Dass immer mehr Pilze wie die Pilze aus dem Boden schießen, ist den Sammlern in den letzten Jahrzehnten quer durch Europa aufgefallen, und die Forscher sehen es in ihren Bilanzen auch, etwa in der „Datenbank der Pilze Österreichs“ der Österreichischen Mykologischen Gesellschaft, dort laufen die Fundmeldungen zusammen: „Der Trend ist sehr deutlich“, berichtet Irmgard Krisai-Greilhuber (Botanische Systematik, Uni Wien), die gemeinsam mit Wolfgang Dämon (Salzburg) die Datenbank betreut: „Alle Pilze fruktifizieren früher, und die Saison zieht sich länger hin.“
Mit „allen“ Pilzen gemeint sind die, die große Teile des Jahres dem Blick verborgen sind, weil sie dann nur als Myzel im Boden leben. Sichtbar werden sie erst, wenn sie ihre Fruchtkörper aus der Erde strecken, dann kann man ihnen auch mit doppelten Vorsicht – den Pilzen und sich selbst gegenüber – zu Leibe rücken, ihnen, den Köstlichkeiten wie Champignons und Parasolen, Eierschwammerln und Steinpilzen. Die gehören allerdings zu zwei ganz verschiedenen Gruppen: Champignons und Parasole sind satrotrophe Pilze, die sich von organischem Material ernähren, sie zersetzen etwa herabgefallenes Laub. Die anderen Genannten gehören zu den Mycorrhiza, sie sind enger mit Pflanzen vergesellschaftet, vor allem mit Bäumen. Sie leben im symbiotischen Verbund mit den Wurzeln, vergrößern deren Oberfläche, die Pflanzen können mehr Wasser und Nährstoffe aufnehmen; im Gegenzug versorgen sie die Pilze mit Produkten der Fotosynthese, bis zu zehn Prozent geben sie ab.
Der erste Frost kommt später im Jahr
Und wenn sie mehr Fotosynthese betreiben können, weil die Saison durch die globale Erwärmung länger geworden ist, dann gedeihen eben auch die Pilze besser und länger. Das haben Krisai-Greilhuber und Dämon in einer europäischen Gruppe gezeigt, die die Entwicklung der Pilze von 1970 bis 2007 in Österreich, der Schweiz, Skandinavien und England analysiert hat. Das Bild ist überall das gleiche, auch bei den Satrotrophen: Es gibt mehr Pilze, und es gibt sie länger, vor allem in England. Denn dort kommt seltener und später – wenn überhaupt – der erste Frost, er macht dem Ausritt des Myzels aus seinem Schattenreich ins Licht ein Ende (Pnas, 20. 8.).
Unklar sind die Folgen, vor allem die für den Kohlenstoffkreislauf: Mehr Pilze zersetzen mehr Biomasse und bringen damit mehr CO2 in die Atmosphäre. Das kann in verstärkten Waldwuchs gehen oder als Treibhausgas weiter heizen. Das Urteil darüber müssen die Forscher offen lassen. jl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)
