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Altplastik einfach verdauen

21.07.2012 | 17:41 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Am Kompetenzzentrum ACIB wird eine Methode entwickelt, mit der Kunststoffe durch Enzyme in ihre Bausteine zerlegt werden. Daraus kann man neue Produkte herstellen.

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In den ersten Jahren gab es bei uns im Labor sehr oft Apfelstrudel“, erinnert sich Georg Gübitz, Professor für Umweltbiotechnologie an der TU Graz. Er leitet auch den Forschungsbereich „Polymere und Enzyme“ am ACIB (Austrian Centre of Industrial Biotechnology), an dem in den letzten Jahren eine Technologie entwickelt wurde, die umweltfreundliche Wiederverwendung von PET-Flaschen und ähnlichen Kunststoffprodukten ermöglicht.

Begonnen hat die Suche nach Enzymen, die Plastikmüll abbauen können, schon früh: „Als die Müllberge das große Thema waren, wollte man wissen, was mit den Abbauprodukten in der Natur passiert. Da ist man drauf gekommen, dass es Pilze und Bakterien gibt, die auf natürliche Weise Enzyme produzieren, die Polyester zerlegen.“ Die Pilze (Fusarium solani) können Apfel- und Tomatenschalen durchdringen: Darin kommen natürliche Polyester vor, also langkettige Esterverbindungen, die von ausgeschiedenen Enzymen dieser Pilze gespaltet werden können.

„Diese Verbindungen, die Cutin heißen, ähneln dem synthetischen Polyester derart, dass die Enzyme, die Apfel- und Tomatenschalen zersetzen sollen, auch den Kunststoff angreifen“, sagt Gübitz. In mehrjähriger Arbeit hat sein Team am ACIB die Enzyme mit biotechnologischen Verfahren so verändert, dass sie nun auch künstliche Polyester sehr effizient abbauen.

Anfangs wollte man einfach soviel Enzym wie möglich aus den Pilzen herausholen. Dazu gab man den Pilzen Unmengen von Apfelschalen zu Fressen – und verwertete die geschälten Äpfel in der Küche, daher der Apfelstrudel als Jause im Labor.

Das Problem am aktuellen Recycling ist ja, dass die gesammelten Kunststoffe thermisch bearbeitet – sprich: eingeschmolzen – werden. Daraus wird neues Plastik-Granulat gewonnen, aus dem schließlich neue Flaschen geblasen werden. „Doch dann bleibt alles, was in dem Kunststoff war, auch nach dem Recycling drin: Hatte die Flasche eine grüne Farbe, wird die neue Flasche unmöglich klar durchsichtig sein“, erklärt Gübitz.

Auch viele andere Inhaltsstoffe des gesammelten Plastiks bleiben im Recycling erhalten und reichern sich in neu hergestellten Produkten an. „Österreich hat es da überhaupt schwieriger, denn in die gelbe Tonne kommt alles mögliche rein: Nicht nur ,Fehlwürfe‘ verunreinigen die Sammlung, es sind auch alle Arten von Kunststoff durcheinander“, so Gübitz.

Viel besser funktioniere es in Deutschland, wo PET-Flaschen durch das landesweite Pfandsystem getrennt gesammelt werden: „Die bekommen reinere Fraktionen.“ Auch große Getränkehersteller leisten es sich, eigene PET-Sammlungen zu finanzieren und aus hochwertigen Altflaschen neue Flaschen zu produzieren. Doch bei all diesen Methoden wird das neue Produkt nie von höherer Qualität sein als das alte. Das ist bei der neuen biotechnischen Methode des ACIB anders: Die Enzyme bauen nämlich aus dem Altplastik nur jene Stoffe ab, auf die sie in der Natur spezialisiert sind.


