Aus heutiger Sicht wird es Österreich kaum aus eigener Kraft schaffen, die Bevölkerungszahl und damit die Wirtschaftskraft stabil zu halten – dafür ist die Geburtenrate viel zu niedrig. Die Folgen formulierte die deutsche Bertelsmann-Stiftung bei einem Arbeitskreis der Alpbacher Technologiegespräche in zwei Thesen: Erstens nehmen die Innovationsressourcen einer alternden Gesellschaft ab. Und zweitens nimmt der Innovationsbedarf einer alternden Gesellschaft zu.
Welche Auswege gibt es daraus? Wolfgang Lutz, Demograf an der ÖAW und der WU Wien, sieht eine Möglichkeit in der besseren Bildung der gesamten Bevölkerung. „Die Bildungsstruktur ist der entscheidende Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung.“ Er hat das am Beispiel Südkoreas studiert: Vor 50 Jahren war es ein bettelarmes Land, die Menschen, vor allem die Frauen, hatten kein gutes Bildungsniveau. Dann wurde eine Bildungsoffensive gestartet, und als diese Menschen in das „produktive“ Alter kamen, hat ein wirtschaftlicher Boom eingesetzt. Höhere Bildung bedeutet höhere Produktivität, bessere Gesundheit und längeres Arbeitsleben – und dieser Zusammenhang könnte auch die negativen Folgen der Alterung kompensieren, so eine Hypothese, die derzeit getestet wird. In Österreich geschehe da zu wenig. Wenn die Zahl der Akademiker und Maturanten nicht stark angehoben werde, dann hat „Österreich keine große Zukunft“, so Lutz.
Die zweite Möglichkeit, um den teuflischen Folgen der Alterung der Gesellschaft zu entkommen, ist die Migration. Der Zuzug von Ausländern kann viele positive Folgen haben – nicht nur in Form von jungen Menschen und deren formalen Qualifikationen, sondern auch durch Sprachkenntnisse, transnationale Netzwerke oder kreative Impulse, wie Ursula Moser (Uni Innsbruck) oder Erol Yildiz (Uni Klagenfurt) beim Alpbacher Universitätenforum eindrucksvoll zeigten.
Wenn man bei der Zuwanderung voll auf Höherqualifizierte fokussiert, dann könne der Anteil der besser gebildeten Menschen in Österreich laut Lutz in den nächsten Jahrzehnten um ein Viertel gesteigert werden. Traditionell sind die Zuwanderer nach Österreich aber schlechter gebildet, der Bildungsrückstand ist nach spätestens drei Generationen aufgeholt, sagte der Wiener Sozialforscher August Gächter (ZSI) bei einer „Wiener Vorlesung“ in Alpbach. Ein rascheres Aufholen ist offenbar schwierig: In der zweiten Generation kommen Jugendliche mit Migrationshintergrund typischerweise viermal häufiger nicht über einen Pflichtschulabschluss hinaus. Allerdings: Bei sorgfältiger Analyse ist nicht der Migrationshintergrund die Ursache, sondern der sozioökonomische Status des Elternhauses. Ob nun der Ausweg in einer besseren Bildung der „Österreicher“ oder in einer besseren Integration von Zuwanderern – wahrscheinlich in einer Kombination – liegt: Lutz' Diagnose muss man wohl zustimmen: „Bildungspolitik ist die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts.“
100.000 Menschen wandern jährlich nach Österreich zu, rund 80.000 Menschen verlassen Österreich in diesem Zeitraum.
Von vier auf zwei sinkt die Unterstützungsrate – also das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Jugendlichen und Pensionisten – in den nächsten 40 Jahren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)
