Wenn eine Schwangere eine Herzattacke erleidet, dann eilen Stammzellen des Embryos zu Hilfe und bilden an der verletzten Stelle neue Herzmuskelzellen. Selbstlos ist das nicht, der Embryo will überleben. Vermutlich zum gleichen Zweck schickt er auch andere Zellen ins Blut und in Organe der Mutter, Diana Bianci (Tufts Medical Center) hat es gerade in den Lungen werdender Mäusemütter bemerkt. Dort haben sich gleich drei Zelltypen des Embryos eingenistet, und sie sind aktiv, ihre Genprogramme laufen (Biology of Reproduction, 6.6.). Wie das zugeht – wie Zellen durch die Schranke der Plazenta kommen –, weiß man nicht. Und warum sie kommen, ist auch oft unklar, manche tun es zum Reparieren – nicht nur bei Herzinfarkt, auch bei Brustkrebs –, anderen geht es vermutlich darum, das Immunsystem der Mutter an den Fremdkörper zu gewöhnen.
Mädchen mit Y-Chromosom im Blut
Aber wie auch immer: Wenn sie einmal da sind, dann bleiben sie auch, oft jahrelang: Mütter sind „Mikrochimären“, Mischwesen auf zellulärer Ebene. Und alle anderen Menschen sind es auch, der Zelltransfer durch die Plazenta ist keine Einbahnstraße, es gehen auch Zellen von der Mutter in den Embryo. Und: Es gehen Zellen von früheren Embryos, die noch in der Mutter unterwegs sind, in spätere Embryos, Miranda Dierselhuis (Leiden) hat es bemerkt: Sie hat Nabelschnurblut von 23 neugeborenen Mädchen analysiert, zwölf davon hatten ältere Brüder. Und elf hatten Immunzellen gegen das Y-Chromosom – jenes, das nur Männer haben –, sie hatten sich also gegen diesen Fremdkörper gerüstet. Detailliertere Analysen zeigten, dass auch die Fremdkörper selbst – Zellen mit Y-Chromosom – im Blut waren, sie stammten offenbar aus der früheren Schwangerschaft.
Aber die Zellen fanden sich auch in einem Mädchen, das keinen älteren Bruder hat (Blood, 2012-02-410571). Woher kommen diese Zellen? Sie kamen vermutlich in die Mutter, als diese selbst ein Embryo war, stammen also von Onkeln und Tanten der Neugeborenen und wurde im Uterus der Großmutter gemischt. (Alternativ könnten sie Zellen eines älteren Bruders sein, der in der frühen Schwangerschaft unbemerkt abging). Und sie können sogar von den Großmüttern selbst kommen. Hilary Gammill (Seattle) hat es bemerkt (PLos One, 30.8.2011). Sie vermutet, dass der Zelltausch mit dem Abstimmen der Immunsysteme zu tun hat. Das hat er wohl auch, man weiß nur nicht wie: Jüngere Geschwister leiden seltener an manchen Autoimmunkrankheiten, Asthma etwa, aber von anderen (z.B. Scleroderma) werden sie häufiger befallen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2012)
