Vor etwa 15.000 Jahren verrichteten erstmals Menschen ihre Notdurft in den Paisley-Höhlen in Oregon, die Fäkalien versteinerten zu Koprolithen, 2008 kamen sie wieder ans Licht und ins Labor des Paläogenetikers Eske Willerslev (Kopenhagen). Der bestätigte eine alte Vermutung: Die Gene stammten aus Sibirien, von dort waren die ersten Einwanderer nach Amerika gekommen, als sie die Beringstraße trockenen Fußes überschreiten konnten, die Eiszeit hatte den Meeresspiegel stark gesenkt.
Aber der Befund stieß auf wenig Gegenliebe, seiner Datierung wegen: Die brachte Konkurrenz für die, die man früher für die ersten Amerikaner gehalten hatte, die Clovis. Die waren vor 15.000 Jahren noch gar nicht dort, sie kamen erst kurz darauf. Deshalb gab es heftigen Streit und den Verdacht, die Datierung sei falsch. Die Gruppe um Willerslev hat sie nun mit allen Vorsichtsmaßnahmen überprüft, sie stimmt. Mehr noch: Diese Menschen waren mit Sicherheit keine Clovis, sie hatten eine ganz andere Technik bei der Produktion der steinernen Pfeil- und Speerspitzen, nicht „Clovis“ genannt, sondern „Western Stemmed“ (Science, 337, S.223).
„Clovis-First“ ist erledigt
„Damit ist die ,Clovis-First‘-Theorie erledigt“, kommentiert Willerslev: „Entweder wurde Amerika einige tausend Jahre vor den Clovis von Menschen besiedelt, die später beide Techniken entwickelten, ,Clovis‘ und ,Western Stemmed‘. Oder es gab zwei Einwanderungen, und die Clovis kamen erst tausende Jahre später.“
So wird die Geschichte der Besiedlung der beiden Amerikas immer unübersichtlicher. Dabei schien sie just einen Tag zuvor endgültig geklärt: Eine Gruppe um David Reich (Harvard) hatte die bisher breitesten Genanalysen heutiger Amerikaner und Asiaten publiziert, sie stammten von 52 indigenen Gruppen aus Nord- und Südamerika und 17 aus Sibirien (Nature, 12.7.). Demnach gab es drei Einwanderungswellen, die erste war offenbar die größte und nahm einen Weg, den man schon lange vermutete, den „kelp-highway“. Kelp ist Seetang, der an den Küsten regelrechte Wälder bildet, in denen viel Leben gedeiht. Er zieht sich auf beiden Seiten des Pazifiks, diesen Streifen entlang könnten Einwanderer gekommen sein – zu Fuß oder per Schiff –, vom Kamtschatka nach Alaska und dann von dort an Amerikas Westküste hinab nach Kalifornien und weiter nach Südamerika. Unterwegs bogen immer wieder Gruppen nach Osten ab, so füllte sich Nordamerika.
Grenzen der Gene und Sprachen
Aber nicht nur so: Nach denen mit der „First-American“-DNA kamen noch zweimal Einwanderer, sie besiedelten die arktischen Regionen bzw. Teile Kanadas, man kann es heute noch hören, sie haben Sprachen aus verschiedenen Familien: Eskimo-Aleut in der Arktis, Na-Dene in Kanada. Und diese Sprachgrenzen decken sich mit den genetischen. Allerdings verlaufen Letztere nicht so scharf: Die beiden späteren Einwanderungswellen vermischten sich mit der ersten, 50 bzw. 90 Prozent stammen davon.
Wenig Vermischung gab es weiter im Süden, vor allem in Südamerika: Auch das zeigt sich an der Sprache, alle verständigten sich in Sprachen, die zur großen Amerind-Gruppe gehören. Es gibt auch Sonderfälle, in Zentralamerika vermischten sich Nord- und Südamerikaner durch Hin- und Herwanderungen. Und hoch im Norden zog eine Gruppe wieder nach Asien zurück, auch das zeigen die Gene.
Nur zum neuen, zentralen Problem sagen sie nichts: Wo sind die geblieben, die als Erste da waren und die Koprolithen hinterließen?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2012)
