Am 15.02. haben wir uns von Wien via Frankfurt auf den Weg gemacht, haben Experten in São Paulo, Ribeirão Preto und São Carlos befragt, Zuckerrohr-Plantagen und Ethnaol-Raffinerien in Ribeirão Preto, Maceió und Recife besucht, waren auf einer von der Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) besetzten Farm und bei Volkswagen do Brasil in São Bernardo do Campo, um uns das neueste „Flex-Fuel"-Modell - mit dem man mit Alkohol oder Benzin fahren kann - zeigen zu lassen.
Mehr als zwei Wochen, 25.878 Flug- und 2.256 KFZ-Kilometer später lautet die Antwort: Sim und Não - Ja und Nein. Álcool ist als Treibstoff sicherlich unproblematischer als Benzin oder Diesel. Alkohol verbrennt relativ rückstandsfrei und sauber zu Kohlendioxid und Wasser. Die Belastung mit Stickoxiden, Feinstaub oder Schwefeldioxid ist deutlich geringer als bei der Verbrennung von Kohlenwasserstoffen. Die CO2-Belastung ist deutlich geringer, weil ein sehr großer Teil des Kohlenstoffs, der später die Energie im Motor liefert, von den verarbeiteten Zuckerrohrpflanzen aus der Atmosphäre gebunden worden ist.
Brasilien produzierte im vergangenen Jahr mehr als 17 Milliarden Liter Ethanol und konnte seine Abhängigkeit von Erdöl drastisch reduzieren. Durch die zunehmende thermische Verwertung des bei der Ethanol- und Zuckerverarbeitung entstehenden Ernterückstands wird erneuerbare elektrische Energie erzeugt. Das Endprodukt Ethanol ist also klimafreundlich, die Ethanolherstellung effizient.
Doch der Zuckerrohranbau gigantischen Ausmaßes (7,3 Millionen Hektar, das entspricht fast der gesamten Fläche Österreichs) hat dramatische Folgen für weite Landstriche in den brasilianischen Bundesstaaten São Paulo, Alagoas und Pernambuco.
• Abbrennen: Die meisten Felder werden vor der Ernte abgebrannt, damit das Zuckerrohr leichter eingebracht werden kann. In dieser Zeit steigt die Luftverschmutzung in den Erntegebieten dramatisch an.
• Die Arbeitsbedingungen der Zuckerrohrschneider sind extrem hart. Die Lösung dieses Problems: Die Mechanisierung der Ernte. Die Gewerkschaften lehnen diese Lösung allerdings ab: Ein Knochenjob ist immer noch besser, als gar keiner, sagen sie. Allerdings: Die Mechanisierung macht auch m das Abbrennen der Felder überflüssig. Da der Einsatz von Erntemaschinen in den meisten Teilen des Landes zudem auch billiger ist, als die manuelle Ernte, geht der Trend in diese Richtung. Doch was soll mit den dann überflüssig gewordenen Zuckerrohrschneidern geschehen? Im Moment scheint weder die Regierung noch die Industrie sich mit dieser Frage zu beschäftigen.
• Wasserverschmutzung? Riesige Monokulturen sind eine Belastung für den Boden und erfordern einen hohen Einsatz von Chemie und Düngung. Das riesige Grundwasserreservoir Aqüífero Guarani (das größte Grundwasserreservoir der Erde) ist nach Aussagen von Umweltschützern durch Düngemittel- und Pestizidrückstände bereits in Mitleidenschaft gezogen.
• Landverteilung? Ein Prozent der Bevölkerung kann in Brasilien über 46 Prozent des Landes (85 Millionen Hektar) verfügen, während rund fünf Millionen Familien sogenannte Landlose sind. Diese Agrarstrukturen werden durch den Anbau von Zuckerrohr in großem Stil weiter verfestigt, die Abwanderung der landlosen ländlichen Bevölkerung in die ohnehin an ihre Kapazitätsgrenzen stoßenden Städte beschleunigt sich, die Favelas wuchern weiter.
• Vernichtung des Amazonas? Die Zucker- und Ethanolindustrie weist darauf hin, dass die Zuckerrohranbaugebiete mehr als 2000 Kilometer von Amazonien entfernt liegen. Der Zuckerrohranbau sei nicht am Abholzen des Amazonas schuld. Der Schwarze Peter wird der Regierung zugeschoben, der es nicht gelinge, illlegale Landnahme und illegales Abholzen (zuerst zur Holzgewinnung, danach zur Nutzung des Landes als Weideflächen für die Rinderzucht) im Amazonas-Gebiet zu unterbinden. Umweltschützer weisen darauf hin, dass die Ausweitung des Zuckerrohranbaus sehr wohl den Druck auf den Amazonas erhöhe, Weideflächen im Süden würden zunehmend für den Zuckerrohranbau genutzt, die Viehwirtschaft weiche dann eben ins Amazonasbecken aus.
Tatsache bleibt: Ethanol kann das Energieproblem der Welt nicht lösen, sondern nur einen Beitrag dazu leisten. Ethanol in Brasilien ist ein sauberer Treibstoff, doch die Bedingungen, unter denen Alkohol hergestellt wird, werfen einige schwerwiegende Fragen auf.

Das Finale: Fünf Kandidaten, vier Juroen, eine Siegerin.
Peter Babutzky ging bei Reporter08 als Sieger aus rund 250 Bewerbern hervor. Der Vorarlberger ist 21 Jahre alt und studiert Journalismus an der FH Wien.
Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
