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Jungforscher: »Täglich eine kleine Mondlandung«

25.08.2012 | 17:08 |  von Erich Witzmann, Veronika Schmidt und Martin Kugler (Die Presse)

Das Leben junger Wissenschaftler wurde beim Forum Alpbach heftig diskutiert: Alle sind sich einig, dass man von dem, was man tut, begeistert sein muss. Wie das in der aktuellen Situation klappen soll, besprachen Politiker, Förderer und Nobelpreisträger.

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Jungwissenschaftler mitten in der Felswand? „Klettern erfordert Fähigkeiten, aber auch die Gewissheit, dass es so etwas wie einen Gipfel gibt.“ Dieses Bild, das FWF-Präsident Christoph Kratky zeichnet, ist auf die Situation junger Forscher gemünzt. Wissenschaftler müssen zu den Besten ihres Faches zählen, aber gerade für die Jungen ist ein Ziel – gemeint ist eine lohnende und vor allem fixe Position im Wissenschaftsbereich – oft nicht in Sicht. Oder am Zielort stehen bereits arrivierte Personen, die den Zugang verwehren.

Kratky, der im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche den Arbeitskreis über den Einstieg in die wissenschaftliche Karriere leitete, fordert gleichermaßen Zustimmung und Widerspruch heraus. Martin Bruder, 42, Vorstand eines Zukunftskollegs an der Universität Konstanz, stellt auch gleich zur vielleicht provokant gemeinten Aussage des FWF-Präsidenten eine These auf: „Das Klettern ohne Sicherungsseil wird im Namen eines Exzellenzwettbewerbs zum Ideal erhoben.“

Zudem würde der übertriebene Fokus auf den qualifizierbaren Output oft den Weg zurück in das normale Wissenschaftssystem verhindern. Christiane Hintermann, 45, fügt da noch weitere Assoziationen zum Klettersteig an: „Steinig, steil und Seilschaften.“

Ein aufreizender Hinweis. Sie meine wohl Mentoren, so eine Stimme aus dem Publikum. Nein, Mentoren seien etwas anderes, kontert Hintermann. Eine Seilschaft sei nicht nur negativ zu sehen, versucht Helmut Denk, Präsident der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), zu beruhigen. Stimmt vielleicht, sagt der Wiener Med-Uni-Rektor Wolfgang Schütz, „aber Seilschaft ist einfach ein negativ besetztes Wort“. Für die nächste Aufregung sorgt dann Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, der angesichts der offenkundigen Schwierigkeiten die Jungwissenschaftler aufforderte, auch einen „Plan B“ im Hinterkopf zu haben. Wobei Kratky mit seiner Feststellung, dass Österreich mehr junge Wissenschaftler ausbilde, als das „System Österreich“ absorbieren könne, ja zuvor durchaus den Anstoß dafür geliefert hatte.

Martina Höckner, Mitte 30, hatte nach dem Schrödinger Auslandsstipendium Glück, sie fand vor Kurzem eine Laufbahnstelle an der Uni Innsbruck. Aber einen Plan B hätte sie nicht gehabt, da hätte sie wohl ihre Zoologieforschung an den Nagel hängen müssen. Bruder wiederum bekennt, dass er in seinem Konstanzer Kolleg mit den Jungen bewusst nicht über diesen B-Plan spreche, „denn das untergräbt ja ihre Motivation“. Und der Beruf mache, so alle Referenten unisono, Spaß, man werde dafür bezahlt, etwas zu finden, was vorher noch keiner entdeckt hat. Harald Janovjak, 31, Schweizer und seit 2011 am IST Austria in Klosterneuburg tätig, sagte geradezu euphorisch: „Jeder Tag als Wissenschaftler ist eine kleine Mondlandung.“

Wie schaut es nun tatsächlich mit der Jobsituation aus? Der Uni-Bereich in Österreich zählt 34.600 Beschäftigte, davon 5100 Habilitierte (Stand 2010). Der FWF fördert über Finanzierungsprogramme rund 1700 Dissertanten und mehr als 900 Postdocs (mit meist vierjähriger Laufzeit), die zu einem guten Teil an den Unis tätig sind.

Das Problem für all diese Hochqualifizierten skizziert noch einmal FWF-Chef Kratky: „Es geht nicht nur um wissenschaftliche Qualität, es gibt in Österreich eine massive Zufallskomponente.“ Die ÖAW als größter Arbeitgeber in der außeruniversitären Grundlagenforschung hat 1381 Mitarbeiter, angesichts der finanziellen Situation sei aber mit Personalfreisetzungen zu rechnen, sagt Präsident Denk. Ein Lichtblick ist das ÖAW-Impulsprogramm „New Frontiers Groups“, das – mithilfe der Nationalbankstiftung – neue Stellen bietet.

Allerdings handelt es sich dabei auch nur um vielleicht drei Gruppen mit je fünf bis sechs Jungforschern, die für die Dauer von fünf Jahren angestellt werden. Ein Problem bei den ÖAW-Finanzen: „Unter der Hand hat man früheren Präsidenten finanzielle Zusagen gemacht, die aber obsolet wurden“, so Denk. Nicht zuletzt wegen der rasanten Wechsel im Wissenschaftsministerium seit 2005 (vier Minister bzw. Ministerinnen).

