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¿Lieber mit dem Fahrrad, als mit Ethanol im Tank¿

25.02.2008 | 11:09 |   (DiePresse.com)

In São Bernardo bebt der Boden. Nicht weil dort zwei tektonische Platten aufeinandertreffen und regelmäßig Erdbeben auslösen, sondern weil hier einer der größten Arbeitgeber Brasiliens ein Werk betreibt ¿ Volkswagen do Brasil. Am Besucherparkplatz spürt man die Erschütterungen der Pressen, man hört, wie Werkzeug auf Blech schlägt und Gummi über den Beton radiert. Das braun-rot geziegelte Firmengebäude ist von einem hohen Metallzaun und Sicherheits-Checkpoints umgeben. Man kann ins Werksgebäude nicht hineinsehen, es gibt nur kleine, schmale metallene Fensterschlitze, durch die frische Luft in die Fabrikshalle strömt Auf der benachbarten Autobahn donnern Laster und Autos in Richtung Süden, an die Küste des Bundesstaates São Paulo.

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Am Eingang wartet Aline, eine der Frauen, die hier für die Pressearbeit zuständig ist. Sie fährt uns mit einem knallroten VW-Polo zum Verwaltungsgebäude des VW-Werks. Über 10.000 Menschen arbeiten in São Bernardo für den deutschen Autokonzern. Das Gelände ist so groß, dass es eine eigene Kranken- und Polizeistation gibt. Ampeln regeln den Verkehr.

Warum wir hierhergekommen sind? Hier steht die Wiege des Ethanol-Booms. VW war das erste Automobil-Unternehmen in Brasilien, das ein sogenanntes „Flex-Fuel“-Auto auf den Mark gebracht hat. Flex-Fuel-Autos können mit Ethanol und Benzin in jedem beliebigen Mischungsverhältnis betrieben werden, die Menschen mussten nicht mehr Angst haben, dass es Ethanolengpässe geben könnte und sie mit ihrem Ethanolauto auf dem Trockenen sitzen.

„2003 passte alles zusammen. Politischer Wille, Technologie und der brasilianische Auto-Markt waren bereit für die Einführung des Flex-Motors. Wir waren die Ersten, die an die Ethanol-Lösung glaubten und 2003 war es billig genug einen Flex-Motor in einen VW Gol (Nein, das ist kein Tippfehler, der heißt wirklich so – Gol nennen die Brasilianer ein Goal, ein Tor im Fußball) einzubauen“, erklärt Roger Tadeu. Er ist Manager des Büros für Antriebstechnik bei VW.

(c) Thomas Seifert Roger Tadeu, Manager des Büros für Antriebstechnik bei VW

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In fließendem Englisch schwärmt Herr Tadeu von den Vorzügen des Ethanols und des Flex-Motors. Im Grunde könnte er unsere Fragen aber auch auf Deutsch beantworten, denn zweimal wöchentlich besucht er einen Deutsch-Kurs auf dem VW-Gelände. „Deutsch erleichtert einem das Leben bei Volkswagen natürlich schon sehr“, sagt er mit portugiesischem Akzent.

Die boomende brasilianische Wirtschaft führt dazu, dass die heimische Automobilbranche so richtig Gas gibt. Nahezu alle Autokonzerne, darunter auch VW, konnten letztes Jahr ein Rekordergebnis verzeichnen. „Die Marketing-Abteilung sitzt den Ingenieuren bereits im Nacken, da der Markt nach neuen Automodellen verlangt. Alleine im letzten Jahr haben wir 600.000 Autos vom Fließband gelassen“, schwärmt Herr Tadeu. Mehr als 90 Prozent dieser Autos sind mit einem Flex-Motor ausgestattet: „Es gibt in Brasilien eigentlich keinen Grund, warum man ein Flex-Auto mit Benzin betanken sollte. Ethanol ist um die Hälfte billiger und noch dazu umweltfreundlicher als Benzin.“

