Wenn einer einen Artgenossen tot am Boden liegen sieht, stößt er einen Schrei aus, das ist nicht nur bei uns so und hat nicht nur mit dem Schrecken zu tun. Manche Tiere locken so Artgenossen herbei, die stimmen in die Klage ein, man kennt es etwa von Elefanten: Die Herde versammelt sich, versucht Sterbende/Tote aufzurichten, dann folgt oft so etwas wie eine rituelle Bestattung. Andere Tiere können sich hingegen gar nicht trennen, man hat Schimpansenmütter beobachtet, die tote Junge tagelang auf dem Rücken tragen. Ist es Trauer wie bei uns, ist es eine Anthropomorphisierung? Es ist umstritten.
Fest steht hingegen, wenn auch nur als „anecdotal evidence“, dass Konrad Lorenz einmal von seinen zahmen Dohlen attackiert wurde. Er trug schwarze Schwimmflossen in den Händen und interpretierte die Attacken als Folge einer vermeintlichen Bedrohung: Die Dohlen hätten vermutlich die Schwimmflossen für tote Artgenossen gehalten und ihn, Lorenz, für den Täter bzw. eine tödliche Gefahr. Ähnliche Berichte gibt es auch über regelrechte „zeremonielle Versammlungen“ von Elstern um tote Elstern herum, und von Raben weiß man, dass sie Alarmrufe ausstoßen, wenn sie irgendwo einen toten Raben entdecken.
Aber experimentell überprüft hat man bisher nichts. Nun hat Teresa Iglesias (UC Davis) einen Anlauf unternommen und in Gärten Futterplätze für Buschhäher (Aphelocoma californica) eingerichtet. Dort gab es einen Meter über dem Boden zu festen Zeiten etwas, die Tiere konnten sich daran gewöhnen. Aber dann lag plötzlich auch etwas am Boden, ein blau bemaltes Stück Holz oder das Federkleid eines toten Buschhähers. Das Holz wurde ignoriert, der tote Artgenosse hingegen löste eine „kakophone Reaktion“ aus, die zu einer „kakophonen Aggregation“ führte: Der Häher, der die Entdeckung machte, stieß schrille Rufe aus – wie sonst bei der Kommunikation über weite Distanzen –, er lockte damit andere Häher an, sie stimmten ein, ein paar Sekunden oder auch eine halbe Stunde. Der erste rief die anderen wirklich herbei: Wenn keiner kam, flatterte er höher ins Geäst, sein Ruf reichte dann weiter (ansehen und -hören kann man sich das auf www.ucdavis.edu).
Es sah gerade so aus wie auf einem Begräbnis. Und dieses Wort – „funeral“ – verwendet Iglesias auch, ein Mal, im Titel ihrer Publikation. Im Text ist sie vorsichtiger: Buschhäher sind keine geselligen Vögel, sie leben nicht in sozialen Verbänden, sondern in Paaren, die gegenüber anderen hoch aggressiv sind. Das zeigte sich auch im nächsten Experiment, in dem der tote Buschhäher auf dem Boden nicht lag, sondern stand: Er wurde offenbar als Eindringling wahrgenommen und attackiert. Eine aufrecht stehende ausgestopfte Eule hingegen löste wieder Kakophonie aus (Animal Behavior, 11. 9.).
Gemeinsam gegen die Gefahr?
Wie passt das alles zusammen? Die Rufe sind offenbar Alarmrufe: Wo ein toter Artgenosse liegt, droht Gefahr – irgendwo ist der Räuber –, und wo eine lebende Eule steht, droht schon gar Gefahr. (Mit dem aufgetauchten Konkurrenten der eigenen Art kann man es aufnehmen.) Also geht es gar nicht um Trauer, sondern um Alarm? Das kann auch nicht alles sein: Bei Alarm flüchtet, wer bei Sinnen ist, er versammelt sich nicht am Ort der Gefahr und vergrößert sie noch durch Lärm. Oder tun sich die Unsozialen dann doch zusammen, um die Gefahrenquelle aufzuspüren und zu vertreiben? „Es gibt noch viel über das soziale und emotionale Leben von Vögeln zu lernen“, schließt Iglesias.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2012)
