Wenn die Wespen zu dieser Jahreszeit lästig werden, weil sie kaum mehr andere Insekten jagen – sie haben ihre Brut versorgt –, und uns zunehmend unsere Genüsse streitig machen – das Brot, das Bier, den Wein –, dann sollte man beim Zuschlagen vorsichtig sein. Nicht nur zum Selbstschutz: Wespen haben einiges mit unseren erwähnten Genüssen zu tun bzw. mit denen, die sie seit etwa 9000 Jahren für uns produzieren, den Hefepilzen Saccharomyces cerevisiae, auch in der Grundlagenforschung sind sie unentbehrlich, vor allem für Genetiker. Also werden sie in Brauereien, Bäckereien und Labors gehalten, bei Bedarf holt man Nachschub aus der Natur. Aber wie leben sie dort, und, vor allem: Wie kommen sie über die Kälte und den Nahrungsmangel des Winters? Dann finden sie Zuflucht an ganz besonderen Orten, in den Mägen von Wespen. Ducia Cavalieri (Florenz) hat den Mageninhalt von überwinternden Königinnen – bei Wespen, Bienen und Hornissen – analysiert und (nur) bei Wespen S.cerevisiae gefunden. Sie nehmen die Tiere mit auf, wenn sie im Herbst etwa an Trauben naschen, und sie geben sie an ihre Jungen weiter, wenn sie sie im Frühjahr darauf mit dem herausgewürgten Mageninhalt aufpäppeln (Pnas, 6.8.). Die Pilze leben dann noch, Cavalieri hat es mit eingebauten Leuchtgenen demonstriert. jl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)