Suche nach Partnern. Man kann es sich vorstellen wie Lego-Bausteine. Der Plastikmüll in der gelben Tonne wäre dann eine Ritterburg aus Legosteinen, die Enzyme arbeiten wie Kinderhände, wenn sie alles in Einzelteile zerlegen und diese nach Farbe sortieren. So zerlegen auch die Enzyme die unterschiedlichen Kunststoffe in einzelne Bausteine. Aus den vielen kleinen sortierten Legosteinen kann man etwas völlig Neues bauen. Das hilft insofern der Umwelt, da man nicht mehr jeden neuen Kunststoff synthetisch herstellen muss und damit nicht mehr Erdölressourcen verpulvert.

„Wir kriegen die Bausteine der Kunststoffe sehr rein heraus, damit kann man alles mögliche machen: Zum Beispiel Laptop-Bildschirme aus Polyester und auch moderne Sportbekleidung.“ Sogar aus Verbundwerkstoffen können Enzyme genau die gewünschten Bestandteile herausschneiden. „Heutzutage sind die meisten Kunststoffe Verbundmaterialien, da man die Eigenschaften verschiedener Stoffe kombinieren will“, so Gübitz. Er gibt auch zu, dass synthetischer Kunststoff „Eigenschaften hat, die Polymere aus der Natur übertreffen: Künstliche Polymere sind homogen und resistent gegen Pilz- und Bakterienbefall.“ Aber sie werden eben aus Erdöl hergestellt.

In der Praxis würde die ACIB-Methode so funktionieren, dass man den Plastikmüll reinigt, schreddert und in wässriger Lösung die Enzyme hinzufügt. Zuerst jene, die aus Polyester Einzelbausteine herstellen, dann vielleicht solche, die Nylon in Einzelteile zerlegen, dann weitere, die Polylactat in einzelne Milchsäuremoleküle abbauen. Daher muss der Plastikmüll nicht mehr sortiert werden, die Enzyme finden immer genau die Substanzen, die sie verdauen können.

Bisher klappt das im Labormaßstab sehr gut – die Grazer Forscher sind bei dieser Methode weltweit führend. Nun sind sie auf der Suche nach Partnern, die das Verfahren für industrielle Anwendungen marktreif machen können. „In zwei Jahren wäre eine Pilotanlage möglich“, sagt Gübitz.

Bis dahin konzentrieren sich er und sein Team weiter auf ihr Spezialgebiet: die Verbesserung von Kunststoffeigenschaften. Denn daher kommt eigentlich ihre Erfahrung mit Enzymen: „Ein Polyester-Anorak würde sich ohne Modifizierung anfühlen wie ein Nylonsackerl, man schwitzt darin sehr“, sagt der Biotechnologe. Bisher wird das Material mit zerstörerischen Methoden atmungsaktiv gemacht: Man löst Teile des Polyesters chemisch auf. „Die Enzyme können das auf sehr schonende Art erledigen: Durch modifizierte Enzyme machen wir Polyester atmungsaktiv und antistatisch. Auch an der haptischen Eigenschaft wird gearbeitet: Ein teurer Polyester-Anorak fühlt sich dann wie Seide an.“

Gübitz hat persönlich leichte Vorbehalte gegen manche Materialien, die nach „bio“ klingen: „Baumwolle wird immer als umweltfreundlich dargestellt. Dabei weiß man, dass für die Bewässerung der Baumwollproduktion der Aralsee ausgetrocknet ist, dass da viele Pestizide im Einsatz sind und dass Baumwolle in Monokulturen wächst mit fragwürdigen Bedingungen für die Arbeiter. Daher suchen wir nach Methoden, synthetische Produkte umweltfreundlich und sauber zu gestalten.“

Industrielle Biotechnologie

Das ACIB ist ein K2-Zentrum im Kompetenzzentrenprogramm Comet. Rund 180 Forscher in Graz, Wien und Innsbruck verbessern Methoden für den industriellen Einsatz von Biotechnologie. Das ACIB verfügt bis 2014 über ein Budget von 60 Millionen Euro, davon 35 Mio. Euro von der öffentlichen Hand – der Großteil kommt über die FFG vom Wirtschafts- und Infrastrukturministerium. ACIB

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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6 Kommentare

Erdölfressende

Bakterien reinigen auch in wenigen Jahren schnell die Meere nach Ölkatastrofen.

