Das Tier liest perfekt, beherrscht die einfache Bruchrechnung und erhebt Zahlen bis zur dritten Potenz, kennt den Wert der deutschen Münzen und erkennt Personen nach Fotografien, selbst sehr kleinen und nicht sehr ähnlichen.“ So präsentierte der pensionierte Lehrer Wilhelm von Osten 1904 in Berlin den „Klugen Hans“, ein Pferd, das er nach einer eigenen Methode vier Jahre lang unterrichtet hatte. Er sagte die Aufgaben an oder schrieb sie mit Kreide auf eine Tafel, das Pferd klopfte die Antwort – etwa eine errechnete Zahl – mit einem Huf auf den Boden. Solche Wundertiere hatten damals Konjunktur, gleich nebenan trat in einem Varieté die „Kluge Berta“ auf, auch ein rechnendes Pferd.
„Kluger Hans“ war nicht klug, nur feinfühlig
Ihr Dompteur war ein Betrüger, er suggerierte die Antworten. Hans hingegen rechnete auch für wildfremde Fragesteller richtig, und von Osten war fest und ehrlich von den Qualitäten seines Schülers überzeugt. Aber der war nur besonders feinfühlig: Jeder, der ihm eine Frage stellte, schaute ihm zunächst in die Augen und dann – ganz automatisch und unbemerkt – auf den Huf, von dort wanderte der Blick wieder hoch, wenn die zu errechnende Zahl erreicht war. Hans folgte dem Blick – und eine Augenbinde machte seiner Intelligenz ein Ende. Aber auch damit machte sich das Tier verdient: Es trug bei zur Einführung von Doppelblind-Versuchen, bei denen auch der Experimentator nicht weiß, womit er gerade hantiert.
Gedankt wurde es Hans nicht, er musste in den Krieg und wurde dessen Opfer. – Dann hatten auch die Menschen andere Sorgen, die klugen Tiere gerieten in Vergessenheit, auch die Schimpansen, an denen Wolfgang Köhler 1917 experimentell eine ganz hohe Fähigkeit bemerkte, die des Werkzeuggebrauchs. Schon Darwin hatte viel Vertrauen in die kognitiven Fähigkeiten von Tieren, aber nach ihm kam lange nichts, und nach Köhler kam wieder lange nichts, es wurde vergessen und verdrängt, die Krone der Schöpfung wollte keine Konkurrenz.
Erst Jane Goodall öffnete neuerlich die Augen, als sie 1960 in Tansania einen wild lebenden Schimpansen beobachtete, der mit einem Stock ein Termitennest aufbrach. Später sah sie auch anderes Verhalten, das man dem Menschen vorbehalten glaubte. Schimpansen schlagen etwa Nachbarn tot, in regelrechten Feldzügen, das sprach sich weniger rasch herum, man konzentrierte sich auf andere Leistungen. Und man wurde überall fündig: Viele Tiere erkennen etwa sich selbst im Spiegel, andere können zwar nicht Bruchrechnen, aber zählen, wieder andere kooperieren und/oder betrügen nach Kräften. Die Meister in Letzterem sind die Rabenvögel, aber Intelligenz zeigte sich bald allerorten, soferne man nur die Experimente intelligent genug anlegte. „Wenn man nichts findet, heißt das ja nicht, dass es nicht da ist“, erklärt Verhaltensforscher Kurt Kotrschal (Uni Wien), der gemeinsam mit Christian Schloegl ein Experiment erdacht hat, das Judith Schmidt dann bei der Arge Papageienschutz durchführte. Dort finden Tiere Zuflucht, auch sechs Graupapageien sind darunter, und aus dieser Tierart kam der berühmteste aller Menschähnlichen, er hieß Alex, konnte rechnen und reden, und wenn er genug hatte, sagte er klar und deutlich, er wolle nun rasten („Alex wants chair!“).
Von Nichtexistenz auf Existenz schließen
„Alex war kein Ausreißer, kein Genie unter Volltrotteln“, berichtet Schloegl: Die sechs im Experiment zeigten eine Fähigkeit, die man bisher nur von Menschen und Menschenaffen kannte: Sie können mit dem Ausschlussverfahren logische Schlüsse ziehen. Schmidt schüttelte vor ihren Augen kleine, undurchsichtige Behälter, je einen von zweien, in einem war eine Nuss, man konnte es hören. Zu dem griffen die Tiere dann. Na ja, das ist noch keine Kunst! Aber das: Wenn Schmidt den leeren Behälter schüttelte, griffen die Papageien zum anderen. Sie hatten aus einer Nichtexistenz (von Geräusch) auf eine Existenz (von Nüssen) geschlossen (Proc. Roy. Soc. B, 7. 7.). Warum sie das tun, ist unklar, vielleicht rütteln sie in der Natur an Nüssen, um zu testen, ob sie taub sind.
Und das Ganze funktioniert nur dann, wenn die Behälter horizontal gerüttelt werden, vertikales Rütteln löst nichts aus. Der Grund ist wieder unbekannt, aber das Verhalten bietet den Forschern einige Gewissheit, dass sie keinem „Klugen-Hans-Effekt“ aufgesessen sind: dass nicht Schmidt unbemerkt etwas signalisierte. „Ganz ausschließen kann man so etwas nie“, konzediert Kotrschal – manche Forscher haben schon zu viel Intelligenz in ihren Versuchstieren gesehen, Marc Hauser etwa stürzte darüber –, „aber dass man nur beim horizontalen Schütteln den ,Klugen-Hans-Effekt‘ erzeugt, das wäre doch schon sehr weit hergeholt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)
