Anthropologie: Kennen Schimpansen keine Gerechtigkeit?

Unsere Cousins werden gesellschaftsintern nicht abgestraft, wenn sie gegen die Prinzipien der Kooperation verstoßen. Das zeigte sich in einem Experiment. Aber dessen Design ist umstritten.

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(c) AP (Martin Meissner)

Gesellschaften, ob von Bienen oder von Primaten, basieren auf Kooperation, und der Meister darin ist der Mensch. Kooperation lebt vom guten Willen, bisweilen muss sie aber auch erzwungen werden: In jeder Gesellschaft gibt es Trittbrettfahrer, die nur nehmen und nichts geben (wollen), sie müssen zur Ordnung gerufen werden, mit Strafen. Deren Vollzug wird nicht nur delegiert – an Polizei und Justiz –, die Gesellschaftsmitglieder nehmen ihn auch selbst in die Hand: Dann wehrt sich nicht nur der Trafikant gegen einen Räuber (Zweitparteienstrafe), auch Kunden helfen, obwohl es sie direkt nichts angeht und riskant sein kann: Ist dieses Verhalten – „Drittparteienstrafe“ – genuin menschlich, oder hat die Evolution vorgearbeitet, bei unseren Cousins etwa?

„Keine Drittparteienstrafe bei Schimpansen“, steht bündig über der jüngsten Forschung, und beim bloßen Anblick dieses Titels dämmert dem Leser, wo der Befund herkommt: aus dem Labor von Michael Tomasello, Leipzig. Der sieht eine grundsätzliche Differenz zwischen Schimpansen und uns, er bestätigt die Grenze von Experiment zu Experiment. Das jetzige ging so: Drei Schimpansen sitzen in einem Raum, jeder in einem Käfig, von dem aus er die anderen sehen kann und auch das Objekt der Begierde: An der Spitze eines Aufbaus liegt eine Box voll Lieblingsfutter, Trauben. Die kann Schimpanse A („Opfer“) auf komplizierten Wegen so öffnen, dass die Trauben eine Etage tiefer fallen und in seine Reichweite kommen.

Diebstahl bleibt ungeahndet

Aber dann kann B („Dieb“) dazwischenfunken, er kann die ganze Etage mit den Trauben darauf zu sich hinüberziehen, er tut das bisweilen auch. Nun liegt alles an C („Akteur“): Er kann B bestrafen, indem er eine Klappe öffnet, in der die Trauben verschwinden. C hätte nichts Materielles davon, aber er könnte die Ordnung wieder herstellen. Er tut es nicht (Pnas, 23. 8.). „Anders als Menschen betreiben Schimpansen keine Drittparteienstrafe“, schließen die Forscher.

„Wenn man etwas nicht findet, heißt es nicht, dass etwas nicht da ist“, entgegnet prompt Frans de Waal (Emory), er ist der große Gegenspieler Tomasellos, für ihn sind die Übergänge zwischen Schimpansen und Menschen fließend. (Der frühere Dritte im Streit, Marc Hauser, ist nicht mehr im Spiel, er verlor seine Arbeit in Harvard, weil er in Datenfälschungsverdacht geriet.) Wo immer Tomasello nichts findet, findet de Waal etwas, es liegt viel am Design der Experimente. Das jetzige von Tomasello ist für de Waal reichlich kompliziert, er möchte erst einmal Menschen in dieser Anordnung getestet sehen. Und man darf sicher sein, dass er bald mit dem Gegenbefund aufwartet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)

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