„Wir wissen fast nichts über die biologische Vielfalt, wir kennen die wahren Biodiversitäts-Verluste nicht.“ Diese Aussage des deutschen Biologen Volker Mosbrugger bei den Alpbacher Technologiegesprächen mag paradox klingen. Immerhin liest man ständig von Roten Listen und von exakten Prozentsätzen, welcher Anteil der Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht ist. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man bedenkt, dass der moderne Biodiversitäts-Begriff mehr umfasst als die Artenvielfalt: nämlich auch die genetische Vielfalt, die Vielfalt der Ökosysteme und der Beziehungen zwischen verschiedenen Organismen.
Über all das wisse man nur wenig, erläutert Mosbrugger, halbwegs greifbar sei derzeit nur die Artenvielfalt: Beschrieben sind aktuell gut 1,5 Millionen Pflanzen- und Tierarten, davon rund ein Million Insekten. Schätzungen über die „wirkliche“ Artenzahl reichen von fünf Millionen bis 100 Millionen. „Bei jeder Tiefsee-Expedition sind 95 Prozent der Arten, die man findet, neu“, berichtet der Leiter der Senckenberg-Gesellschaft für Naturschutz: „Wissenschaftler entdecken jährlich rund 10.000 neue Arten, die bisher nicht beschrieben waren.“
Obwohl man also die Artenzahl nicht einmal annähernd kennt, sind die Roten Listen nicht nutzlos. „Das Problem ist, dass das, was man kennt, vielfach bedroht ist.“ Laut statistischen Untersuchungen sei das Tempo des Artensterbens 100- bis 1000-mal größer als das natürliche „Hintergrund-Aussterben“. Als Hauptursache dafür gelten Änderungen der Landnutzung – etwa das Verwandeln von Wäldern in Felder. An zweiter Stelle steht laut Mosbrugger der Klimawandel, eine Rolle spielen aber auch Stickstoffeintrag in den Boden, die CO2-Düngung durch die Luft und die Invasion fremder Arten.
Die Artenvielfalt ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn wesentlich größer ist die genetische Diversität. Bei einer Senckenberg-Studie mit neun deutschen Stein-, Köcher- und Eintagsfliegen stellte sich heraus, dass sich dahinter ein Vielfaches an genetischen Varianten verbirgt – „kryptische Arten“. Das macht Schätzungen über Biodiversitäts-Verluste komplex. Die Forscher haben Simulationen („Species-Area“-Modelle) entwickelt, in denen im Computer äußere Bedingungen, etwa Temperatur oder Niederschläge, verändert werden können; dann wird berechnet, welchen Einfluss das auf die Verbreitung von Arten hat. Ergebnis: Von den neun Fliegenarten könnte in den nächsten Jahrzehnten eine Art aussterben – rund elf Prozent. Der Verlust der genetischen Vielfalt liegt aber bei stolzen 70 Prozent. „Das heißt: Wenn wir nur auf die Arten schauen, dann spiegelt das nicht wider, was auf der Welt passiert.“
Noch verwickelter wird die Situation, wenn man den Horizont auf die Vielfalt der Ökosysteme ausweitet. „Da sind wir erst ganz am Anfang“, so Mosbrugger. Auch deshalb, weil viele Faktoren eine Rolle spielen. Eine Simulationsrechnung, die Ende Juni in Nature publiziert wurde, ergab, dass ein steigender CO2-Gehalt der Luft dazu führt, dass Bäume die jetzigen afrikanischen Savannen überwuchern. Wenn aber zugleich die Temperatur rasch steigt, geht die Veränderung des Ökosystems viel langsamer vor sich, weil dann die Gräser schneller wachsen.
Zudem verstehe man die Konsequenzen der Veränderung der Ökosysteme noch nicht, beklagt Mosbrugger. So ergab ein Modell, dass eine Abholzung der Amazonas-Regenwälder zu einer Abkühlung in Sibirien führe – die Forscher nennen eine solche Fernwirkung „Telekonnektivität“. Das Verhalten komplexer Systeme überrascht immer wieder. „Wenn zusätzlich die Regenwälder in Afrika und Südostasien vernichtet werden, dann ist die Summenwirkung viel größer als die drei einzelnen Effekte.“
Wie geht es nun mit der Vielfalt in der belebten Natur weiter? „Wir können keine verlässlichen Prognosen erstellen, aber sicher ist, dass wir Biodiversität verlieren. Wir erwarten keine Katastrophe, aber die Auswirkungen werden kurzfristig überwiegend negativ sein und für eine Million Jahre sichtbar bleiben.“ Die Erde wandle sich immer – „das ist per se nichts Schlechtes“, so der Biologe. „Wir haben aber die Erde komplett umgewandelt – und das ohne Sinn und Verstand. Wir müssen nun weitermachen mit der Umwandlung, aber diesmal mit Sinn und Verstand.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)