Eher mit dem Fahrrad…

José Carlos Manço kann angesichts solcher Aussagen nur den Kopf schütteln: „Eher würde ich mit dem Fahrrad fahren, als mit Ethanol im Tank“, sagt er. Mit eindringlicher Bestimmtheit schildert der ehemalige Lungenfacharzt in seinem Haus, auf einem Hügel von Ribeirão Preto, seine Sicht der Dinge. Neben ihm sitzt seine Frau. Sie bringt Kaffe in einer dunkelblauen Kanne mit gelben Sternen. Über der Eingangstür ist ein metallener Stern in ein rundes Fenster eingelassen. Ein anderer Stern aus buntem Glas baumelt von der Decke. Vom Nachbargebäude dringt das laute und aggressive Bellen von Hunden in das Wohnzimmer. Auf einem Abstelltisch neben dem Sofa reihen sich sechs unterschiedliche Aschenbecher auf. „Das Rauchen konnte mir mein Mann, der ehemalige Lungenspezialist, nie ausreden“, erklärt Frau Manço grinsend.

(c) Thomas Seifert José Carlos Manço, ehemaliger Lungenfacharzt

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Doch beim Thema Ethanol und Zuckerrohr werden beide schlagartig sehr ernst. Die Manços wohnen in der Hauptstadt des brasilianischen Agro-Business – in Ribeirão Preto. Rund um die Stadt dehnen sich kilometerlang leuchtend grüne Zuckerrohrfelder im Cinemascope-Format über die sanfte hüglige Landschaft aus.

„Não, Não – das Ethanol ist keine gute Sache für uns und auch nicht für Brasilien“, sagt Frau Manço. In seinem ehemaligen Arzt-Beruf hat sich Herr Manço intensiv mit den Auswirkungen des Abbrennens der Zuckerohrfelder befasst. Bevor die Zuckerrohrarbeiter auf die Felder ausrücken, zünden die Arbeiter die trockene Zuckerrohr-Plantage an. Zum einen verbrennen dadurch die messerscharfen Zuckerrohr-Blätter, zum anderen müssen dann nur die saccarosehaltigen Zuckerrohrstämme im Laster transportiert werden – das spart Platz und somit Transportkosten. Durch die Wasserverdunstung während des Feuers werde das Zuckerrohr auch leichter.

„Jedes Jahr von April bis November, während der Erntezeit des Zuckerrohrs, schneit es wegen dieser Plantagenfeuer schwarzen Schnee vom Himmel über Ribeirão Preto“, sagt Herr Manço. Doch nicht nur der apokalyptische Anblick sei erschreckend, sondern auch die gesundheitlichen Folgen der Feuer.

„Zu Beginn meiner Karriere als Lungenarzt ist mir aufgefallen, dass immer mehr Menschen in der Region von Ribeirão Preto an Lungenkrankheiten leiden. Zuerst war es nur eine subjektive Einschätzung von mir, bis mein Kollege Professor Antônio Ribeiro Franco in einer sozial-medizinischen Studie einen empirischen Zusammenhang zwischen Lungenkrankheiten und Verbrennungen in der Zuckerrohr-Erntezeit beweisen konnte“, erklärt Manço.

Im Jahr 1995 konnten brasilianische Wissenschafter nachweisen, dass die Asche des verbrannten Zuckerrohrs hohe Anteile an gefährlichem Feinstaub enthält. „Das ist besonders für Kinder und alte Menschen gefährlich, doch die Ethanol-Produzenten und Plantagen-Besitzer ignorieren dieses Faktum bis heute“, sagt Manço.

„Und das ist nur ein negativer Aspekt an der Ethanol-Gewinnung. Denn immer noch werden die Rechte der Zuckerrohrarbeiter mit Füßen getreten und der hohe Einsatz von Pestiziden vernichtet unser Grundwasser“, sagt Manço. Jose Manço ist nach Meinung der Umweltaktivisten in der Stadt ein kleiner David, der gegen den gigantischen Goliath, bestehend aus Ethanol-Konzernen, Medien und Politikern, ankämpft. „Ich bin nicht zum David geworden aus ideologischen Gründen, sondern weil ich gesehen habe, dass die Ethanolherstellung große Probleme mit sich bringt“, erklärt er. „Der Treibstoff Ethanol mag sauber sein, doch die Herstellung ist eine schmutzige Sache.“

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Über die Reise

  • Bioethanol gilt als Wunderwaffe gegen den Klimawandel. Die Reise führt nach Brasilien, wo fast jedes zweite Auto mit dem „grünen“ Kraftstoff fährt. » mehr

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