Am 4. Mai 1970 kam es an der Kent State University in den USA zu einem Massaker, Nationalgardisten schossen auf Anti-Vietnamkrieg-Demonstranten, vier starben, die Universitäten des ganzen Landes gerieten in Aufruhr. 1870 war schon einmal so eine Gewaltwelle durch die USA geschwappt, und 1920 herrschten revolutionsartige Zustände. 1870, 1920, 1970, liegt alle 50 Jahre in den USA Gewalt in der Luft? Und baut sich die nächste Welle gerade auf?
Peter Turchin, Spezialist für Populationsdynamik an der University of Connecticut, fürchtet es („ich hoffe, es wird nicht so schlimm wie 1870“), er hat als Biologie lange Jahre die Zyklen verfolgt, in denen Populationen von Raub- und Beutetieren wachsen und schrumpfen: Das wird rasch kompliziert – wenn es wenig Lemminge gibt, leiden nicht nur die Füchse, sondern auch die Schneehühner, weil die Füchse dann auf diese Beute ausweichen –, aber Mitte der 1990er-Jahre war doch das meiste in diesem Feld erforscht.
Deshalb wandte Turchin sein Instrumentarium auf die menschliche Geschichte an und nannte die – in seinen Augen ganz neue – Forschungsrichtung „Kliodynamik“, nach Klio, der Muse der Geschichte. Bei deren Schutzbefohlenen, den Historikern, machte er sich mit der Vermutung, das Weltgeschehen werde von ganz anonymen Zyklen diktiert, naturgemäß wenig Freunde. Aber erstens steht er in einer Familientradition, sein Vater Valentin, ein russischer Computerspezialist, hatte in den 1970er-Jahren ähnliche Ideen, die Sowjetunion bürgerte ihn aus.
Und zweitens hat er Mitstreiter, zwei Russen, Historiker Andrej Koratejew (Moskau) und den Historiker Sergeij Nefodow (Jekaterinburg): Sie finden, wo immer sie hinschauen, in der Geschichte sozialer Unruhen zwei Zyklen, einer kommt alle 50 Jahre („Vater-und-Sohn-Zyklus“), der andere überlagert alle 200 Jahre („Säkularer Zyklus“). Ersterer soll so laufen, dass die Väter sich gegen soziales Unrecht erheben, ihre Söhne bringen wieder Ordnung in das Chaos, und die nächste Generation begehrt wieder auf, Turchin vergleicht es mit Waldbränden, in denen sich immer neues brennbares Material anhäuft. Und der „säkulare Zyklus“ macht aus relativ egalitären Gesellschaften langsam sozial extrem differenzierte, die Eliten überproduzieren.
„28 Tage vertraut ein Mensch seinem Boss“
Beides soll nicht nur hinter der Geschichte antiker Großreiche stehen, sondern etwa auch hinter dem Arabischen Frühling des Vorjahrs, der nicht zuletzt von einer arbeitslosen Elite – gut ausgebildeten Akademikern – vorangetrieben wurde (Nature, 488, S. 14). Diese Sicht von Geschichte mag luftig gestrickt sein, frappant sind die Rhythmen doch – und am verblüffendsten ist, dass sich der 50-Jahres-Zyklus (plus/minus zehn Jahre) auch unter den Forschern findet, die ihn entdecken. Die letzte Konjunktur hatte er in den 1970er-Jahren, damals wurde sie nicht von einem Biologen angeführt, sondern von einem Physiker und Systemanalytiker, der lange am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg geforscht hatte, Cesare Marchetti. Er fand Zyklen, wo immer er hinsah, etwa ganz kurze und plausible: „28 Tage lang vertraut ein Mensch seinem Boss.
Will dieser seine Macht erhalten, muss er seine Präsenz in dieser Zeit zeigen können.“ Das schloss Marchetti etwa aus dem Aufstieg des alten China: Es erstreckte sich zunächst 14 Tagesmärsche von einem Ende zum anderen, dann, nach Einführung des Pferdes, 14 Tagesritte.
Mit dem Flugzeug hat sich diese Grenze der Macht erledigt, geblieben ist der 50-Jahres-Rhythmus, den Marchetti allerorten aufgespürt hat, etwa in der Weltwirtschaft, Boom: 1803, 1860, 1913, 1968, Flaute: 1830, 1885, 1940, 1995. Ähnliche Zyklen hatte schon – 50 Jahre zuvor – der Vater der ganzen Idee entdeckt, Nikolai Kondratieff, Chef des Instituts für Konjunkturforschung in Moskau. Das blieb er nicht lange, Stalin ließ ihn nach Sibirien deportieren und erschießen.
Das Phänomen war damit allerdings nicht aus der Welt. Aber wie kommt es hinein? Kondratieff hatte keine überzeugende Erklärung, Turchin hat auch keine, und Marchetti zuckte nur die Achseln: „Das Biest pulsiert, und das Biest ist die gesamte Menschheit, die sich benimmt wie ein einziges Lebewesen. Es gibt eine Art sozialer Launen.“ Gibt es die? Der Historiker Eric Hobsbawm urteilte so: „Dass Kondratieff-Zyklen gute Prognosen ermöglichen – was in der Ökonomie nicht sehr häufig ist –, hat viele Ökonomen und Historiker überzeugt, dass etwas dran ist, auch wenn wir nicht wissen, was.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)
