom versorgen", schwärmt Castro.
Dazu komme, dass diese Form der Energiegewinnung extrem billig sei. „Eine Kilowattstunde Nuklearenergie kostet 4000 US-Dollar. Eine Kilowattstunde aus Bagaço (das Abfallprodukt des Zuckerrohrs) kostet lediglich 800 US-Dollar", sagt Moacyr Castro. „Die Zuckerindustrie könnte die Ölindustrie ersetzen und trotzdem wird die Petroindustrie weiterhin gefördert."
Mittlerweile seien zahlreiche brasilianische Unternehmen so weit, dass sie nicht nur Zucker und Ethanol aus Zuckerrohr herstellen, sonder auch biologisch abbaubares Plastik. „In Brasilien wird aus dem Rohstoff Zuckerrohr Plastik für Kugelschreiber, Einkaufssackerl oder Kreditkarten erzeugt. Aus Zuckerrohr können über 100 unterschiedliche Produkte hergestellt werden", erklärt Castro – „Man wartet in Brasilien im Grunde nur noch auf finanzkräftige Investoren"





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Das Finale: Fünf Kandidaten, vier Juroen, eine Siegerin.
Peter Babutzky ging bei Reporter08 als Sieger aus rund 250 Bewerbern hervor. Der Vorarlberger ist 21 Jahre alt und studiert Journalismus an der FH Wien.
Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
