In den Genen heutiger Jäger und Sammler in Afrika finden sich Spuren eines bisher völlig unbekannten Menschen, zudem belegen sie einen regen Genaustausch zwischen Süd- und Ostafrika, also frühe Wanderbewegungen, Joseph Pickrell (Harvard) hat es gezeigt. Auf ähnlichen Wegen hat Peter Ralph (UC Davis) die letzten 3000 Jahre der Europäer erhellt: Sie sind alle noch eng miteinander verwandt, aber auf dem Balkan haben auch Hunnen und Slawen Spuren hinterlassen, während die Vorstöße der Germanen während der Völkerwanderung nach Italien und Spanien ohne Genfolgen geblieben sind.
Beide Arbeiten sind höchst spannend, beide werden irgendwann, nach ausgiebiger Begutachtung durch Fachkollegen („peer review“) in einem renommierten Journal erscheinen, von Nature und Science abwärts. Aber beide kann man heute schon lesen, auf arXiv (1207.5552v1 bzw. 1207.3815v2). Dieses Instrument, das 1991 vom Physiker Paul Ginsparg an der Cornell University etabliert wurde und in dem bisher 740.000 Artikel erst- bzw. vorveröffentlicht wurden, brachte die bisher letzte Wende in der Publikationspraxis: Lange gab es nur die herkömmlichen Journals – Science und Nature etc. –, bei denen werden Artikel eingereicht, begutachtet und endlich publiziert, für teures Geld, viele Bibliotheken können sie sich schon lange nicht mehr leisten, auch deshalb, weil die großen Wissenschaftsverlage ihre Produkte nur im Paket verkaufen: Wer eine Zeitschrift will, muss neun andere dazu abnehmen, an denen er gar kein Interesse hat.
Von „free access“ zu „review by reader“
Das ärgerte viele, vor allem deshalb, weil Forschungen für gewöhnlich aus Steuergeldern finanziert werden und für alle Interessierten frei zugänglich sein sollten. Deshalb gründeten Biomediziner um Harold Varmus (US-Gesundheitsbehörde NIH) 2001 ein Gegenmodell: „free access“. Hier bezahlt nicht der Leser, sondern der publizierende Forscher bzw. ein Spender. Die Zeitschrift heißt PLoS, „Public Library of Science“, sie hat sich in ein breites Spektrum ausdifferenziert und deckt, zusammen mit ähnlichen Journals, ein Fünftel aller Publikationen ab.
Aber in einem Punkt ist man bei der Tradition geblieben: Publiziert wird erst nach „peer review“. Das kann dauern – oft reviewen konkurrierende Gruppen, die einander nach Kräften einbremsen –, das war Ginsparg ein Dorn im Auge, sein arXiv schlägt den umgekehrten Weg ein: Die Arbeiten werden nicht reviewt, bzw. die Reviewer sind die Leser, oft entzünden sich rasch heftige Debatten. Dieses Verfahren schlug vor allem bei Mathematikern und Physikern an, lange Jahre hielten sich andere Forschungsfelder fern. Zwar erschienen auch Arbeiten von Physikern über ihnen ganz fremde Gegenstände, aber die waren oft eher esoterisch wie die Netzwerkanalyse, die die Authentizität von Ilias und Beowulf nachweisen wollte und über die gestern hier berichtet wurde.
Neuerdings entdecken aber auch Biologen den Reiz des Raschen und Unzensierten, vor allem Genetiker wie die eingangs erwähnten, die viel mit Biomathematik zu tun haben. Jedoch auch der mikrobiologische Befund, dass die Jahrhundertsensation der Arsenbakterien falsch war, stand ein halbes Jahr auf arXiv, bevor er in Science erschien (die Journals dulden die Praxis erstaunlicherweise). „Es ist wundervoll, dass die Biologen nun am späten 20. Jahrhundert teilnehmen“, begrüßt Ginsparg, „willkommen zur Party, besser spät als nie“ (Naturenews 31.7.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2012)
