Indoeuropäische Sprachen stammen aus Anatolien

Die Mutter der meisten Sprachen Europas wurde vor 9500 bis 8000 Jahren von Bauern in der heutigen Türkei gesprochen.

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(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Sprache sei „a virus from outer space“, sagte William S. Burroughs. Mit dieser Definition ist wohl kein Linguist einverstanden, aber das Bild des Virus hat seine Reize: Man kann die Änderungen von Wörtern im Lauf der Zeit mit zufälligen Mutationen eines Virus vergleichen, auch in dieser Evolution spielt geografische Trennung von Populationen eine Rolle. Und schon Charles Darwin hatte im „Descent Of Man“ bemerkt, dass die Belege für die Evolution der Arten und jener der Sprachen „seltsam parallel“ seien.

So verglichen Sprachforscher um Remco Bouckaert (Auckland, Neuseeland) Wörter aus 103 lebenden und toten indoeuropäischen Sprachen und erstellten einen Stammbaum. Ein Beispiel ist das Wort für „Mutter“: Auf Englisch heißt es „mother“, auf Spanisch „madre“, auf Persisch „madar“. All diese Formen müssen sich aus einem indoeuropäischen „Urwort“ entwickelt haben, so wie alle indoeuropäischen Sprachen aus einem Ur-Indoeuropäisch.

Doch nicht aus der russischen Steppe

Aber wo wurde dieses gesprochen? Für dieses „widerspenstigste Problem“ der historischen Linguistik, wie es Jared Diamond nannte, gibt es zwei Lösungsvorschläge. Die Steppen-Hypothese siedelt den Ursprung nördlich des Kaspischen Meeres in der russischen Steppe an, von dort hätten sich vor 6000 bis 5000 Jahren halbnomadisch lebende Viehhalter der „Kurgan-Kultur“ ausgebreitet, und mit ihnen ihre Sprache.

Die alternative Hypothese sieht Anatolien als Urheimat. Von dort hätten sich die indoeuropäischen Sprachen vor 9500 bis 8000 Jahren zusammen mit Landwirtschaft und bäuerlicher Lebensweise ausgebreitet. Die australischen Forscher –  die ja selbst die heute verbreitetste indoeuropäische Sprache, Englisch, sprechen – leiten aus ihren Stammbäumen ab, dass diese Hypothese plausibler ist (Science, 337, S. 960). Weiters sagen sie: Vor 6000 bis 4000 Jahren haben sich die fünf großen Unterfamilien des Indoeuropäischen gebildet: Keltisch, Italisch, Germanisch, Balto-Slawisch, Indo-Iranisch. (Daneben entstanden kleinere Gruppen wie Albanisch, Griechisch, Armenisch, Tocharisch, Anatolisch.) Die Aufspaltung einer italischen Sprache, des Lateinischen, in die romanischen Sprachen, die nach Ende des Römischen Reichs passierte, ist besonders gut studiert: Sie diente den Linguisten als erster Testfall für ihr Modell.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2012)

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