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Blackburn: "Wissenschaftler sind keine Wahrsager!"

11.08.2012 | 18:01 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Sie ist eine von nur zehn Frauen, die je den Nobelpreis für Medizin erhalten haben: Elizabeth Blackburn erklärt im Gespräch mit der "Presse am Sonntag", was Telomere über unsere Gesundheit aussagen.

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Elizabeth Blackburn verdankt den Medien eine Verjüngungskur: Auf der „Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten im Jahr 2007“ wurde das Alter der Molekularbiologin im „Time Magazine“ um 15 Jahre jünger angegeben, als sie wirklich war. Erst später wurde ihr tatsächliches Geburtsdatum eingefügt (geboren 1948 in Tasmanien), doch bis heute wird Blackburn oft über Anti-Ageing und das Geheimnis der Lebensverlängerung befragt: Denn die australisch-amerikanische Forscherin entdeckte 1984 das wichtige Enzym Telomerase, das im Zellkern verhindert, dass Chromosomen „ausfransen“, und erhielt dafür 2009 den Nobelpreis für Medizin.

Telomerase reguliert die Länge der Telomere, die am Ende des DNA-Stranges für Stabilität sorgen – wie die Plastikenden am Schuhband. Mit jeder Zellteilung büßt das Telomer an Länge ein, irgendwann ist es so „abgenutzt“, dass sich die Zelle nicht mehr teilen kann. Die Entdeckung der Telomerase nährte die Hoffnung der Pharmaindustrie, dass man über Steuerung ihrer Enzymaktivität die Telomerlänge beeinflussen kann: Das würde eine Steuerung der Zellalterung bedeuten.

In Ihrer Rede zum Nobelpreis haben Sie den österreichischen Staatsmann Graf von Metternich mit den Worten „Stabilität bedeutet nicht Stillstand“ zitiert. Wie meinen Sie das im Lichte der Forschung an Telomeren?

Elizabeth Blackburn: Damit die Enden der Chromosomen, die Telomere, stabil bleiben, braucht es sehr viele dynamische Komponenten, die dort arbeiten: Die Komponenten bauen die Chromosomenenden ständig wieder auf, da sich diese auf natürlichem Weg abnutzen. Es ist ein Gleichgewicht aus Abnutzung und Aufbau: Das ist die Natur der Chromosomenenden.

Ist dieses Zusammenspiel von Dynamik und Gleichgewicht nicht etwas, was in der Biologie so ziemlich alle Prozesse betrifft: von unserem Immunsystem bis zum weltweiten Ökosystem?

(lacht) Das ist ja fast schon eine metaphysische Frage! Ja, in der Biologie scheint dies ein Prinzip der Welt zu sein: Gleichgewicht, also Homöostase, wird nicht dadurch erreicht, dass sich nichts tut, sondern durch sehr dynamische Vorgänge.

 

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Die Körpertemperatur der Menschen – bzw. der Säuger und Vögel insgesamt – wird konstant gehalten, aber dazu sind viele sehr ausgeklügelte Mechanismen am Werk: Die Überwachung des Körpers und die Reaktion auf Umwelteinflüsse sind hoch aktive Prozesse. Genauso funktioniert es auch mit den Telomeren: Sobald in der Zelle erkannt wird, dass die Telomerlänge gefährlich kurz wird, startet eine sehr aktive Reaktion, die für die Zelle sehr energieaufwendig ist.

Diese Reaktionen und die Struktur der Telomere haben sich im Laufe der Evolution kaum verändert: Gibt es Wesen, die heute noch ohne Telomere leben?

Bisher ist bewiesen, dass alle Eukaryoten – das sind quasi alle Lebewesen außer Bakterien – Telomere haben: Denn diese Lebewesen haben lineare Chromosomen, die einen Schutz am Ende des DNA-Strangs benötigen. Bakterien und ähnliche Keime haben kreisförmige Chromosomen und daher keine Telomere. Das heißt, sogar die primitivsten Einzeller der Eukaryoten haben Telomere, genauso wie hoch entwickelte Pflanzen und Tiere. Und all diese haben auch Telomerase, die die Länge der Telomere kontrolliert.

Was war die erste Kreatur, die je Telomere gehabt hat?

Das muss wohl der „early common ancestor“, der erste gemeinsame Vorfahre der Eukaryoten gewesen sein. Auch wenn wir nicht wissen, wie diese Kreatur ausgesehen hat. Denn alle – außer eben Bakterien – haben Telomere und Telomerase, egal, wie unterschiedlich und divers die Organismen sind.

Sie selbst sind Mitgründerin der Firma „Telome Health Inc.“, die die Telomerlänge der Menschen als Hinweis auf bestimmte Krankheiten nutzen möchte. Welche Krankheiten stehen dabei im Fokus?

Dieses Unternehmen konzentriert sich darauf, Telomerlängen zu messen, und versucht nicht, Medikamente zu entwickeln. Und ich muss betonen: Die Telomerlänge ist keine spezifische Diagnose. Trotzdem haben wir viele Hinweise, welche Krankheiten mit kurzer Telomerlänge in Zusammenhang stehen. Wichtige Studien dazu kommen auch aus Österreich, von der Bruneck-Studie (dabei screenen Innsbrucker Forscher ein Dorf seit Jahrzehnten medizinisch, Anm.). Kurze Telomere sind ein Indikator für ein hohes Risiko, in Zukunft an den häufigsten „Killern“ von älteren Menschen in Industrieländern zu erkranken: Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Aber die Telomermessung sagt einem nicht, welche dieser Krankheiten man bekommen wird?

