Eine kleine Sporttasche gefüllt mit Hosen und T-Shirts liegt auf einer der Matratzen, rechts in der Ecke steht eine zu oft benutzte Waschmaschine. An den Wänden breiten sich einzelne dunkle Flecken aus, die durch die hohe Luftfeuchtigkeit und den Dauerregen des Süd-Brasilianischen Sommers entstanden sind. Durch eine schmale Durchreich-Luke dringt Essensgeruch aus dem benachbarten Wirtshaus in den kleinen Raum. Die Wanderarbeiter aus dem Nordosten Brasiliens treiben den brasilianischen Ethanol-Boom vorwärts und profitieren dennoch kaum vom aufstrebenden Wirtschaftszweig.

„Dies ist bereits mein viertes Jahr als Zuckerrohrschneider hier in Guariba in der Region Ribeirão Preto", sagt Jose Raimundo da Silva Rocha. „Die Arbeit ist hart, aber bei uns Zuhause in Maranhão gibt es für uns keine Arbeit, hier können wir Geld verdienen". Man sieht ihm die Kräfte zehrende Arbeit an. Jose ist klein, bullig und muskelbepackt. Doch Jesus liebt ihn. Um den Hals trägt er eine schwarze Holzperlenkette an der ein Bildnis von Gottes Sohn baumelt. Auf den linken Unterarm hat er sich eine Spinne, die gerade ihr Netz spinnt, tätowieren lassen. „Ich werde noch sechs Jahre auf dem Zuckerrohrfeld arbeiten, danach werde ich es nicht mehr schaffen", erklärt er.
Jose verdient für einen Monat Zuckerrohr schneiden um die 900 Reais (ca. 380 Euro). 70 Reais zahlt er für sein Bett im Arbeiterlager, wo er die Küche und die Waschmaschine mitbenutzen darf. „Ungefähr 300 Reais kann ich jeden Monat zu meiner Familie nach Maranhão schicken", sagt er. Um ihn haben sich die Neuankömmlinge aus dem armen Norden Brasiliens geschart, die von Strohmännern in den reichen Süden des Landes gebracht worden sind, um dort auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten. Drei Tage sind sie in einem Bus gesessen, für die Fahrkarte haben sie 200 Reais (ca. 90 Euro) gezahlt. Der jüngste ist 19 Jahre alt - das normale Einstiegsalter für einen Zuckerrohrschneider. Die große Mehrheit der Zuckerrohrernter ist zwischen 18 und 35 Jahren alt, danach wird die Arbeit für die meisten zu schwer - viele werden krank.
Moderne Sklaven?
Mit den Arbeitsbedingungen der Zuckerrohrarbeiter beschäftigt sich die Soziologie-Professorin Maria Moraes im 80 Kilometer entfernten São Carlos schon seit über 30 Jahren. „In einer meiner Studien habe ich herausgefunden, dass die Lebenserwartung der Zuckerrohrschneider 15-20 Jahre unter dem der Durchschnittsbevölkerung liegt - die Lebenserwartung der brasilianischen Sklaven in der Kolonialzeit wies keinen so hohen Unterschied zur Normalbevölkerung auf", erklärt sie. „Der Feitor (der Sklaventreiber in der Kolonialzeit) treibt die Zuckerrohrschneider erbarmungslos an, ihnen wird keine Pause gewährt. Auf den Feldern herrscht ein hoher psychologischer Druck. Erfüllt jemand nicht den täglichen Soll von 10-15 Tonnen Zuckerrohr, wird er einfach gefeuert."
Die etwa 60-jährige Frau betont dies alles mit Nachdruck und Leidenschaft. Für sie sind die Landarbeiter mehr als nur ein soziologisches Forschungsobjekt, denn ihre Eltern waren selbst Kleinbauern, die unter schwersten Bedingungen ihr Überleben sichern mussten.
„Nur wenige Stunden vor der Ernte werden die Zuckerrohrfelder angezündet, um sie anschließend besser abernten zu können. Die Arbeiter atmen die giftige Asche ein, die Hitze lässt ihre Körper ermüden und der enorme Leistungsdruck bringt sie an die Grenzen ihrer körperlichen Möglichkeiten. Die Arbeiter sterben an den Folgen der unmenschlichen Arbeit", erklärt Frau Moraes. „Denn im Grunde ist das eine Arbeit, die kein Mensch machen sollte. Diese Arbeit existiert nur weil sie immer noch billiger ist als die maschinelle Ernte.
