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Woran starb Wladimir Uljanow?

06.07.2012 | 18:19 | JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Das ist eine typische Frage für die Historical Clinopathological Conference (HCPC), die jedes Jahr in der medizinischen Fakultät von Baltimore tagt. Zwei Hypothesen zu Lenins Tod konkurrieren: Hirnschlag und Giftmord.

1924 erlitt Lenin mit 53 Jahren erst Sprachverlust, er brachte nur noch einzelne Wörter hervor – „vot, vot“, „hier, hier“ –, dann wurde seine rechte Körperhälfte gelähmt, zudem litt an Krämpfen, am 21. Januar starb er. Woran weiß man nicht, die Liste der Kandidaten reicht von Syphilis über Herz- oder Hirnschlag bis zur Vergiftung durch das Blei der Kugeln, die er nach einem Mordversuch im Körper hatte. Und woran starb er wirklich?

Das ist eine typische Frage für die Historical Clinopathological Conference (HCPC), die jedes Jahr in der medizinischen Fakultät von Baltimore tagt und zur Auflockerung über Todesursachen historischer Prominenter nachsinnt. Die Tradition wurde vor 19 Jahren vom Epidemiologen Philip Mackowiak eröffnet, er verschickt vor der Konferenz anonymisierte Krankenbericht, die Teilnehmer bringen dann ihre Diagnosen mit.

 

Poe: Alkohol oder Tollwut?

Auf der ersten Konferenz ging es um einen Sohn Baltimores, Edgar Allen Poe. Der hatte sich 1849 zu Tode getrunken, das vermutete die Öffentlichkeit. Aber Poes Arzt widersprach, er zog als Vortragender durch die USA, berichtete über die Symptome seines Patienten und schloss Alkohol aus, nannte aber keine Todesursache. Ein Konferenzteilnehmer studierte diese Berichte und diagnostizierte Tollwut. Auch Mackowiak vertiefte sich und widersprach – „es gibt eine Tendenz, außerordentliche Menschen außerordentliche Tode sterben zu lassen“ –, er kam doch auf Alkohol.

Das konnte man beim heurigen Kandidaten ausschließen: Lenin trank nicht, rauchte nicht und hatte keinen hohen Blutdruck. Aber er stand unter Dauerstress – vor allem wegen des Rivalen Stalin –, und er hatte vermutlich Risikogene, sein Vater war mit 54 einem Hirnschlag erlegen. Beides könnte dazu geführt haben, dass Lenins Herzkranzgefäße nach seinem Tod so stark verkalkt waren, dass sie bei Berührungen mit der Pinzette klangen wie Stein. Deshalb diagnostizierte Harry Vinters (UC Los Angeles) auf der Konferenz: Hirnschlag.

Aber Lenin hatte auch Symptome, die dazu nicht passen, vor allem die Krämpfe. Deshalb tippte ein zweiter Ferndiagnostiker. Lev Lurie, Historiker in St.Petersburg, auf etwas ganz anderes: Gift bzw Stalin (Science, 336, S.796). Der Machtkampf war seit 1922 eskaliert, und fast jedes Gift verursacht bei seinem Opfer Krämpfe.


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