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Wie Sprache die Entstehung von Vorurteilen fördert

06.08.2012 | 21:00 |   (Die Presse)

Generalisierende Begrifflichkeiten fördern das Denken in Stereotypen, aber angelegt ist es schon in der Biologie.

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Dass „der Asiate an und für sich überhaupt nicht schmutzt“, war einer der Geniestreiche des Kabarettisten Gerhard Polt, er beschrieb mit diesem Lob die Filipina, die er via Katalog gekauft hatte („Mei Ling“), er legte so die Struktur jedes Vorurteils offen und brach sie zugleich. Aber nicht jeder ist ein Polt, und die Einordnung sozialer und/oder ethnischer Gruppen in Klischees hat Unheil gebracht wie wenig anderes. Dabei ist sie biologisch höchst sinnvoll: Jedes Kind lernt hoffentlich beizeiten, dass nicht dieser oder jener Herd beim Anfassen mit Verbrennung droht, sondern der Herd, also jeder: Man muss mögliche Gefahren rasch einschätzen können, deshalb wird generalisiert, werden Stereotypen gebildet.

Im Sozialleben ist das weniger dienlich, aber trotz vieler Anläufe hat die Vorurteilsforschung noch kein Rezept gefunden: Im Alter von vier Jahren verlieren Kinder in jeder Gesellschaft und Kultur, die bisher analysiert wurde, ihre Unbefangenheit gegenüber den einzelnen Dingen und Menschen und fassen sie in essentialisierenden Kategorien zusammen, dann haben alle Herde den gleichen potenziell heißen Kern, und dieser oder jener Völkerschaft darf man nicht trauen. Wo kommt das her? Marjorie Rhodes (New York University) vermutet die Sprache dahinter, die die Gehirne mit essentialisierenden Wörtern füllt.

„Zarpies haben Angst vor Marienkäfern!“

Zum Testen hat sie Eltern mit ihren vierjährigen Kindern ins Labor gebeten und sie in einem Bilderbuch mit ganz neuen Wesen vertraut gemacht, „Zarpies“: Das sind Menschen unterschiedlichster Ethnien und verschiedensten Alters, man kann keine vorhandenen Vorurteile auf sie anwenden, sie werden durch nichts als durch das zusammengehalten, was Rhodes ihnen in einer Zeile unter jedem Bild zuschrieb: „Schau diesen Zarpie an! Zarpies haben Angst vor Marienkäfern!“ So ging die eine Variante, in der zweiten hatte nur „dieser Zarpie“ die Angst, in der dritten gab es gar keinen Zarpie, sondern „den“ oder „die“.

Der kleine Unterschied wirkte: Die verallgemeinernden Begriffe brachten Vorurteile in die Köpfe hinein, sowohl in die der Kinder wie auch in die der Erwachsenen. Und zwar vor allem in Letztere: In einem weiteren Experiment bekamen nur die Eltern Geschichten über die „Zarpies“ zu lesen, sie sollten sie dann ihren Kindern erzählen. Dabei breiteten sich die – meist negativen – Stereotypen auch auf Eigenschaften der „Zarpies“ aus, die in den gelesenen Geschichten überhaupt nicht vorgekommen waren (Pnas, 6. 8.). Die Forscherin rät also zur Vorsicht beim Reden, will die Rolle der Sprache bei der Entstehung von Vorurteilen aber auch nicht überbewerten: Sie vermutet, dass generalisierende Begrifflichkeiten ihre Kraft nur entfalten können, weil die Gehirne aus Überlebensgründen auf das Generalisieren angelegt sind. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)

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3 Kommentare
Gast: Störrisch...
07.08.2012 13:57
0 1

Vorurteile...

....leider vergessen die Menschen, dass die Erfahrungen, die sie machen vom eigenen Charakter abhängig ist.

Ein Klassiker: Nur die Menschen bekommen im Urlaub "Dünnpfiff", die sich auch davor fürchten!

Und Vorurteilen (meist übernommen) und pers. Erfahrung bzw. danach entscheiden sind 2 Paar Schuhe.

Vorurteile = Selbstbetrug, weil das eigene Böse und Unbekannte wird den anderen umgehängt!

Das ist in der Psychologie ganz amtlich sich über 100 Jahre bekannt....

Was uns zur Eigenverantwort bringt...über den eigenen Charakter und Tun...aber Menschen mit Eigenverantwortung sind keine braven Konsum-Sklaven - also brauch ma ned bzw. nicht erwünscht vom System!


Gast: Jet2Lag
07.08.2012 08:42
2 0

Überlebensstrategien abschaffen?

Verallgemeinerungen aufgrund eigener Erfahrungen können wichtig sein.

Wenn ein vertrauensseliger Mensch in einer abgelegenen Gegend wohnt und zweimal von Fremden bestohlen/betrogen/ausgeraubt wird, ist es für sein weiteres Leben sinnvoller, dies zu verallgemeinern als "Fremde sind oft Diebe/Betrüger/Räuber" als auf jeden neuen Fremden mit vorurteilsfreiem Vertrauen zuzugehen.

Wir sind die Summe unserer Erfahrungen, und wenn wir wollen, dass Menschen keine negativen Vorurteile entwickeln, müssen wir uns halt entsprechend verhalten.

Also zB beim Urlaub im Ausland immer daran denken, dass wir das ganze Land repräsentieren, und wenn wir uns unhöflich oder peinlich benehmen ("Matura-Saufreisen"), fällt das auf alle zurück.

Den oben beschriebenen Versuch lehne ich ab, er schafft Vorurteile ohne praktische Erfahrung, die wertlos sind und eher einer Gehirnwäsche entsprechen. Das erinnert eher an klassische Konditionierung und ist irgendwie unheimlich.

Gast: ratschlägerin
06.08.2012 23:12
3 0

und die botschaft lautet

Die Forscherin rät also zur Vorsicht beim Reden, will die Rolle der Sprache bei der Entstehung von Vorurteilen aber auch nicht überbewerten.
Die Zensoren dieser Zeitung kannten den Artikel schon früher, da sie "die Rolle der Sprache" bei manchen Beiträgen berücksichtig-t-en. Es ist auffallend, welch abfällige Beiträge die Veröffentlichung schaffen, Sachkommentare hingegen unveröffentlicht bleiben. Die Redaktionsleitung der Presse könnte einmal ihre neue Strategie dem Publikum erläutern - wenn dieser Beitrag überhaupt freigeschaltet wird!