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Dringend gesucht: Guter Ersatz für Tierversuche

15.09.2012 | 18:06 |  von Sonja Burger (Die Presse)

Wissenschaftler aus ganz Europa forschen gemeinsam an Alternativen zu Tierversuchen. Neue Testmethoden mit Zellkulturen reduzieren nicht nur das Tierleid, sondern liefern auch aussagekräftigere Ergebnisse.

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Tierversuche entzweien die Menschen: Die einen kritisieren sie als unnötiges und unethisches Tierleid, die anderen sehen in ihnen ein notwendiges Übel. Egal wie man dazu steht: Die Gesetzgeber schreiben in der Pharmakologie oder bei Kosmetikprodukten gewisse Tests vor. Wissenschaftler suchen nach Alternativen – und machen dabei, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, auch Fortschritte.

Speziell in der Medizin und der pharmakologischen Forschung sind Zellkulturversuche oder Enzymtests nicht mehr aus den Labors wegzudenken. Diese Methoden tragen dazu bei, dass etwa beim Austesten der Wirksamkeit einer Substanz die Zahl und das Leid der Versuchstiere reduziert werden können. Damit folgt man den als „drei Rs“ bekannten Prinzipien: Refinement, Reduction, Replacement. Diese stammen von den beiden britischen Wissenschaftlern William Russel und Rex Burch, die sich bereits in den 1950er-Jahren für mehr Humanität bei Tierversuchen stark machten.

Mithilfe von sogenannten „In-vitro“-Methoden – also Tests im Reagenzglas – können heute schon Gewebemodelle z.B. von der Haut hergestellt werden. An diesen testen Forscher, ob eine bestimmte Substanz beispielsweise zu einer Hautirritation oder zu irreparablen Schäden führt. „Die akute Toxizität lässt sich an diesen Modellen sehr gut testen und macht Tierversuche oft überflüssig“, berichtet Klaus Schröder, Geschäftsführer der Linzer BioMed-zet Life Science GmbH. Zu den Schwerpunkten des Zentrums für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen (zet) zählen etwa ein 3-D-Leberzellmodell oder tierversuchsfreie Langzeit-Kanzerogenitätstests. Gerade letzterer Punkt ist kritisch: „Mit den heutigen In-vitro-Methoden können wir Langzeiteffekte leider immer noch nur sehr eingeschränkt darstellen“, so Schröder.

Intensiv geforscht wird in vielen Bereichen. „Uns geht es darum, eine Ersatzmethode für den In-vivo-Test für Toxizität bei wiederholter Verabreichung zu finden“, berichten etwa die beiden Innsbrucker Forscher Paul Jennings und Anja Wilmes. Was sie damit meinen: Herkömmlicherweise wird z.B. in 90-Tage-Tests geprüft, welche Auswirkung eine bestimmte Substanz auf Versuchstiere wie Ratten hat, wenn sie wiederholt in veränderter Dosierung verabreicht wird. Am Ende werden die Tiere getötet und ihre Organe auf krankhafte Gewebeveränderungen hin untersucht.


Nierenzellen im Reaktor. So lässt sich feststellen, ob eine Substanz giftig ist. Aus den Ergebnissen wird nach Hinzufügen von Sicherheitsfaktoren ein Wert – der LOAEL (Lowest Observed Adverse Effect Level) – berechnet, der als sicher für den Menschen einzustufen ist. Solche Toxizitätsprüfungen sind derzeit für zahlreiche chemische Substanzen, zu denen auch Inhaltsstoffe von Kosmetika zählen, vorgeschrieben. Alternativen zum Toxizitätstest bei wiederholter Verabreichung gibt es im Moment aber noch keine. Laut geltendem EU-Recht sollen die herkömmlichen Tests für kosmetische Inhaltsstoffe ab März 2013 verboten werden.

Im Rahmen der europäischen Forschungsinitiative „Seurat-1“ (Safety Evaluation Ultimately Replacing Animal Testing) soll eine Ersatzmethode gefunden werden. Diese Initiative, die gemeinsam vom 7. EU-Rahmenprogramm und dem Branchenverband Cosmetics Europe mit 50 Millionen Euro finanziert wird, bildet das Dach über sechs konkrete Forschungsprojekte, darunter „Detective“, in dem 14 Forschungsgruppen aus sieben europäischen Ländern tätig sind – unter ihnen die Gruppe von Jennings an der Medizin-Uni Innsbruck. Dort werden insbesondere Nierenzellen studiert, andere Forschungsgruppen haben Herz- oder Leberzellen im Visier.

„In-vitro-Systeme haben den Vorteil, dass sie kostengünstiger, schneller und leichter zu handhaben sind als Tiermodelle“, sagt Jennings. Allerdings war vor einiger Zeit noch die Stabilität der Zellen in der Zellkultur über einen längeren Zeitraum ein Problem. Denn die Zellen in sogenannten „Primärkulturen“ sterben nach einer gewissen Zahl von Zellteilungen ab. Zudem veränderten sie sich mit der Zeit – so verlieren z.B. Nierenzellen manche ihrer Charakteristika. „Durch die Verwendung neuer Technologien ist dieses Problem weitgehend gelöst worden: Zellen können in der Kultur für bis zu 14 Tage oder länger behandelt werden“, berichtet der Forscher. Eine Zelllinie der Innsbrucker Forscher ist unsterblich („immortalisiert“) und behält dennoch ihre charakteristischen Eigenschaften.


Biomarker gesucht. In Versuchen mit den Zellkulturen wollen die Forscher unter anderem herausfinden, wie sich Zellen verändern, wenn sie über einen längeren Zeitraum mit einem Toxin behandelt werden. Die große Schwierigkeit besteht darin, die Schädigung von Zellen quasi „im Reagenzglas“ zu überprüfen. Dazu werden sogenannte Biomarker gesucht – das sind charakteristische Merkmale, die als Referenz für biologische Prozesse im Körper dienen. Das labormedizinische Blutbild ist dafür ein gutes Beispiel.

