21.05.2013 13:24 Merkliste 0

Bringen Parasiten Hirntumore und Selbstmordneigung?

22.08.2012 | 01:01 |   (Die Presse)

Toxoplasma gondii, das im Gehirn von Ratten viel anrichtet, könnte auch für unsere Gehirnen böse Folgen haben.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Ratten fürchten nichts so sehr wie den Geruch von Katzenurin. Aber manchmal verlieren sie die Furcht nicht nur, sondern suchen die Gefahr. Für diesen Spuk sorgt Toxoplasma gondii, ein Parasit, der zwischen zwei Wirten pendelt: Er vermehrt sich im Gedärm von Katzen und wird mit dem Kot ausgeschieden, Ratten machen sich darüber her, und in ihrem Körper wandern einige Parasiten ins Gehirn und übernehmen die Fernsteuerung – zurück zur Katze.

Aber auch viele von uns haben Toxoplasma, ein Drittel von allen, es schwankt von Land zu Land. Und manche müssen es extrem fürchten, Schwangere: Toxoplasma kann Fehlgeburten bringen oder Embryos schwer schädigen. Kann es auch mit den Gehirnen Erwachsener etwas anrichten, wie bei den Ratten? Es geht auch bei uns hinein und kapselt sich ein. Und es ändert das Verhalten, geschlechtsspezifisch: Frauen werden warmherziger, Männer misstrauischer.

Jetzt kommt neuer Verdacht: T. gondii könnte das Suizidrisiko erhöhen und auch das, an Hirntumoren zu erkranken. Ersteres liest Teodor Postolache (University of Maryland) aus dem Blut von US-Bürgern, die einen erfolglosen Selbstmordversuch unternommen haben: „Wer Antikörper gegen Toxoplasma im Blut hat, hat ein siebenfach erhöhtes Risiko, Gewalt gegen sich selbst anzuwenden.“ (J. Clin. Psychiatry, 16. 8.) Das heißt nicht, dass Toxoplasma allein in den Selbstmord treibt, es verstärkt den Druck für psychisch Angeschlagene. Und es ist bei uns auch nicht wie bei den Ratten: Toxoplasma wird nicht Herr im Gehirn, es bringt vermutlich eine dauernde Entzündung.

Entwarnung für Katzenbesitzer

Die könnte auch dahinterstecken, dass Toxoplasma mit einer „1,8-fachen Erhöhung des Hirntumorrisikos“ einhergeht (Biology Letters, 8, S. 101). Frédéric Thomas hat es in einem internationalen Vergleich von Ländern mit unterschiedlicher Toxoplasma-Belastung erhoben. Eine Kausalität ist damit nicht gezeigt, nur eine Korrelation, und wo das Toxoplasma herkommt, ist damit auch nicht entschieden. Vom Hauptverdächtigen kommt es nicht, entwarnt Vicky  Benson (Oxford), die bei der britischen Bevölkerung auf die Mitbewohner der Hirntumorkranken geachtet hat: „Katzenbesitzer haben kein erhöhtes Risiko. Das schließt aber nicht aus, dass eine Infektion von einer anderen Quelle mit Hirntumoren verbunden sein kann.“ (Biology Letters, 21. 8.)  T. gondii kann mit dem Essen kommen, mit ungewaschenem Gemüse oder Fleisch. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web