Dass „der Asiate an und für sich überhaupt nicht schmutzt“, war einer der Geniestreiche des Kabarettisten Gerhard Polt, er beschrieb mit diesem Lob die Filipina, die er via Katalog gekauft hatte („Mei Ling“), er legte so die Struktur jedes Vorurteils offen und brach sie zugleich. Aber nicht jeder ist ein Polt, und die Einordnung sozialer und/oder ethnischer Gruppen in Klischees hat Unheil gebracht wie wenig anderes. Dabei ist sie biologisch höchst sinnvoll: Jedes Kind lernt hoffentlich beizeiten, dass nicht dieser oder jener Herd beim Anfassen mit Verbrennung droht, sondern der Herd, also jeder: Man muss mögliche Gefahren rasch einschätzen können, deshalb wird generalisiert, werden Stereotypen gebildet.
Im Sozialleben ist das weniger dienlich, aber trotz vieler Anläufe hat die Vorurteilsforschung noch kein Rezept gefunden: Im Alter von vier Jahren verlieren Kinder in jeder Gesellschaft und Kultur, die bisher analysiert wurde, ihre Unbefangenheit gegenüber den einzelnen Dingen und Menschen und fassen sie in essentialisierenden Kategorien zusammen, dann haben alle Herde den gleichen potenziell heißen Kern, und dieser oder jener Völkerschaft darf man nicht trauen. Wo kommt das her? Marjorie Rhodes (New York University) vermutet die Sprache dahinter, die die Gehirne mit essentialisierenden Wörtern füllt.
„Zarpies haben Angst vor Marienkäfern!“
Zum Testen hat sie Eltern mit ihren vierjährigen Kindern ins Labor gebeten und sie in einem Bilderbuch mit ganz neuen Wesen vertraut gemacht, „Zarpies“: Das sind Menschen unterschiedlichster Ethnien und verschiedensten Alters, man kann keine vorhandenen Vorurteile auf sie anwenden, sie werden durch nichts als durch das zusammengehalten, was Rhodes ihnen in einer Zeile unter jedem Bild zuschrieb: „Schau diesen Zarpie an! Zarpies haben Angst vor Marienkäfern!“ So ging die eine Variante, in der zweiten hatte nur „dieser Zarpie“ die Angst, in der dritten gab es gar keinen Zarpie, sondern „den“ oder „die“.
Der kleine Unterschied wirkte: Die verallgemeinernden Begriffe brachten Vorurteile in die Köpfe hinein, sowohl in die der Kinder wie auch in die der Erwachsenen. Und zwar vor allem in Letztere: In einem weiteren Experiment bekamen nur die Eltern Geschichten über die „Zarpies“ zu lesen, sie sollten sie dann ihren Kindern erzählen. Dabei breiteten sich die – meist negativen – Stereotypen auch auf Eigenschaften der „Zarpies“ aus, die in den gelesenen Geschichten überhaupt nicht vorgekommen waren (Pnas, 6. 8.). Die Forscherin rät also zur Vorsicht beim Reden, will die Rolle der Sprache bei der Entstehung von Vorurteilen aber auch nicht überbewerten: Sie vermutet, dass generalisierende Begrifflichkeiten ihre Kraft nur entfalten können, weil die Gehirne aus Überlebensgründen auf das Generalisieren angelegt sind. jl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)
