Wenn im Herbst die Geier von Spanien in den Süden ziehen – doch, das tun sie, zu Tausenden etwa bei Gibraltar –, dann droht ihnen seit einigen Jahren eine neue Gefahr: Sowohl auf spanischer als auch auf marokkanischer Seite ragen Windräder in den Himmel, bis zu 170 Meter hoch und mit Rotorblättern, die mit bis zu 270km/h die Luft zerschneiden. Und nicht nur sie. „Ich habe Geier gesehen, die einfach enthauptet wurden“, berichtet Marc Bechard in Nature (486, S.310).
Der US-Wildbiologe wurde gemeinsam mit Kollegen der Biologischen Station Doñana (Sevilla) von Windkraftbetreibern der spanischen Provinz Cadiz zu Hilfe gerufen, um die Opferzahlen zu senken. Die spanische Ornithologische Gesellschaft beziffert die Zahl der Vögel und Fledermäuse, die im ganzen Land an Windmühlen zu Tode kommen, mit sechs bis 18 Millionen. Das ist eine grobe Schätzung – und gar nichts im Vergleich zu anderen Gefahrenquellen, die Zahlen stammen aus den USA: Hauptfeind der Vögel ist die Katze (bis zu einer Milliarde Opfer im Jahr), dicht gefolgt von Hochhäusern, vor allem von nächtens beleuchteten, dann kommen Stromleitungen (175Millionen) und Automobile (80 Mio.). Da fallen die 440.000 Kadaver rund um Windmühlen kaum ins Gewicht.
Mit dem Wind in tödliche Fallen
Aber zum einen schießen immer mehr davon in die Höhe, und zum anderen geraten in ihre Rotoren auch stark gefährdete Arten, die weder von Katzen noch von Hochhäusern noch von Automobilen getötet werden: große Raubvögel. Am dramatischsten ist die Lage am Altamont Pass in Kalifornien, wo jedes Jahr 65 der stark bedrohten Steinadler zu Tode kommen, auch einige der letzten 226 Kalifornischen Kondore, die noch in freier Natur leben. Dort warten sie und die Adler und andere Große auf die Winde und lassen sich treiben, das macht die Windmühlen zu tödlichen Fallen. Und dort sind die Vögel das ganze Jahr, das macht die Lage schwieriger als in Cadiz.
Dorthin kommen sie nur in der Zugzeit, dann halten die Forscher die Augen bzw. Feldstecher offen und warnen die Windparkbetreiber, wenn etwas anfliegt. Dann wird die entsprechende Mühle abgeschaltet. Das braucht natürlich Zeit, hat aber doch die Opferzahlen halbiert, bei nur minimaler Einbuße an der Energieproduktion: 0,001 Prozent. Am Altamont Pass braucht es andere Lösungen, man ersetzt ausgediente Windräder durch kleinere und errichtet diese an Orten, die von den Vögeln seltener angesteuert werden.
Andernorts, in einem Windpark in Pennsylvania, lässt man die Mühlen erst dann laufen, wenn die Windgeschwindigkeiten über 5,5 Meter pro Sekunde steigen, früher begann man bei 4m/sec. Das schützt vor allem Fledermäuse, bei starkem Wind fliegen sie nicht: Ihre Verluste sind um 93 Prozent zurückgegangen, bei einer Energieeinbuße von einem Prozent. Und noch einmal an einem anderen Ort, in Florida, setzt man auf Radar zum Orten von Vogelschwärmen, vor allem bei Nebel. Bei Sichtung stellt man ab.
Furcht vor fossiler Konkurrenz
Das funktioniert, versichern die Betreiber, mehr noch: Die Vögel lernen, die Gefahren zu umfliegen. Unabhängige Forscher bezweifeln es und möchten die Daten sehen. Aber die Betreiber geben sie nicht heraus: Sie fürchten Klagen von Vogelschützern und, mehr noch, von Kohle-, Öl- und Gaskraftwerksbetreibern, denen die luftige Konkurrenz langsam lästig wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2012)
