Anthropologie: Kennen Schimpansen keine Gerechtigkeit?

28.08.2012 | 16:24 |  von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Unsere Cousins werden gesellschaftsintern nicht abgestraft, wenn sie gegen die Prinzipien der Kooperation verstoßen. Das zeigte sich in einem Experiment. Aber dessen Design ist umstritten.

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Gesellschaften, ob von Bienen oder von Primaten, basieren auf Kooperation, und der Meister darin ist der Mensch. Kooperation lebt vom guten Willen, bisweilen muss sie aber auch erzwungen werden: In jeder Gesellschaft gibt es Trittbrettfahrer, die nur nehmen und nichts geben (wollen), sie müssen zur Ordnung gerufen werden, mit Strafen. Deren Vollzug wird nicht nur delegiert – an Polizei und Justiz –, die Gesellschaftsmitglieder nehmen ihn auch selbst in die Hand: Dann wehrt sich nicht nur der Trafikant gegen einen Räuber (Zweitparteienstrafe), auch Kunden helfen, obwohl es sie direkt nichts angeht und riskant sein kann: Ist dieses Verhalten – „Drittparteienstrafe“ – genuin menschlich, oder hat die Evolution vorgearbeitet, bei unseren Cousins etwa?

„Keine Drittparteienstrafe bei Schimpansen“, steht bündig über der jüngsten Forschung, und beim bloßen Anblick dieses Titels dämmert dem Leser, wo der Befund herkommt: aus dem Labor von Michael Tomasello, Leipzig. Der sieht eine grundsätzliche Differenz zwischen Schimpansen und uns, er bestätigt die Grenze von Experiment zu Experiment. Das jetzige ging so: Drei Schimpansen sitzen in einem Raum, jeder in einem Käfig, von dem aus er die anderen sehen kann und auch das Objekt der Begierde: An der Spitze eines Aufbaus liegt eine Box voll Lieblingsfutter, Trauben. Die kann Schimpanse A („Opfer“) auf komplizierten Wegen so öffnen, dass die Trauben eine Etage tiefer fallen und in seine Reichweite kommen.

Diebstahl bleibt ungeahndet

Aber dann kann B („Dieb“) dazwischenfunken, er kann die ganze Etage mit den Trauben darauf zu sich hinüberziehen, er tut das bisweilen auch. Nun liegt alles an C („Akteur“): Er kann B bestrafen, indem er eine Klappe öffnet, in der die Trauben verschwinden. C hätte nichts Materielles davon, aber er könnte die Ordnung wieder herstellen. Er tut es nicht (Pnas, 23. 8.). „Anders als Menschen betreiben Schimpansen keine Drittparteienstrafe“, schließen die Forscher.

„Wenn man etwas nicht findet, heißt es nicht, dass etwas nicht da ist“, entgegnet prompt Frans de Waal (Emory), er ist der große Gegenspieler Tomasellos, für ihn sind die Übergänge zwischen Schimpansen und Menschen fließend. (Der frühere Dritte im Streit, Marc Hauser, ist nicht mehr im Spiel, er verlor seine Arbeit in Harvard, weil er in Datenfälschungsverdacht geriet.) Wo immer Tomasello nichts findet, findet de Waal etwas, es liegt viel am Design der Experimente. Das jetzige von Tomasello ist für de Waal reichlich kompliziert, er möchte erst einmal Menschen in dieser Anordnung getestet sehen. Und man darf sicher sein, dass er bald mit dem Gegenbefund aufwartet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)

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16 Kommentare

Positivkontrolle

Also bei diesem Experiment fehlt eindeutig die Positivkontrolle. Wenn man das mit Menschen wiederholt hätte, ich wette das Resultat wäre exakt dasselbe gewesen.


kennt mensch gerechtigkeit

nein, denn mensch ist ein heuchler..
mehr schein als sein !!!

Gast: Monkey Bar
30.08.2012 00:12
0 0

Eine Bitte.....

....bringt diesen Affen wieder nach Hause, er hat Heimweh!
http://www.youtube.com/watch?v=xDowTz8-Vno

Gast: Marsmensch der 2
29.08.2012 23:34
0 0

---

Ihre Gefühle für Eigentum sind noch sehr unterentwickelt. Es bezieht sich nur auf die Anzahl der Frauen die der Affenmann beglücken muss, und nur auf das Futter das er mit zwei Pfoten oder Händen tragen kann. Nur zwischen unterschiedlichen Sippen in der freien Natur wird um Futterplätze gekämpft.
Ist doch aber eh alles bekannt.
Ein Affe kann in seinem Wald überleben, ein Mensch ohne Hilfsmittel kaum.
Zum Glück für die „forschenden“ Menschen werden die immer schon Jahrzehnte gleichen Fragen an andere Affen gerichtet, ansonsten hätten sich diese schon vor lauter Langeweile abgewandt.