Schuften gegen Arbeitslosigkeit
In einem kleinen Raum, an dessen Decke ein dunkelbrauner Ventilator surrt, erklärt Wilson Rodrigues da Silva, Präsident der Gewerkschaft der Zuckerrohrarbeiter von Guariba die Sicht der Arbeiter: „Na klar, ist der Job hart, aber was sollen wir sonst machen? Es gibt für uns auf dem Land keine andere Arbeit, wenn man die ganze Ernte mit Maschinen macht, dann sind wir arbeitslos", sagt er. „Unsere Hauptforderung ist eine gerechtere Bezahlung, denn wir bekommen von den Profiten der Zuckerrohrunternehmen wenig ab - wir finanzieren sie sogar."
In Brasilien wird die Errichtung und der Ausbau von neuen Ethanol-Anlagen immer noch subventioniert - auch aus den Steuergeldern der 400.000 Zuckerrohrarbeiter des Landes, die von den hohen Erlösen der Unternehmen oft nur wenig sehen. „Wer sind die, die wirklich arbeiten? Wir sind die wichtigsten und gleichzeitig die am wenigsten geschätzten Menschen im ganzen Zucker- und Ethanolgeschäft", donnert Wilson. Dessen Stimme an manchen Stellen sehr laut wird und den kleinen Raum erzittern lässt. Oft wirken seine Sätze wie Kampfreden, die er sonst vor großen Versammlungen seiner Gewerkschafts-Genossen hält.
Er verkörpert eine Art von Gewerkschaftsführer, den es in Europa kaum mehr gibt. Von ganz unten hat er sich stetig nach oben gearbeitet: „Im Jahr 1979 bin ich aus Parana in den Bundesstaat São Paulo gekommen, wo ich mit 14 Jahren das erste Mal auf einer Zuckerrohrplantage gearbeitet habe. Von da an habe ich jede Saison auf den Feldern Zuckerrohr geschnitten, bis ich 1992 diese Gewerkschaft in Guariba mitgegründet habe und seither für sie arbeite", sagt er.
Im Kellergeschoß eines niedrigen Wohnhauses in einer Seitenstraße von Guariba hat sich die Gewerkschaft ein Sozialzentrum eingerichtet. In einer kleinen Zahnarztpraxis können die Zuckerrohrarbeiter ihre Zahnschmerzen kostenlos behandeln lassen, für deren Kinder hat die Gewerkschaft einen Computerraum eingerichtet, wo sie um 15 Reais einen PC-Kurs machen können - ein Luxus den sich eine Zuckerrohrarbeiter Familie für gewöhnlich nicht leisten kann. All diese Projekte betreibt die Gewerkschaft ohne unterstützende Mittel der Regierung. Denn „die Regierung hat uns alle enttäuscht", klagt Wilson.
„Präsident Lula hat viel versprochen und nur wenig gehalten", sagt Wilson. „Das Problem von Brasilien ist, dass hier alles falsch ist: Die, die richtig arbeiten, leben in Armut und besitzen fast nichts. Finden sie keine Arbeit auf dem Land, ziehen sie in die Städte, wo sie allzu oft auch keinen Job finden. Der einzige Ausweg ist eine Landreform."
Die Utopie der Landlosen
Nur wenige Kilometer von der Innenstadt Ribeirão Pretos entfernt, hat sich die Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) den Traum einer Landreform bereits erfüllt. Die größte Sozialbewegung Lateinamerikas strebt seit Jahrzehnten eine gerechtere Aufteilung des brasilianischen Bodens an, der in Besitz weniger Großgrundbesitzer ist. Die arme Landbevölkerung besitzt oftmals keinen Quadratmeter brasilianischen Bodens, was sie entweder in die Favelas der Großstädte treibt oder auf die Zuckerohrfelder der Großgrundbesitzer. Dieser ungerechten Verteilung von Land hat MST den Kampf angesagt.
Die abgelegene Fazenda der Sozialbewegung gehört der katholischen Kirche, die das kleine Fleckchen Land der links-gerichteten Organisation zur Verfügung gestellt hat. Das ganze Gelände erinnert an eine Hippie-Kommune aus den 60er Jahren. Studenten und Schüler lernen in Seminaren eine umweltfreundliche Bewirtschaftung von Grund und Boden. Im Schatten eines 450 Jahre alten Baumes sitzen die Studenten und Schüler. Ein breiter Aufgang führt in den Speisesaal der Kommune, ein großes überdachtes Wohnzimmer.
Gekocht wird auf drei eisernen Kochplatten, die durch ein darunterliegendes Ofenfeuer erhitzt werden. Das Essen kocht die Kommune nur aus den Produkten, die sie selber anpflanzen. Es gibt Bohnen, Reis, Maniok-Mehl und Fleischeintopf. „Wir bewirtschaften vier Hektar Land zum Eigenbedarf", erklärt Companheiro Hemes, wie ihn hier alle nennen.
