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Anthropologie: Warum wir so lange im Nest hocken

27.08.2012 | 21:00 |  Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Dass Menschen früh und hilflos geboren werden, schrieb man bisher dem aufrechten Gang bzw. dem dazu nötigen Becken zu. Der Grund ist vielmehr: Im neunten Monat ist die Energiegrenze der Mütter erreicht.

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So schwer wie beim Menschen ist die Geburt bei keinem anderen Säugetier, da dreht und windet sich das Baby durch den Geburtskanal, und die Mutter hat Arbeit und Schmerzen – „labour“ heißt auf Englisch, was auf Deutsch „Wehen“ heißt –, deshalb hat fast jede Kultur für Beistand gesorgt, Geburtshelferinnen, Ärzte. Trotzdem sind viele Frauen beim Gebären zu Tode gekommen. Für streng Schriftgläubige mag das kein Wunder sein, sondern der Fluch der Ursünde – „Unter Schmerzen sollst du gebären!“
(1. Mose 3, 16) –, für Biologen und Anthropologen ist es eine härtere Nuss, vor allem auch das, was danach kommt: Dann hockt ein völlig hilfloses Wesen jahrelang im Nest („altriciality“), es muss versorgt werden und hat mit seinen Bedürfnissen früh das Sozialleben geprägt. Vermutlich förderte die Not der Kleinen die Paarbildung der Großen und die Etablierung von Familienverbänden, in denen immer jemand da ist, der helfen kann, etwa die Großmutter, die noch lebt, obwohl sie selbst nicht mehr reproduktionsfähig ist, das gibt es bei Säugetieren sonst kaum.

Hilflose Mäuschen, fertige Kälber

Und unsere gesamte frühe Phase gibt es sonst bei Säugetieren überhaupt nicht. Sie sind entweder „altricial“ oder „presocial“, Ersteres ist etwa bei Nagetieren so: Deren Mütter werfen nach kurzer Trächtigkeit eine große Zahl an Jungen, die auf sich gestellt lebensunfähig sind, die Augen sind noch geschlossen, die Haare kaum da, und wie man sich etwa als Mäusejunges verhält, wissen die Kleinen schon gar nicht. Ganz anders ist es etwa bei Rindern oder Pferden, sie sind „presocial“: Nach langer Tragezeit flutscht ein Junges heraus, es ist fertig, muss nur noch trocken geleckt werden, und schon trottet es der Mutter hinterher. Der Mensch ist ein Mittelding, meist kommt nur eine/r, aber dann braucht es Hege und Pflege, es ist „secondary altricial“.

Wozu diese frühe Geburt bzw. die resultierende lange Nesthockerei? Es gab viele Hypothesen, durchgesetzt hat sich die vom „Geburtshilfedilemma“ („obstetric dilemma“, OD). Demnach kommt beim Gebären der Menschen alles vom aufrechten Gang bzw. daher, dass die Evolution bei uns auf zwei konfligierende Charakteristika optimieren und einen Kompromiss finden musste: Unser Gehirn ist groß, für unsere Intelligenz, aber unser Becken ist eng, für den aufrechten Gang. Zwar sieht die Taille bei Frauen anders aus als bei Männern. Aber bei beiden sind die Beckenknochen eng miteinander verwachsen, das braucht es zum Stehen und Gehen. Schimpansen tun beides selten, ihre Beckenknochen sind nur lose verbunden, Nachwuchs kommt leicht durch.

Deshalb gebären Menschenfrauen früher als Schimpansenweibchen, so die Hypothese vom „obstetric dilemma“. Sie gilt seit vielen Jahren, sie klingt auch völlig plausibel, nur überprüft hat sie nie jemand. Erst Holly Dunsworth (University of Rhodes Island) ist auf die Idee gekommen und hat zunächst einmal die Tragezeiten verglichen: Bei Schimpansen sind es 32 Wochen, bei Gorillas 37, bei Menschen 38 bis 40, also mehr als bei den anderen, nicht weniger. Und zwar 37 Tage mehr, als im Vergleich aller Primaten – bzw. ihrer Körpergrößen – zu erwarten wäre. Die Evolution hat die Tragezeit bei uns also nicht verkürzt, wie die alte Hypothese meint, ganz im Gegenteil, sie hat sie verlängert: „Wir sind keine Frühgeburten“, erklärt Dunsworth, „obwohl wir uns so benehmen“ (Pnas, 27. 8.).