Nein, es ist ja keine Diagnose, die für eine bestimmte Krankheit angewendet werden kann. Es ist ein Maßstab für die Gesundheit, und es geht dabei nur um Wahrscheinlichkeiten. Bei älteren Menschen beobachtet man, dass diese Krankheiten sich auch untereinander beeinflussen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten z.B. als Risiko für Diabetes. Wir denken, dass die biologischen Mechanismen für all diese Krankheiten nicht nur, aber auch mit Telomere-Verkürzung im Alter zu tun haben. Je kürzer die Telomere, umso schneller die Prozesse, die zu solchen Krankheiten führen. Natürlich spielen noch viele andere Faktoren mit, ob jemand Diabetes, Krebs oder einen Herzinfarkt bekommt.

Das heißt, Wahrsager und Handleser müssen nicht bangen, dass Wissenschaftler durch Telomerlängenmessung das Geschäft übernehmen und den Leuten vorhersagen, wann sie sterben werden?

Nein, und ich möchte mich ausdrücklich gegen solche Formulierungen wehren: Wir suchen als Wissenschaftler nach Biomarkern, die Wahrscheinlichkeiten im Zusammenhang mit anderen medizinischen Daten vorhersagen. Leider verwenden die Medien immer wieder Ausdrücke wie „Wahrsager“, das zeigt nur, dass sie die Wissenschaft nicht verstanden haben. Das schadet unserem Fach, da wir verantwortungsvoll nach Möglichkeiten suchen, die Telomere zu messen und daraus Schlüsse für die Gesundheit der Menschen zu ziehen, wie man es mit jedem anderen Biomarker auch macht. Blutdruck, Blutzucker und so weiter: Dabei erfährt man Zahlen, die einem die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Krankheiten verraten, also statistische Vorhersagen.

Haben Sie selbst schon Ihre Telomerlänge messen lassen?

Ich bin in einer Studie eingebunden, in der das soeben passiert. Aber ich weiß das Ergebnis noch nicht.

Mit 63 Jahren könnten Sie in Österreich schon in Pension sein. Sie forschen aber noch und reisen zu vielen Vorträgen: Sehen Sie sich dabei als Role Model für junge Forscher, vor allem Forscherinnen?

Ja, ich finde das sehr wichtig: Wir kennen die Zahlen, es fehlen Frauen in der Naturwissenschaft. Bisher gibt es erst zehn Medizin-Nobelpreisträgerinnen bzw. erst 39 Frauen im Vergleich zu 707 Männern in allen Kategorien. Wir Menschen sind sehr visuelle Wesen: Wenn jemand eine Frau als Nobelpreisträger sieht, erkennt er: Ja, das ist möglich!

Bei den Alpbacher Technologiegesprächen, bei denen Sie auftreten, ist „Jugend“ das Thema: Sind junge Menschen der Antrieb, warum Sie so viel durch die Welt reisen?

Ja. Das Reisen macht mich zwar sehr müde, aber ich werde mit Energie aufgeladen, wenn ich mit jungen Menschen spreche. Der Kontakt mit der Jugend macht mir einfach Spaß.

Tiroler Gipfeltreffen

„Globale Zukunft: Erwartungen an Wissenschaft und Technologie.“ Unter diesem Motto stehen heuer die Alpbacher Technologiegespräche von
23. bis 25. August. Der neue Präsident des Forums Alpbach, Franz Fischler, versprach im Vorfeld, den jüngeren Teilnehmern größere Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Eine der Möglichkeiten dazu ist das Gespräch der beiden Nobelpreisträger J. Michael Bishop und Elizabeth H. Blackburn mit österreichischen Nachwuchsforschern. Auch einige Arbeitskreise beschäftigen sich mit „jungen“ Themen – etwa „Klettersteig in die wissenschaftliche Karriere“, „Gesucht: jung, technisch begabt, wissbegierig“ oder „Lernen durch innovative Bildungsnetzwerke“.

Die Technologiegespräche erwartet werden 1200 Besucher – werden von ORF-Ö1 und dem Austrian Institute of Technology (AIT) in Kooperation mit den Ministerien für Infrastruktur, Wissenschaft und Wirtschaft organisiert. „Die Presse“ ist Medienpartner.
www.alpbach.org/efa12

Zur Person

Am 26.11.1948
wurde Elizabeth Blackburn in Australien geboren.

1972 ging sie nach dem Studium in Melbourne nach Cambridge, UK.

Seit 1975 lebt sie
in den USA: damals
als Postdoc an der
Yale University.

1978 wechselte sie
an die Berkeley-Universität – als Professorin des
Department of Molecular Biology.

Seit 1990 ist Blackburn Professorin des Department of Microbiology and Immunology in
San Francisco.

2009 erhielt Blackburn gemeinsam mit Carol W. Greider und Jack W. Szostak den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung der Telomerase.

Am 24. August 2012stellt sich Blackburn beim Forum Alpbach den Fragen junger Forscher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)

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