Hemes ist das, was man im fernen Europa einen Sozialromantiker nennen würde. Er trägt lange Rasta-Locken, ein Hemd mit weit offenem Kragen und robuste Trecking-Schuhe. „Wir möchten zeigen, dass es eine Alternative zum brutalen Monokultur-System gibt. In Europa gibt es zum Beispiel noch klein-bäuerliche Strukturen, hier in Brasilien existiert im Grunde keine Landbevölkerung mehr. Die wenigen kleinen Landbesitzer haben ihre Böden verkauft und sind in die Städte gezogen. Diese Kleinbauern haben den natürlichen Umgang mit der Natur verlern
Landbesetzungen
Am zweiten August 2003 stürmten 150 Landlose die Fazenda Barra nur wenige Kilometer von Ribeirão Preto entfernt und nahmen das dortige Land in Besitz. „Zwölf-Mal hat die Polizei versucht uns von diesem Gelände zu vertreiben - Zwölf-Mal sind sie gescheitert", erklärt Companheiro Hemes.
Von der MST-Kommune fährt man nur dreißig Minuten mit dem Auto zur Fazenda Barra. An den Grenzen des besetzten Landes stehen kleine hölzerne Wachhäuschen, in denen ein Bewohner des Camps die Grenze bewacht. Überall wehen die roten Fahnen von MST, die einen Arbeiter und eine Arbeiterin vor den Umrissen Brasiliens als Wappen führt - der Arbeiter streckt eine Machete in die Höhe. „Wir haben hier dem Agro-Business unsere Fahnenstange mitten durchs Herz gestoßen", erklärt Hemes stolz. Über eine holprige Sandpiste rollt unser Auto durch das Camp: „Auf dem Gelände leben über 2000 Familien. Jede von ihnen bewirtschaftet etwa einen Hektar mit allem was sie zum Leben brauchen. Wir pflanzen hier unterschiedlichste Kulturen nebeneinander an: Bohnen, Mais, Maniok oder Kürbisse", erklärt Hemes
In provisorisch zusammengezimmerten Hütten aus Holz-Spanplatten leben die Familien. Es ist ein bescheidenes Leben, denn außer der kleinen Landwirtschaft, die sie betreiben, besitzen sie fast nichts. Am ersten Mai letzten Jahres hat MST dieses Land zugesprochen bekommen - wenigstens hier dürfen die Landlosen, ohne Angst vertrieben zu werden, bleiben.
Arm aber frei
Wir halten neben einer Holzhütte. Ein lateinamerikanisches Klischee wird Realität. Von weitem hören wir schon Gitarrenklänge und sanften Gesang. Manuel Maraulino dos Santos lebt gemeinsam mit seiner Frau in dem kleinen Holzverschlag. Gleich neben der Hütte wächst eine Bananenstaude. Die Nachbarn sind zu Besuch. Jonas, einer der Nachbarn, begleitet auf seiner Gitarre den ruhigen, getragenen Gesang eines Kirchenliedes. Die Nachbarstöchter kichern und wundern sich über unsere seltsamen Fragen: „Ihr habt hier kein elektrisches Licht?", fragen wir. „Nein, aber wenn wir Licht brauchen, haben wir eine Gas-Lampe", erklärt Manuel. Er lebt seit der Gründung des Camps hier mit seiner Frau. Die einzige Tochter der beiden ist mit ihrem Ehemann in die Stadt Ribeirão Preto gezogen.
Unter einem hölzernen Abstelltisch ruht der ganze Besitz der Familie in leeren Plastikflaschen - Pflanzensamen. Diese werden sie bei der nächsten Ernte auf ihrem einen Hektar großen fruchtbaren Boden einsetzen. Sie kochen über einer offenen Feuerstelle und ernähren sich von dem was ihr Land hergibt. „Ich glaube es wäre besser, wenn kein Zuckerrohr angebaut werden würde, dann wäre mehr Platz für uns da", sagt Manuel. Er ist zufrieden mit seinem Leben: „Ja, wir leben bescheiden, aber es ist besser als in eines der Elendsviertel der Städte zu ziehen. Hier leben wir viel freier."


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Das Finale: Fünf Kandidaten, vier Juroen, eine Siegerin.
Peter Babutzky ging bei Reporter08 als Sieger aus rund 250 Bewerbern hervor. Der Vorarlberger ist 21 Jahre alt und studiert Journalismus an der FH Wien.
Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
