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Bringt Forschung die Schuld zum Verschwinden?

16.08.2012 | 17:11 |  von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Wie reagieren Richter darauf, dass immer mehr Gewaltverhalten von Neurologen und Genetikern erklärt und damit juristischen, moralischen und philosophischen Kategorien entzogen wird? Ein US-Forscher erkundet es.

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Im Jahr 1983 vergewaltigte Brian Dugan in Illinois ein 13-jähriges Mädchen, dann schlug er es tot, im Jahr darauf tat er das Gleiche mit einer jungen Frau, dann wieder mit einem Kind. Die Polizei griff ihn auf und legte ihm die letzten beiden Taten zur Last. Aber Dugan hatte eine Überraschung und schlug der Justiz einen Handel vor: Er habe auch die Tat 1983 begangen – derer er nicht verdächtigt wurde –, er werde alles gestehen, sofern ihm die Todesstrafe erspart bleibe.

Die Justiz ging darauf nicht ein, sie konnte es auch nicht: Für die erste Tat hatte sie zwei andere Männer hinrichten lassen. Deren Schuldlosigkeit bzw. die Schuld Dugans kam erst 2002 ans Licht, durch DNA-Analysen. Dugan, der inzwischen lebenslang saß, wurde neu angeklagt. 2009 griff sein Verteidiger zu einem neuen Beweismittel, der funktionellen Magnetresonanztomografie, fMRT. Das ist eines der bildgebenden Verfahren, die zeigen, was im Gehirn vor sich geht, viele Hirnforscher arbeiten damit, auch Kent Kiehl, University of New Mexiko, er hat sich auf Psychopathen spezialisiert. Das sind Menschen ohne jegliches Einfühlungsvermögen in andere („Empathie“), sie haben auch sonstige Eigenheiten, Kiehls Lehrer Robert Hare hat eine „Psychopathy Checklist“ entwickelt, sie stützt sich auf Interviews, im Extrem kommen 40 Punkte zusammen.

Umstrittene Aussagekraft von Hirnscan

Dugan brachte es auf 38. Sein Verteidiger wollte das Gericht davon überzeugen, dass die Gründe dafür in der Hirnphysiologie liegen. Deshalb die fMRT-Röhre, in sie darf kein Metall, man nahm Dugan die Handschellen ab, Kiehl hatte Ersatz aus Plastik. Dann lief die Maschine, und Kiehl fand Hirnareale, die so verändert waren wie bei manchen anderen Psychopathen. Das trug er dem Richter und den Geschworenen vor. Ein Gegenexperte der Staatsanwaltschaft nahm das Gutachten auseinander: 26 Jahre nach einer Tat sei eine fMRT völlig sinnlos, weil sich das Gehirn entwickelt; zudem sage fMRT viel über summierte Gehirne von Gruppen aus, aber wenig über die von einzelnen Individuen. Dieser Kritik schlossen sich Kollegen Kiehls an, sein Vorpreschen hat die Zunft gespalten (Nature, 464, S. 340).

Und Dugan hatte zunächst auch nichts davon, er erhielt ein Todesurteil. (Allerdings wurde dann die Todesstrafe in Illinois abgeschafft, Dugan sitzt weiter lebenslang.) Aber nun war mit fMRT wieder ein neues Beweismittel in der Justiz, Schritt für Schritt dringen die Biologen bzw. Mediziner vor. 1982 wurde erstmals eine Computertomografie zugelassen, dann kamen DNA-Analysen, zunächst zur Identifikation der Täter, später auch zu ihrer Charakterisierung: 2007 erhielt ein Mörder in Italien mildernde Umstände wegen psychischer Leiden. Psychiater hatten ihn getestet, der Richter verurteilte ihn zu neun Jahren und drei Monaten, ein Gesunder hätte drei Jahre mehr bekommen. Der Verteidiger beantragte eine zusätzliche Analyse der Gene für MAOA, einen Neurotransmitter, der bei hoher Konzentration mit der Neigung zu Gewalt in Verbindung gebracht wird: Der Angeklagte hatte die Variante, er erhielt weiteren Strafnachlass. Nun war auch die Zunft der Genetiker gespalten, Steve Jones (University College London) etwa kommentierte so: „90 Prozent aller Morde werden von Menschen mit einem Y-Chromosom begangen – Männern. Sollen wir deshalb Männer immer milder bestrafen?“

