„Come writers and critics who prophesize with your pen / And keep your eyes wide, the chance won't come again!“ So appellierte Bob Dylan in „The Times Are A-Changin‘“ zum Aufsperren der Augen für das ganz Neue. Aber vielleicht ändern sich die Zeiten nicht nur bei großen Umbrüchen, sondern auch im Alltäglichen, und zwar nicht durch die beobachteten Ereignisse, sondern dadurch, dass die Schreiber ihre Stifte zur Hand nehmen und die Niederschrift der ersten Buchstaben planen.
In diese Richtung deuten zumindest Berichte von Tennisspielern darüber, dass sie kurz vor dem Schlag den Ball deutlicher sehen, weil der sich dann langsamer bewegt. Sitzen diese Spieler einer Illusion auf, oder richtet sich die Zeit – die wahrgenommene natürlich – nach unseren Bedürfnissen? Können wir sie zerdehnen, durch erhöhte Aufmerksamkeit oder durch die Planung einer Bewegung, die auf ein Geschehen in der Umwelt reagiert? Dass während der Ausführung einer solchen Bewegung alles langsamer läuft, weiß man schon länger. Aber bei der bloßen Planung?
Kommender Fingerzeig . . .
Zur Klärung hat Nobuhiro Hagura (University College London) Testpersonen ins Labor gebeten und ihnen auf einem PC-Schirm wechselnde Zeichen gezeigt, einen schwarzen Kreis etwa, gefolgt von einem weißen, dann kam wieder ein schwarzer. Das sollten die Probanden entweder nur bemerken, oder sie sollten den zweiten schwarzen Kreis nach seinem Erscheinen mit einem Finger auf dem Schirm berühren. In beiden Fällen sollten sie zudem beurteilen, ob die weiße Scheibe kürzer oder länger sichtbar war (im Vergleich mit Vorversuchen zum Einüben in den Test). „Länger“ urteilten die, die mit der Händen Schirm berühren mussten, für sie verging die Zeit langsamer.
Und zwar nicht der erhöhten Aufmerksamkeit wegen – aufmerksam waren auch die, die die Hand nicht bewegen mussten –, sondern der Vorbereitung einer Aktion wegen, eben der Handbewegung. Wenn das wirklich so ist, dann müsste die Dehnung der Zeit um so kräftiger ausfallen, je klarer die geplante Bewegung für das Gehirn schon ist. Deshalb musste in der nächsten Runde nicht auf den schwarzen Kreis gedrückt werden, sondern entweder auf vorgegebenen Punkt oder auf einen, der irgendwo auf dem Schirm erschien: Diesmal dehnte sich die Zeit stärker für die Testpersonen, die den Punkt vorgegeben hatten, ihr Gehirn konnte schon planen, wohin die Bewegung gehen sollte.
Aber alles Bisherige stützt sich auf das subjektive Urteil der Testperson über das Verrinnen der Zeit, dieses Urteil kann täuschen. Deshalb kamen im nächsten Test keine weißen bzw. schwarzen Kreise, sondern mehr oder weniger rasch wechselnde Buchstaben. Die wurden von Probanden, die sich auf eine Bewegung vorbereiteten, schon in hohen Wechselfrequenzen erkannt, in denen die anderen Probanden nur Flackern sahen.
. . . steuert den Blick
„Die Vorbereitung auf eine Bewegung dehnt nicht nur die wahrgenommene Dauer, sondern arbeitet direkt auf der Ebene der visuellen Wahrnehmung und verlangsamt den Fluss der visuellen Erfahrung“, schließt Hagura (Proc. Roy. Soc. B, 4. 9.). Er vermutet, dass hinter dem Ganzen der Neurotransmitter Dopamin steht: Sein Mangel führt bei Morbus Parkinson zu Problemen beim Initiieren einer Aktion – und zu einer komprimierten Wahrnehmung der Zeit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)