Gast: UKW
29.08.2012 23:14
0 0

Ich glaube, wenn die SPÖ diesen Herrn am Foto bei der nächsten Nationalratswahl als Spitzenkandidat nominieren würde, müsste sich die Beschaffungsagentur des Bundeskanzleramtes um einen 5-Jahresliefervertrag für Bananen bemühen.

Es gibt einfach zu viele SPÖ-Parteimitglieder, Profiteure des Systems und Leute, die automatisch bei der SPÖ das Kreuzerl machen. Komme was da wolle. Sie haben den Sozialismus bereits in der Muttermilch aufgesogen, und werden sogar noch im Totenbett die "Internationale" daherkrächzen.


Gast: lav
29.08.2012 22:12
0 0

hallo, ich bin wieder da

und freue mich, wieder ein Affengeschichterl über meinen nächsten Verwandten hier zu lesen.

Na ja, ich gebe zu, die Abspaltung von unserem GV hat mir als besonders Begünstigten im Verhältnis zum Affen eine Turbo-Intelligenz gegeben. Ich kann ja Bananen nicht nur essen, sondern auch neue Bananensorten züchten und meine Bananenplantagen von einer Einzelfirma in eine AG oder Ltd. umwandeln und dabei noch steuerliche Vorteile herausholen. Das war sicher nicht mein Verdienst, sondern die der perfekten Mutation. Ich verdanke meine Intelligenz also dem Zufall.

Meine Befürchtung ist nur, dass durch so viele Affengeschichterln in der Presse die Evolution meiner Intelligenz nicht mehr so rasch fortschreitet und ich wieder langsam verdumme.


Re: hallo, ich bin wieder da

das kann schon passieren, ja,
Presse-Lesen ist riskant,
halten Sie es halt ein bisschen auf

Antworten Antworten Gast: UKW
29.08.2012 23:23
0 1

Re: Re: hallo, ich bin wieder da

Bitte auf die Groß- und Kleinschreibung achten und am Schluss den Punkt nicht vergessen. Der ist wichtig. Noch besser wäre es gewesen, den Satz in drei Sätze aufzuteilen. Ist einfach schöner. Der Nachteil dabei: Dann bräuchten Sie allerdings drei Punkte. Das "ja" würde ich im Übrigen ganz weglassen. Weil wenn Sie sagen, dass das schon passieren kann, dann brauchen Sie die eigene Aussage nicht noch einmal mit "ja" zu bestätigen. "das kann schon passieren, nein" würde gar keinen Sinn ergeben.

Gast: *** Mark Poller ***
29.08.2012 14:28
0 0

Zwei Möglichkeiten:

Entweder haben sogar unsere nächsten Verwandten im Tierreich absolut keine Ethik, kein bisschen Verstand und kein Jota Erkenntnis.

Oder sind die Affen bereits so weit linksliberal fortgeschritten, wie es unsere Alt-68er immer gerne gehabt hätten: Gefängnislose Gesellschaft, Weg mit Moral und Anstand, sämtliche Normen abschaffen.

Man sieht jedenfalls, auf welchem Weg wir uns befinden.

Gast: *** Mark Poller ***
29.08.2012 14:28
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Zwei Möglichkeiten:

Entweder haben sogar unsere nächsten Verwandten im Tierreich absolut keine Ethik, kein bisschen Verstand und kein Jota Erkenntnis.

Oder sind die Affen bereits so weit linksliberal fortgeschritten, wie es unsere Alt-68er immer gerne gehabt hätten: Gefängnislose Gesellschaft, Weg mit Moral und Anstand, sämtliche Normen abschaffen.

Man sieht jedenfalls, auf welchem Weg wir uns befinden.

Gast: Bruder Kain
29.08.2012 13:17
0 2

Jo, derfns denn des?

Wieder einmal verhält sich die Natur nicht so, wie wir es uns in unseren gutmenschlichen Träumen so ausmalen - Sauerei! Es gilt das Recht des Stärkeren und kooperiert wird nur, wenn es einen Vorteil gibt. "Gerechtigkeit" ist ein unerfüllbarer Luxus, wenn es ums Überleben geht.

Antworten Gast: yamo
29.08.2012 18:33
0 0

Re: Jo, derfns denn des?

Es geht immer um's Überleben und Kooperation und Gerechtigkeit sind kein Luxus sondern überlebensnotwendig.

Es koopieriert allerdings nicht jeder mit jedem, und jene die kooperieren tun dies nicht unbedingt symbiotisch.

Gast: yamo
29.08.2012 13:15
0 0

Im Zeitalter der egoistischen Profitmaximierung

gibt's da die Kooperation überhaupt noch?

Gast: ASVG-Sklave
29.08.2012 00:00
0 0

Das Bild ist gut; im Gegensatz zum Artikel!


Gast: Marsmensch
28.08.2012 21:25
0 0

---

Na sowas, da haben die Affen ein anderes Gesellschaftssystem als wir „zivilisierten“ Menschen.

Gast: b745
28.08.2012 20:01
1 0

die sind also rechte


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