Jones ging es nicht nur darum, dass von den Genen zum Verhalten ein weiter Weg ist, ihm ging es auch ums Prinzip, um die Ablösung eines Richterspruchs durch eine Expertise. Und um biologischen Determinismus. Wenn der schon einem Biologen Probleme bereitet – wie gehen dann erst Richter um mit dem wachsenden Heer der Naturwissenschaftler im Gerichtssaal? James Tabery (University of Utah) hat es erkundet: Er hat einen fiktiven Fall zu Papier gebracht und 181 US-Richter um ihr Urteil gebeten. Alle erfuhren, dass der Täter ein Psychopath ist, für die weiteren Informationen wurden vier Gruppen gebildet: Eine bekam die „Psychopathen“-Information von der Anklage, eine von der Verteidigung; und einmal stand da nur „Psychopath“, das andere Mal waren erklärende Expertisen beigelegt, sowohl von Hirnforschern als auch von Genetikern.

Theoretisch kann die Charakterisierung als „Psychopath“ nach zwei Richtungen wirken: strafmildernd, weil der Mann nicht zurechnungsfähig ist; strafverschärfend, weil so einer keine Bedrohung mehr werden darf. In der Praxis ging „Psychopath“ zulasten des Angeklagten, er erhielt durchschnittlich 13,93 Jahre, zwei Jahre mehr als für die Tat üblich. Aber wenn eine wissenschaftliche Erklärung dabei war und diese obendrein von der Verteidigung vorgetragen wurde, entdeckten die Richter mehr mildernde Umstände, dann verurteilten sie zu nur 12,83 Jahren (Science, 337, S. 846).

Allerdings stand hinter diesem Urteil ein zweites, so hilfloses wie salomonisches: Die gleichen Richter, die unter Experteneinfluss mehr mildernde Umstände entdeckten, blieben in der Zentralfrage – der nach der Freiheit des Willens (des Angeklagten), der Forscher hatte sie in einem Fragebogen zusätzlich gestellt – unverrückbar: Sie sahen diese Freiheit in keiner Weise eingeschränkt, mochten sie noch so viele Einschränkungen als Milderungsgründe verbucht haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.087.2012)

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11 Kommentare
Gast: Logik
19.08.2012 23:18
0 1

Unglaublich

Was sie behaupten ist unglaublich!

Breivik droht als Strafe "Psychiatrierung". Und damit eine haertere Strafe als normal 'lebenslaenglich'. Er wird gegen seinen Willen mit Medikamenten behandelt, die ihn wirklich zu einem lebenslaenglich Gefangenen und nachgewiesenermassen zum Gehirngeschaedigten machen. Er selbst weiss (und fuerchtet) das, und seine Richer wissen das.

Dieselbe "Behandlung" wie fuer Massenmoerder wird aber auch voellig legal, und sicher lebeslaenglich, fuer nicht gewalttaetige, aber psychisch Kranke eingesetzt. Rechtsstaat?

Ist Breivik am Ende unschuldig?
Wissenschaft heute! Man sollte wohl eher sagen, medizinische Wissenschaft heute! Es ist ein Verbot zu fordern, fuer Mediziner die oeffentlich finanzierte MRT-Geraete fuer ihre sinnentleerten Forschungen missbrauchen koennen!

Gast: Freiheit
18.08.2012 21:51
1 0

Psychopathie ist Freiheit

Nichts anderes. Die Tatsache nicht durch Angst oder Mitgefühl gebunden zu sein entschuldigt gar nichts. Oder soll das heißen, dass die meisten Menschen nur deshalb nicht Morde, Rauben und Vergewaltigen weil sie Angst vor der Strafe haben oder ein schlechtes Gefühl dabei? Das ist mehr beängstigend als dass es Psychopathen gibt. Die Gen-Sache ist schon eher beängstigend, das kann man sich nicht aussuchen. Andererseits stellt sich immer die Frage, warum nicht alle Menschen mit MAOA zum Mörder werden. Eine Kausalität ist das nicht. MAOA ist übrigens kein Neurotransmitter.

