Als die Nasa am 6. August auf einer Karte vorzeigte, wo der Rover „Curiosity“ gelandet war, trauten manche Wiener ihren Augen nicht: Nicht weit weg vom Landeplatz im großen Krater „Gale“ liegt ein kleiner Krater, der heißt „Wien“. Aber Jubel war verfrüht, die Ehre gilt nicht der Stadt, sondern einem Mann namens Wien, dem Physiker Wilhelm, dem u.a. das Wien'sche Verschiebungsgesetz zu danken ist. Kundige wussten natürlich sofort, dass es die Stadt nicht sein konnte: Zwar werden kleine Krater auf dem Mars nach Städten benannt – zuletzt, am 5. Juli, einer nach Moanda in Gabun, dieser Krater liegt auf dem Mars auf 35.93 Süd 32.0 Ost –, aber mehr als 100.000 Einwohner dürfen diese Städte nicht haben: kleine Krater, kleine Städte.
Große Krater hingegen erhalten die Namen von Forschern und Schriftstellern, die sich um den Mars verdient gemacht haben. So ist es auf dem Mars, auf der Venus ist es ganz anders – bis auf drei Regionen tragen alle die Namen von Frauen –, und auf dem Jupiter ist es wieder anders, alles dort hat irgendwie mit Feuer zu tun. Die Planeten selbst wurden nach Figuren aus der römischen Mythologie getauft, nur einmal wäre fast ein Irdischer zum Namensgeber geworden: Der Astronom William Herschel entdeckte 1781 einen Planeten und wollte ihn dem britischen König Georg III. widmen, französischen Astronomen ging das zu weit – sie plädierten für „Herschel“ –, am Ende kam dann „Uranus“.
Mond: Nach Gemütszuständen benannt
So hat alles am Himmel seine Ordnung, darüber wacht seit 1919 die International Astronomical Union (IAU). Aber bisweilen gibt es Streit: Die Ebenen auf dem Mond („Maria“) tragen Namen entweder von Gemütszuständen („Tranquilitas“, „Serenitatis“) oder Bezeichnungen für Wasser. Aber als 1959 die sowjetische Raumsonde Lunar 3 die ersten Bilder von der Rückseite des Nachbarn schickte, schlug der Nationalstolz durch: Eine der dortigen Maria nannten die Russen „Moscovience“. Das war eine offene Revolution, aber der französische Astronom Audouin Dollfus rettete die Frieden, mit einer List: Er überzeugte die IAU davon, dass Moskau ein „Gemütszustand“ ist.
So leicht wird es bei dem aktuellen Streit nicht gehen. Der tobt nicht über Namen, sondern über die Ortsangaben. Denn auch darüber, über die Längen- und Breitengradevon Himmelskörpern, wacht die IAU. und diese Koordinaten hat sie für Vesta – einen Asteroiden – 1997 festgelegt, nach Bildern des Weltraumteleskops Hubble. Aber 2011 war die Nasa-Sonde „Dawn“ näher bei Vesta: Die IAU hatte sich bei der Drehachse um zehn Grad vertan, auch der von der IAU für den Nullmeridian gewählte Punkt gefiel den Nasa-Forschern nicht, sie suchten sich einen anderen aus. Seitdem kocht das Blut zwischen Nasa und IAU, und diesmal machte ein Schlichtungsversuch die Sache noch ärger: Michael A'Hearn (Nasa und IAU), hat einen Kompromiss in der Mitte vorgeschlagen. Aber die beiden Seiten weichen nicht, nun hat Vesta drei Systeme (Nature, 442, S.488). Erstaunlich milde geht es hingegen beim Landeplatz von „Curiosity“ zu. Dort ragt ein Berg in den Himmel, die Nasa schlug der IAU den Namen eines verstorbenen Astronomen vor, Robert Sharp, sie nannte den Berg in ihren Publikationen auch so. Aber nicht mit der IAU! Berge auf dem Mars dürfen nicht nach Personen benannt werden, sie müssen einen lateinischen Namen tragen, der mit ihrer Umgebung zu tun hat. Also kam IAU offiziell: Aeolis Mons. Die Nasa wurde mit einem nicht allzu weit entfernten Krater „Sharp“ getröstet, sie revanchierte sich: Künftig schreibt sie zu ihrem Berg – den sie nach wie vor „Sharp“ nennt – dazu, wie der im offiziellen Register heißt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)
