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Bildung: Die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts

25.08.2012 | 17:01 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Migration und Bildung: Wie man aus der demografischen Falle herauskommt.

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Aus heutiger Sicht wird es Österreich kaum aus eigener Kraft schaffen, die Bevölkerungszahl und damit die Wirtschaftskraft stabil zu halten – dafür ist die Geburtenrate viel zu niedrig. Die Folgen formulierte die deutsche Bertelsmann-Stiftung bei einem Arbeitskreis der Alpbacher Technologiegespräche in zwei Thesen: Erstens nehmen die Innovationsressourcen einer alternden Gesellschaft ab. Und zweitens nimmt der Innovationsbedarf einer alternden Gesellschaft zu.

Welche Auswege gibt es daraus? Wolfgang Lutz, Demograf an der ÖAW und der WU Wien, sieht eine Möglichkeit in der besseren Bildung der gesamten Bevölkerung. „Die Bildungsstruktur ist der entscheidende Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung.“ Er hat das am Beispiel Südkoreas studiert: Vor 50 Jahren war es ein bettelarmes Land, die Menschen, vor allem die Frauen, hatten kein gutes Bildungsniveau. Dann wurde eine Bildungsoffensive gestartet, und als diese Menschen in das „produktive“ Alter kamen, hat ein wirtschaftlicher Boom eingesetzt. Höhere Bildung bedeutet höhere Produktivität, bessere Gesundheit und längeres Arbeitsleben – und dieser Zusammenhang könnte auch die negativen Folgen der Alterung kompensieren, so eine Hypothese, die derzeit getestet wird. In Österreich geschehe da zu wenig. Wenn die Zahl der Akademiker und Maturanten nicht stark angehoben werde, dann hat „Österreich keine große Zukunft“, so Lutz.

Die zweite Möglichkeit, um den teuflischen Folgen der Alterung der Gesellschaft zu entkommen, ist die Migration. Der Zuzug von Ausländern kann viele positive Folgen haben – nicht nur in Form von jungen Menschen und deren formalen Qualifikationen, sondern auch durch Sprachkenntnisse, transnationale Netzwerke oder kreative Impulse, wie Ursula Moser (Uni Innsbruck) oder Erol Yildiz (Uni Klagenfurt) beim Alpbacher Universitätenforum eindrucksvoll zeigten.

Wenn man bei der Zuwanderung voll auf Höherqualifizierte fokussiert, dann könne der Anteil der besser gebildeten Menschen in Österreich laut Lutz in den nächsten Jahrzehnten um ein Viertel gesteigert werden. Traditionell sind die Zuwanderer nach Österreich aber schlechter gebildet, der Bildungsrückstand ist nach spätestens drei Generationen aufgeholt, sagte der Wiener Sozialforscher August Gächter (ZSI) bei einer „Wiener Vorlesung“ in Alpbach. Ein rascheres Aufholen ist offenbar schwierig: In der zweiten Generation kommen Jugendliche mit Migrationshintergrund typischerweise viermal häufiger nicht über einen Pflichtschulabschluss hinaus. Allerdings: Bei sorgfältiger Analyse ist nicht der Migrationshintergrund die Ursache, sondern der sozioökonomische Status des Elternhauses. Ob nun der Ausweg in einer besseren Bildung der „Österreicher“ oder in einer besseren Integration von Zuwanderern – wahrscheinlich in einer Kombination – liegt: Lutz' Diagnose muss man wohl zustimmen: „Bildungspolitik ist die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts.“

Fakten
9,4 Millionen Menschen werden im Jahr 2050 wahrscheinlich in Österreich leben – derzeit sind es 8,4 Millionen. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung hingegen auf 7,3 Millionen sinken.
100.000 Menschen wandern jährlich nach Österreich zu, rund 80.000 Menschen verlassen Österreich in diesem Zeitraum.
Von vier auf zwei sinkt die Unterstützungsrate – also das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Jugendlichen und Pensionisten – in den nächsten 40 Jahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)

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5 Kommentare
Gast: Altkater1
30.08.2012 09:29
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Nebelgranaten??

1) jaja, die Bertelsmann-Stiftung - jeder interessierte weiß, daß da nur was in einer Richtung rauskommen kann.

2) "Bildung: Die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts" - ist das die neue vorgegebene Richtlinie zum Sand in die Augen streuen? Oder um die "alte" Sozialpolitik zu begraben?

3) Bildungspolitik war in der letzten Zeit bei uns nur eine Runternivellierung. Und die im Artikel geforderten "mehr Akademiker und Maturanten" wird jetzt sowieso mit dem Durchwinken der meisten (ideologisch genügenden) Absolventen schon erreicht.
Und was helfen noch mehr Akademiker, wenns nicht die gefragten und gebrauchten Fächer sind? Taxifahrer haben wir schon genug.
Und Maturanten, die gerade den Wissensstand von früheren Hauptschülern haben?
Von genug Hauptschülern, die nicht mal richtig lesen und schreiben können, wird schon gar nicht mehr gesprochen.

4) und unter Sozialpolitik verstehen wohl die meisten, was bei uns (Mitteleuropa) die letzten 120 Jahre (einige + oder - ist nicht mehr tragisch) erreicht/erkämpft wurde und das jetzt anscheinend immer schneller den Bach runter geht (gewollt?)

5) Jeder, der mit offenen Augen durchs Leben geht, hat diese im Artikel "beklagten" Zustände schon seit Jahren bemerkt.

Irgendwer wirft da mit ganz gewaltigen Nebelgranaten!

Gast: Be-obachter
29.08.2012 20:37
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Es gibt keine demografische Falle!

Wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund viermal häufiger über einen Pflichtschulabschluss nicht hinauskommen, dann ist die einzige Falle die Einwanderungspolitik!

Das einzige, was sich herauskristallisiert, ist, dass wir ohne Einwanderer aus gewissen Ländern viel besser dran wären.
Nichts gegen Einwanderer, die sich in unsere Gesellschaft einfügen können und unsere Sprache beherrschen. Aber Einwanderer, die sich bewusst abgrenzen, sind auch fürderhin ein Klotz am Bein.

Gast: stimmt, aber in Ösistan schwer zu erreichen
25.08.2012 20:40
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Erwachsenenbildung muss forciert werden

In Österreich ist sinnvolle Fort- und Weiterbildung für bereits Erwachsene leider sehr unterentwickelt. Hier müsste mehr getan werden, Angebot an Abendschulen ausweiten, Möglichkeit zum Studium für Berufstätige verbessern, Ermöglichung einer Lehre auch für Erwachsene - viele wollen/müssen sich nach Jahren im Berufsleben umorientieren, haben aber leider nur beschränkte Möglichkeiten hierzulande.

Antworten Gast: Altkater1
30.08.2012 09:33
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Re: Erwachsenenbildung muss forciert werden

Na gehns, Sie sind viel zu pessimistisch!

Es gibt ja eh die berühmten AMS-Weiterbildungskurse, wo sie lernen, wie man Briefmarken richtig auf (sowieso nutz- u sinnlose) Bewerbungsschreiben pickt!
Ironie off!

Gast: netzwerker5
25.08.2012 19:17
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Überrraschung?

„Bildungspolitik ist die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts.“ Zitatende. Gottseidank gibt es das Alpbacher Forum- und hoffentlich verstehen die zuständigen Politiker endlich, dass in Ö. dringender Handlungsbedarf ist. Rinmal ohne Parteipolitik im Vordergrund.