Die industrielle Produktion hatte in Europa lange Zeit nicht den besten Stand. Die gängige Maxime war und ist: Das Wissen haben wir, aber produzieren sollen halt andere. Die aktuelle Wirtschaftskrise bringt diese weit verbreitete Ansicht jedoch ins Wanken: Das Image der Produktion wandelt sich nun. Bei Debatten der Alpbacher Technologiegespräche wurde einmal mehr deutlich, welche Bedeutung Innovation in der Produktion haben sollte, damit Europa im globalen Wettbewerb nicht ins Abseits gerät.
Völlig einig war man sich, dass die bisherige europäische Linie, Forschung und Produktion getrennt voneinander zu betrachten, nicht wirklich zukunftsfähig ist. Denn Innovation und deren Integration in die Wertschöpfungskette – oder anders ausgedrückt: Wie wandelt man Wissen in Geld um? – werden laut Siemens-Manager Siegfried Russwurm immer wichtiger. Der EU-Spitzenbeamte Herbert von Bose stellt den Europäern in dieser Hinsicht ein mittelmäßiges Zeugnis aus. Man sei zwar gut im Schaffen von Wissen. Allerdings schlecht, wenn es darum gehe, dieses Wissen in Innovation umzuwandeln.
Für Seung-Wook Yang, Präsident von Hyundai Motor Europe, liegt der Schlüssel zu einer Verbesserung der Situation darin, Wissenschaft und Fertigung als Einheit zu betrachten.
Jugend stärken. Die besten Technologien oder Werkstoffe nützen wenig, wenn man nicht in der Lage ist, sie auch vor Ort zu produzieren. Die EU-Kommission versucht deshalb, durch das künftige Forschungsrahmenprogramm „Horizon 2020“ mehr Dynamik in das Ganze zu bringen.
Das allein ist jedoch nicht genug. Von Bose richtet daher einen Appell an die Industrie, Geld in die Hand zu nehmen und es in die Fertigung zu investieren. Indirekt wird kritisiert, dass es nicht reicht, sich auf dem Humankapital auszuruhen, um im globalen Wettbewerb erfolgreich mitzumischen. Wobei natürlich gut ausgebildete Fachleute eine notwendige Ressource sind, um mit neuen Anforderungen wie Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz produktiv umzugehen.
Mit Blick auf die Möglichkeiten, sich im globalen Wettbewerb besser zu positionieren, fordert Infineon-Österreich-Chefin Monika Kircher, „die nächste Generation zu Technologietreibern auszubilden“. Wichtig seien auch eine starke Vision wie die Entwicklung intelligenter Produktionsketten. In puncto Ausbildung legt Russwurm nahe, auf einen besseren Umgang mit Komplexität Wert zu legen, damit die volle Kapazität des europäischen Humankapitals zur Geltung kommt. Junge Leute sollten schon früh dazu angeregt werden, komplexer und interdisziplinärer zu denken, zu forschen und zu arbeiten. ?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)