Gast: django
18.08.2012 21:39
0 0

Rachejustiz...

Wir haben ja eh mehr keine Rachejustiz, da sich längst die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass der "Verbrecher" gar nicht anders kann.

Was man im modernen Strafvollzug allerdings macht, ist diese bedauernswerten Menschen zum Schutz der Gesellschaft behütet zu behandeln.

Gast: lavater
17.08.2012 21:25
2 0

Was ist Schuld?

Es ist klar, dass Mörder und andere Verbrecher, die ein Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft darstellen, hinter Schloss und Riegel gebracht werden müssen.

Man könnte auch sagen, die Länge und Schwere der Strafe könnte proportional dem Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft bemessen werden. Dann könnte man aus allen unseren Gesetzen das Wort "Schuld" und ähnliche Begriffe streichen und durch "Sicherheitsrisiko in der Zukunft" ersetzen.

Persönliche Schuld wiegt sehr schwer. Es lässt sich darüber nicht so locker schreiben. Leichter ist es, einen Artikel zu verfassen, wieviel Prozent Affen Rechtshänder sind.

Deshalb wird der Frage, was Schuld wirklich ist, in diesem Artikel auch nicht nachgegangen, sie wird auch gar nicht definiert. Es wird nur gesagt, dass sie durch die Wissenschaft zum Verschwinden gebracht werden könnte.

Aber WAS wird denn dann durch die Wissenschaft zum Verschwinden gebracht?


Re: Was ist Schuld?

ja, natürlich ist ein Artikel über die Händigkeit der Affen leichter
als einer über die Theodize,
aber jetzt sind Sie an der Reihe,
wie kommen denn diese Monster in die Schöpfung?

Antworten Antworten Gast: lavater
21.08.2012 07:43
0 1

Re: Re: Was ist Schuld?

Eine Fragestellung, die auch nur ansatzweise ein Richteramt über Gott ausübt, ist grundlegend falsch.
Denn der heilige Gott wird nie auf der Richterbank sitzen, sondern immer nur wir.

Aber von Genesis Kapitel 1-3 wissen sie ja, dass alles, was Gott geschaffen hatte GUT war, dass aber der Mensch durch seinen freien Willen schlecht geworden ist.
Der freie Wille ist eben ein zweischneidiges Schwert, aber ohne freien Willen ist der Mensch nur eine Maschine, mit freiem Willen hat der Mensch eine Würde und eine Persönlichkeit.


Re: Re: Re: Was ist Schuld?

Ihre ersten zwei Sätze verstehe ich überhaupt nicht,
beim Jüngsten Gericht sitzt wohl er oben

aber solange wir auch noch urteilsfähig sind, halte ich Ihre Lösung der Theodizee für wenig überzeugend,
der Allmächtige und Allgütige erschafft etwas, was absolut böse werden kann,
und zieht keine Bremsen ein?

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: lavater
22.08.2012 22:37
0 1

Re: Re: Re: Re: Was ist Schuld?

ad 1) urteilsfähig

von einem Tomatenpflücker dürfen sie nicht Auskünfte über schwierige nationalökonomische Fragen verlangen, er ist zu weit davon entfernt und hat keinen Bezug dazu.

Tatsache ist, dass wir uns so extrem weit von dem heiligen und wahren Gott entfernt haben, dass wir diese Fragen aus eigener intellektueller Kraft nicht mehr beantworten können.

a) Die Bibel sagt, dass die Grundlage für jede Erkenntnis die Ehrfurcht vor Gott ist: Sprüche 1:7;Sprüche 9:10;Micha 6:8-9 u. viele andere Stellen.

b) Der Herr Jesus sagt, dass vor allem 2 Dinge der Mensch zur wahren Erkenntnis benötigt, hat er diese nicht, ist garantiert Irrtum vorprogrammiert (Matth. 22:29).