Zwei österreichische Eigenheiten bringt noch ÖAW-Vizepräsident Arnold Suppan in die Diskussion ein. In den USA würde man nach zwei, drei Jahren, also relativ schnell, erfahren, ob die betreffende Person Anstellungs-chancen hat. „Bei uns aber fehlt die Ehrlichkeit zu sagen: ,Du verfügst über die Fähigkeit‘ oder ,Such dir etwas anderes.‘“ Entweder gibt es also eine unbefristete sichere Stellung, oder man muss sich über Projektaufträge weiterwursteln. In Großbritannien könnten die Betroffenen z. B. auch eine Anstellung im „unteren Bereich“, also etwa in Juniorcolleges, finden.

Um Jungforschern eine Perspektive an Österreichs Universitäten zu geben, will das Wissenschaftsministerium in den künftigen Leistungsvereinbarungen mit den Universitäten darauf drängen, dass „Qualifizierungsvereinbarungen“ mit Postdocs abgeschlossen werden: Forschern, die sich innerhalb von sechs Jahren auf das Niveau einer Habilitation qualifizieren, soll eine unbefristete Stelle angeboten werden, was dem „Tenure Track“ von US-Universitäten entspricht.

Ratschläge der Älteren.
Traditionellerweise kommen nach Alpbach auch Nobelpreisträger, diesmal gaben sie vor Jungwissenschaftlern ihre Geheimnisse zum Erfolg preis. J. Michael Bishop (Nobelpreis für Medizin 1989) nannte Mentoren und ein kreatives Umfeld als wichtigen Faktor, um sich als junger Forscher zu entfalten. Zudem: „Machen Sie nicht Dinge, die schon vor Ihnen jemand untersucht hat: Finden Sie Ihre Nische, folgen Sie Ihrem Spürsinn, auch wenn dies nicht zu Elite-Unis führt. Wenn Sie lieben, was Sie tun, werden Sie überall erfolgreich sein.“

Dem konnte auch Elizabeth Blackburn (Medizin-Nobelpreis 2009) zustimmen: „Man muss hart arbeiten, aber immer dabei Spaß haben. Das Umfeld muss Neugierde und Ideen zulassen.“ Auf die Frage, ob es früher nicht einfacher war, bahnbrechende Dinge zu entdecken, sagt sie: „Nein, wir wissen noch so wenig von der Welt. Die unbeantworteten Fragen hängen wie Früchte auf den Bäumen – man muss sie nur pflücken.“

Viele Ratschläge werden von den Jungen dankbar angenommen: „Es ist positiv, dass die älteren Herren wohlwollend auf unsere Fragen eingehen“, sagt etwa Tobias Heinrich, Jungforscher am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biografie. Sein Kollege Robert Rößler merkt aber an, dass viele der Antworten für eine Zukunft, die sicher anders aussehen wird, wohl nicht ausreichen: „Wir hören von Etablierten, wie man mit heutigen Konzepten erfolgreich sein kann.“ Was sich alle Jungforscher wünschen: Freiräume und Bestätigung.

Forum Alpbach - Im Denkerdorf
Das Forum Alpbach steht heuer unter dem Generalthema „Erwartungen – Die Zukunft der Jugend“. Die Alpbacher Technologiegespräche, traditionell das Herzstück des Forums, wurden vom Austrian Institute of Technology (AIT) und von ORF-Ö1 in Kooperation mit den Ministerien für Infrastruktur, Wissen- schaft und Wirtschaft organisiert.
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Lexikon
Jugend ist ein relativ junger Begriff, eine „Konstruktion der Moderne“, wie Soziologen meinen. Und es ist kein einheitlicher Begriff: Hinter ihm verbergen sich unzählige verschiedene Lebensumstände von jungen Menschen im Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenleben.
Selbst in Gesetzen ist „jugendlich“ nicht einheitlich definiert: Jugendschutzgesetze gelten für Menschen bis 18 Jahre, das Bundes-Jugendvertretungs- oder -förderungs-Gesetz gilt hingegen bis zum 30. Lebensjahr. Die Jugendstrategie, die nun unter der Ägide des Wirtschaftsministeriums ausgearbeitet werden soll, sieht als Zielgruppe die 14- bis 24-Jährigen.
Im Verhältnis zu Erwachsenen ist die Jugend derzeit nur schwach vertreten: Auf einen Zehn- bis 14-Jährigen kommen aktuell 1,6 40- bis 44-Jährige. „Normal“ ist ein Verhältnis von ein bis 1,2 Erwachsene pro Jugendlichem (in diesen Altersstufen).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)

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1 Kommentare
Gast: yamo
26.08.2012 14:09
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Jungforscher müssen begeistert sein,

damit sie weiter kommen.

Manager dagegen - speziell in der Finanzbranche - brauchen das nicht. Die brauchen Geld. Mehr Geld. Boni. Sonst tun die nichts. Keinen Finger rühren die sonst.

Ich bin dafür, diese "Manager" fristlos zu entlassen und durch Jungforscher zu ersetzen.

Alternativ könnten wir auch über eine bessere Entlohnung in der Wissenschaft reden...