Die Physik, deren Mysterien dem Laien oft nicht in den Kopf wollen – etwa die „spukhafte Fernwirkung“ der Quanten – beschäftigt sich bisweilen mit ganz lebensnahen Dingen, vor allem bei den Angelsachsen, und dort vor allem an der University of Leicester. Deren heurige Master hatten neben dem Studium Zeit fürs Kino, M. Pilkington etwa sah sich die Disney-Rapunzel an („Tangled“, 2010). Sie lässt ihr Haar von einem 70 Fuß hohen Turm herab. Könnte der Geliebte daran hinaufklettern, wenn er 60 Kilo wiegt und die Last auf 140.000 Haare verteilt ist? Man muss noch das Gewicht der Haare dazurechnen – 7,41 Kilo –, aber das Ganze geht sich locker aus: 2750 Kilo könnten die Haare tragen, bevor sie reißen.
Das ist natürlich ein bisschen luftig, Pilkington zeigt nicht, dass die Haare auch fest genug in der Kopfhaut sitzen. Solche Mängel weist David Marshalls Arbeit nicht auf, er hat in seiner Arbeit – „Trajectory of a falling Batman“ – berechnet, wie gut Batman mit seinem Cape, das sich zu Flügeln versteifen lässt, wirklich gleiten könnte. In diesem Szenario wiegt der Held 95 Kilo, die Flügel messen 2,2 Quadratmeter: Heben beide von einem 150 Meter hohen Turm ab, könnten sie 350 Meter gleiten. Aber: „Das Problem liegt in der Geschwindigkeit, mit der Batman am Boden ankommt. Sie erhöht sich auf ein Maximum von 110 km/h, bevor sie sich auf ungefähr 80 km/h einpendelt. Der Aufprall wäre fatal. Es ist also klar, dass die Benutzung eines Batcapes keine sichere Art des Reisens ist“, aber Marshall weiß Rat: „Man müsste bremsen, etwa mit einem Fallschirm.“
So starke Bomben gibt es nicht
Mit dergleichen kann Ben Hall nicht dienen: Er hat sich „Armageddon“ vorgenommen, den Film von 1998, in dem Bruce Willis die Erde rettet, indem er einen auf sie zurasenden Asteroiden mit einer Wasserstoffbombe in zwei Hälften zerfetzt und sich selbst mit. Dazu muss die Größe des Asteroiden (1000 km Durchmesser) bzw. seiner Hälften mit dem Sicherheitsabstand verrechnet werden, mit dem die beiden Hälften an der Erde vorbeirasen (640 km), dann braucht es natürlich noch die Geschwindigkeit des Asteroiden (10 km/sec) und die Entfernung, in der er getroffen wird. Aus alldem kann man die zum Halbieren nötige Energie berechnen, sie ist um „über neun Größenordnungen höher“ als die der größten je getesteten Atombombe, der russischen „Big Ivan“ (50 Megatonnen).
„Sorry Bruce“, schließt Hall. Das alles und viel mehr ist publiziert im „Journal of Physics Special Topics“ der University of Leicester, die einmal im Jahr die Kreativität ihrer Physiker ausstellt, zur Freude der Uni-Leitung und zum Einüben für die Jungforscher: Die Arbeiten sind peer-reviewed.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2012)