Wenn sie oder ich diese Dinge a)+b) nicht oder nicht in ausreichendem Maß haben, dann können wir Fragen wie etwa "Warum lässt Gott es zu?" auch nicht oder nicht ausreichend beantworten, wir werden nur unsere eigenen oder nur angelernte Philosophien von uns geben.

Es ist zwar eine harte Nuss, dass nicht der Philosoph mit dem höchsten IQ, der jahrelang studiert hat, zur Erkenntnis kommt, sondern der, der seine Knie beugt - aber es ist nun einmal so: Jesaja 66:1-2;Philipper 2:10

ad 2) Bremsen

Wenn sie die Bibel und auch die Geschichte durchstudieren, werden sie die von ihnen geforderten "Bremsen" schon sehen. Es gab immer wieder schwere göttliche Gerichte über einzelne gottlose Menschen oder ganze Völker. Allerdings: Idi Amin und Stalin sind friedlich gestorben.


Re: Re: Re: Re: Re: Was ist Schuld?

wir sind nur keine Tomatenpflücker -ganz nebenbei verstehen die vielleicht besser asl alle Analysten, was in der Ökonomie vor sich geht -sondern autonome Subjekte,

wenn Sie mit Ihrer Antwort auf die Theodizee gut leben können,
dann: Gott befohlen

Antworten Gast: Denkfehler
18.08.2012 22:28
1 0

Re: Was ist Schuld?

Ich finde es lustig, den Artikel zu lesen. Angeblich sind Psychopathen absolut uneinfühlsam und haben deshalb keine emotionale Notbremse, wenn sie etwas falsch machen oder unter Stress geraten. Die dummen und kriminellen von ihnen landen deshalb oft im Gefängnis. Aber mal zu Ende gedacht: Eigentlich müssten Psychopathen doch viel mehr Schuld tragen, als normale Menschen, weil sie kaltblütig und stressresistent sind und deshalb ohne den gefühlsüberbau handeln können. Psychopathie bedeutet ja nicht, die Regeln nicht intellektuell zu begreifen oder zu verstehen was in anderen Vorgeht, sondern nur, dass man es nicht wahrnimmt.

Gast: G.K.
17.08.2012 19:20
2 0

Allerdings stand hinter diesem Urteil ein zweites, so hilfloses wie salomonisches

Konsequent in Richtung Determinismus wurde das Thema von F. B. Skinner 1973 in seinem Buch "Jenseits von Freiheit und Würde" vorgetragen. Álles menschliches Verhalten wird dann "entschuldbar", aber zugleich auch nichts mehr "anerkennenswürdig": Verbrecher wie Genies sind gleichermaßen determiniert und daher für ihre Leistungen nicht persönlich verantwortlich, weder Strafen noch Belohnungen sind - außer zum Zwecke der Konditionierung - angebrach.
Was bieten sich für Alternativen, wenn einem dieses Weltbild nicht gefällt? Will man sich dem wissenschaftlichen Diskurs nicht mit einem Glaubenssatz entziehen, bleibt nur, das naturwissenschaftliche Weltbild im Hinblick auf die Stringenz, mit der Determinismus nahegelegt wird, zu durchleuchten. Das geschieht in meinem Buch "Freiheit im Kontext der Wissenschaftskritik". Dabei zeigt sich, dass ein positiver Nachweis der Freiheit als Abwesenheit jeglicher Determination prinzipiell unmöglich ist, was aber eben nur den Nachweis, nicht die Möglichkeit der Freiheit betrifft. Es wird auch gezeigt, dass ein Denken (und daran anschließendes Handeln), das sich selbst auf Gehirnprozesse zurückführt, die ihrerseits physikalisch-biologisch determiniert vorgestellt werden, in einer logischen Sackgasse endet, da die soeben aufgestellte "Erkenntnis" über das Zustandekommen des Denkens ebenfalls durch eben diese Gehirnprozesse determiniert wäre und damit jeden Anspruch auf "Erkenntnis" verliert.