Trotzdem haben wir bei der Geburt erst 30 Prozent unseres erwachsenen Gehirns – das hat dann um die 1200 Kubikzentimeter Volumen, es schwankt von Individuum zu Individuum stark –, bei Schimpansen sind es 40 Prozent (von später 450 cm3). Kämen auch wir mit 40 Prozent, hätte unser Schädel bei der Geburt nicht neun Zentimeter Durchmesser, sondern zwölf bis 13. Und die gingen bei vielen Frauen durch den Geburtskanal, bei vielen ist das Becken breit genug, und das beeinträchtigt den aufrechten Gang dieser Frauen nicht im Geringsten. Dunsworth hat es im zweiten Schritt getestet, sie hat Frauen mit unterschiedlichen Hüften auf einem Laufband beobachtet: Die Breite der Hüften hat keinen Einfluss auf den Gang. „Die biomechanische Evidenz unterstützt die OD-Hypothese nicht, die Morphologie des weiblichen Beckens beeinflusst den aufrechten Gang nicht“, erläutert Dunsworth und schließt: „Das weibliche Becken hat sich an die Größe des Gehirns des Fötus angepasst, nicht anders herum.“

Der Stoffwechsel ist nicht ewig steigerbar

Aber warum ist dann das Gehirn bei der Geburt gerade so groß, wie es dann eben ist? Weil ein noch größeres Gehirn mitsamt einem noch größeren restlichen Körper von der Schwangeren schlichtweg nicht mehr versorgt werden könnte, so die neue Hypothese („energetics of gestation and growth“, EGG), mit der Dunsworth den Zeitpunkt unserer Geburt erklärt. Irgendwann kann die werdende Mutter einfach nicht mehr genug Energie für die Versorgung von zwei Körpern umsetzen: Unsere Stoffwechselrate kann sich vom normalen Grundumsatz bei Bedarf um den Faktor zwei bis 2,5 erhöhen – bei Tour-de-France-Radlern um 4,5, aber das geht oft nicht mit natürlichen Dingen zu –, und diese Grenze ist im neunten Monat erreicht, dann muss das Kind heraus. „Babys werden dann geboren, wann sie geboren werden, weil die Mutter nicht noch mehr Energie in das Wachstum und die Versorgung der Föten stecken kann“, erklärt Dunsworth: „Es liegt an der Energie der Mutter – sie kann einfach nicht noch mehr Kalorien verbrennen –, nicht an ihren Hüften.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)

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4 Kommentare
Gast: speibender regenbogen
30.08.2012 23:45
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daß es am erhöhten energieverbrauch der mutter liegt, stimmt sicher nicht.

man sehe sich nur stark übergewichtige frauen an, die dann obendrein noch ein kind bekommen. energie hätte der mensch genug. auch sind es sicherlich nicht doppelt soviele kalorien, die eine werdende mutter umsetzen muß, sonst müßte sie ja auch das doppelte essen, tut aber keine.

es wird viel eher doch am aufrechten gang liegen, der läßt ein noch größeres ungleichgewicht an der wirbelsäule durch einen noch größeren bauch einfach nicht zu. bei fettleibigkeit lagert sich das fett rundherum ab, bei einer schwangerschaft entwickelt sich das zusätzliche gewicht nur vorne, was einerseits die eingeweide zusammenpreßt, und andererseits eben auch die wirbelsäule extrem belastet. ein noch größeres geburtsgewicht würde eine nochmals größere fruchtblase erfordern, das würde das rückgrat irgendwann zum brechen bringen. primaten haben ja eine haltung, die es ihnen ermöglicht, den babybauch die meiste zeit fast senkrecht zum boden hängen zu lassen, wie es bei huftieren auch der fall ist. und nachdem die allermeisten huftiere reine pflanzenfresser sind, hättem die ein noch viel größeres problem, die erforderliche kalorienzahl umzusetzen, tragen aber dennoch länger.
bei nagetieren wird es wohl am ehesten die kurze lebenszeit und die extrem unsichere nahrungssicherheit sein, ein früh geborener nachwuchs, der verloren geht, macht weniger schaden als ein ausgereifter, in den viel energie gesteckt wurde.

ich halte diesen schluß dieser studie also für ganz falsch und an den haaren herbeigezogen.

Antworten Gast: Kaspar Hauser
08.09.2012 11:50
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Re: daß es am erhöhten energieverbrauch der mutter liegt, stimmt sicher nicht.

Hehe, da spricht der Fachmann...

Lesen Sie den Artikel mal genau: es geht darum, die Kalorien zu VERBRENNEN. Fett wird man, wenn man mehr frißt, als man verbrennen kann - das ist also kein Widerspruch.

Gast: Wasserlaeufer
28.08.2012 11:30
5 0

Erinnert stark an die Mutter Europa

und das Baby Griechenland.

Gast: freier Mitarbeiter
28.08.2012 09:07
0 4

naja

Sommerloch ?