Bei der Autopsie regierte nicht eben Feingefühl: Man zerschnitt die Mumie, riss Goldschmuck und Maske ab, beschädigte den Schädel und brach den Penis ab. So ging es zu, als Howard Carter und Douglas Derry sich 1925 über Tutanchamun hermachten: Sie fanden einen 1,65 Meter großen jungen Mann, etwa 18 Jahre alt, eine Todesursache fanden sie nicht. Seitdem wird spekuliert, die Hypothesen reichen vom Unfall bis zum Mord und von der Lepra bis zur Sichelzellenanämie, zuletzt steuert eine Genanalyse noch Malaria bei.
Unumstritten ist nichts davon, und dem jüngsten Vorstoß wird es nicht anders ergehen. Alle bisherigen Ferndiagnosen hätten einen zentralen Punkt übersehen, konstatiert Hutan Ashrafin (Imperial College London): Nicht nur Tut starb jung, sondern auch sein Bruder oder Onkel Semenchkare und sein Vater Echnaton und dessen Ahnen Amenhotep III. und Thutmose IV. Und sie alle hatten stark feminisierte Körper, zumindest auf ihren Darstellungen. Und: Thutmose IV. hatte eine Vision, als er neben der Sphinx zu Mittag in die Sonne schaute, sein Vater erschien ihm als Gott. Echnaton hatte auch eine Vision, als er eines Mittags in die Sonne blickte: Die Sonne selbst war der Gott, der eine und einzige, der Monotheismus war auf der Welt (und verschwand bald wieder).
Monotheismus durch Anfall?
All das könnte zu der Krankheit passen, die die Griechen die „heilige“ nannten und die heute noch bisweilen „Morbus sacer“ heißt: Epilepsie in ihrer häufigsten Form, Temporallappenepilepsie. Ihre Anfälle werden oft von hellem Licht ausgelöst – deshalb musste bei den Römern zum Test in helles Licht blicken, wer Legionär werden wollte –, und die Schäden, die sie im Gehirn auslöst, führen zur Verweiblichung der Körperform. Zudem kommt der Tod oft früh, das tat er auch bei Tuts Ahnen, aber das war bei den Ägyptern nicht die Norm, Ramses II. wurde etwas später 85. „Die Herrscher der 18. Dynastie könnten an Temporallappenepilepsie gelitten haben, die ihnen ihre religiösen Visionen brachte und den frühen Tod“, schließt Ahsrafian (Epilepsy and Behavior, 25, S. 23). „Das ist eine faszinierende Erklärung“, kommentiert Howard Markel, Medizinhistoriker der University of Michigan im New Scientist (5. 9.): „Aber wissen wir nun, ob ein epileptischer Anfall den Monotheismus brachte? Wir wissen es nicht. Es ist eine interessante Hypothese, und das ist es dann schon auch.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)