Nach den Prognosen von Greenpeace müssten ja viele Meeresküsten von Öltanker-Katastrophen aus den letzten Jahrzehnten immer noch verseucht sein.

Aber die Natur regelt das schneller als manche Umweltschützer glauben möchten.

Denn Austritte von Erdöl und Natur-Asphalt gibt es natürlich seit Millionen Jahren durch Erdbeben und der Plattentektonik,besonders im Golf von Mexico

und Bakterien

haben sich deshalb schon lange an dieses energiereiche Ölfutter angepasst,wie auch andere Bakterien sogar Steine chemisch umwandeln können und damit gut leben können.

Also sind auch plastikfressende Bakterien keine Utopie und mit Gentechnik könnte diese Evolution der Bakterien noch beschleunigt werden.

Antworten Gast: Vergleich3000
22.07.2012 16:16
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Re: Erdölfressende

Was hat Erdöl mit einem Polymer zu tun??

(richtig - ungefähr soviel wie eisenhältiges Erz mit Edelstahl)

Re: Re: Erdölfressende

Bis in das Karbon konnten Pilze auch nur Zellulose abbauen und kein Lignin

und dann kam plötzlich auch die Aufspaltung von Lignin,

da Lignin plötzlich damals als Müll von abgestorbenen Farn- Bäumen in großer Menge vorhanden war.

Also je mehr Plastik,desto größer ist auch die Chance für Mutationen von erdölfressenden zu plastikfressenden Bakterien.

Antworten Gast: Backpack zum Einkaufen
22.07.2012 12:47
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Re: Erdölfressende Bakterien

Leider sind natürliche Austritte von Erdöl Bitumen und Co. nicht mit dem heute, an der Erde, vollführtem Raubbau vergleichbar.

Bakterien im Meer zu "züchten" obwohl wir die Zusammenhänge noch immer nicht wirklich verstehen, finde ich etwas vermessen.

Vernünftiger wäre es beim Einkaufen einen Rucksack und Fahrrad zu verwenden und auch in anderen Bereichen etwas vernünftiger mit Energie und Ressourcen umzugehen.

Antworten Antworten Gast: c.j.j.
23.07.2012 11:40
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Re: Re: Erdölfressende Bakterien

klingt leichter als getan. Heute sind sehr viele auf ein Auto etc. angewiesen, was das mit dem Fahradfahren wiederum erschwert. Wenn man die situation am Land sieht, ist es echt hart heut zu tage. Da kann es passieren, dass man einmal 10 Km mit dem Rad fahren muss und was ist wenn man noch Kinder hat?

Ich finde, es ist eine gute Idee auf Rad und co umzusteigen, aber es ist aus heutiger sicht nicht mehr so einfach.

Wir sollten uns die Natur zu Hilfe nehmen, wie? Das bleibt die große Frage..

Antworten Antworten Antworten Gast: Backpack zum Einkaufen
23.07.2012 14:31
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Re: Re: Re: Erdölfressende Bakterien

Am Land ohne Auto ist fast ein Ding der Unmöglichkei,t da gebe ich ihnen Recht.
Jedoch könnte man z.B. bei Neubauten, eine Solar und Windkombi verpflichtend einführen.

Ansonsten gibt es kleine Dinge, die wenn es alle machen sicher auch riesen Effekte haben.
Wie z.B. Wäschewaschen bei Sonne (zu diesem Zeitpunkt gibt es die meiste natürliche Energie), einen Wäschetrockner am Land braucht man doch auch nur aus Bequemlichkeit oder Zeitmangel,....
Wenn jeder etwas Energie und Ressourcen spart und dieses Denken in allen Köpfen ankommt, ist schon viel gewonnen.

Schöne Grüße