Das Team um Jennings will Biomarker identifizieren, mit denen Aussagen über die Toxizität einer Substanz getroffen werden können. Eine chronisch toxische Substanz beeinflusst die normalen biologischen Signalwege. Die Biomarker sollen zeigen, welche Signalwege verändert oder aktiviert werden. „Solche Biomarker sollten mechanistisch relevant, leicht zu testen und gut zugänglich sein“, so Wilmes.

Die Forscher integrieren dafür mehrere sogenannte „omics-Techniken“ – etwa Proteomics-, Transcriptomics-, Metabolomics- oder Epigenomics-Methoden, bei denen verschiedene Stoffwechselprodukte der Zellen systematisch untersucht werden. Nachdem die In-vitro-Nierenzellen über einen gewissen Zeitraum täglich mit einem Toxin behandelt worden sind, werden sie aufgebrochen und die Proteine, RNA-Moleküle usw. analysiert. Mithilfe von Bioinformatik werden dann toxinspezifische „Signaturen“ identifiziert. „Wir erwarten, dass Substanzen mit ähnlicher biologischer Wirkung auch ähnliche Signaturen aufweisen“, so Jennings. In weiterer Folge kann man dann neue, bisher nicht charakterisierte Substanzen testen.

Der Forscher macht darauf aufmerksam, dass In-vitro-Verfahren mit Zellkulturen gegenüber herkömmlichen Tierversuchen einen weiteren Vorteil haben: Es handelt sich dabei um menschliche Zellen, es gibt daher keine Spezies-Unterschiede, die bei der Vorhersage für die Sicherheit bei der Anwendung am Menschen oft ein Problem darstellen. „Wir erhoffen durch In-vitro-Versuche, dass sie in Zukunft die Tierversuche nicht nur ersetzen, sondern auch aussagekräftiger und relevanter für die Sicherheit des Menschen sein werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)

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10 Kommentare
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Wozu Tierversuche kritisieren

es wird ohnehin einen Ausgleich geben - die Täter werden einst selbst als Versuchstier im Labor landen. So wie die gegenwärtigen Versuchstiere. Denn Unkenntnis schützt bekanntlich ja vor Strafe nicht (und Dummheit tut tatsächlich weh)

Gast: P.H.
19.09.2012 08:36
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in vitro Versuche können Tierversuche nur bedingt ersetzen!

in-vitro-Versuche können für spezifische Aussagen sehr leistungsfähig sein, genauer und einfacher als Tierversuche. ABER: Sie können NIE die Gesamt-Wechselwirkung mit dem Organismus erfassen, sondern immer nur Teilaspekte. Deshalb können sie Tierversuche reduzieren, aber nicht ersetzen, da unerwartete Seiteneffekte nicht erfaßt werden können.

Ich weiß wovon ich spreche: Ein von mir entwickeltes in-vitro-Verfahren wird in der Kreislaufmedizin international angewandt und wurde durch nationale und internationale Preise gewürdigt. Dennoch hat sich erst danach in Tierversuchen herausgestellt, daß die so verbesserten Produkte wesentliche Biokompatibilitätaspekte noch nicht berücksichtigten.

Das Statement von Kollege Jennings mag für seine Fragestellung (die ich im Detail nicht kenne) richtig sein, eine allgemeine Aussage ist sie nicht - und war vermutlich auch nicht so gemeint.

Gast: NBH
17.09.2012 19:10
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Warum soll man so einen blödsinnigen Unfug wie Tierversuche ersetzen?

Man sollte doch lieber gleich etwas Sinvolles tun.

Ich kann ihnen von der Molekularbiologie erzählen

Wir hassen Tierversuche, sie sind extrem teuer, und aufwendig, stets brauchen sie jemanden der auf die Tiere aufpasst, sie hegt und pflegt, die Züchtungen sind teuer, und die Erhaltung der Tiere erst recht ABER es geht noch nicht ohne.

Gast: MammaGaja
17.09.2012 13:54
1 0

Ist ok wenn ...

... ALLE an Tierversuchen entwickelten / getesteten Verfahren und Produkte KEINESFALLS Tierversuchsgegnern verabreicht werden. Die sollen sich einen Ausweis machen wie die Zeugen Jehovas für Bluttransfusionen (auch an Hunden entwickelt). Sonst wär's einfach Heuchelei und Dummheit.

Gast: E. Petras
16.09.2012 15:22
0 1

Sind denn Tierversuche aussagekräftig?

Tierversuche lassen sich nur schwer auf Menschen übertragen. Das hat mir gegenüber jeder der Forscher, die ich dazu interviewt habe, zugegeben. Auch aus diesem Grund werden sie auch in Fachkreisen immer wieder in ihrer Aussagekraft angezweifelt - ganz aktuell nun nach einer wissenschaftlichen Recherche die Gen-Mäuse, deren Aussagewert sich wirklich in Grenzen hält.

Auch die enorme Unsicherheit von Tierversuchen soltle also Grund sein, mehr und mehr auf Alternativen zu setzen. Zudem sollte die Sensibilität dafür wachsen, dass alle Tests bislang niict so sicher sind, wie wir sie gern hätten und neue chemische Stoffe daher immer ein Risiko darstellen. Das gilt auch und gerade für Tierversuche! Contergan war intensiv im Tierversuch getestet worden!

Dies sollte dazu führen, dass nicht immer neue Lebensmitelzusatzstoffe, Pestizide und sonstige chemische Stoffe vermeintlich sicher als im Tierversuch getestet auf die Menschheit losgelassen werden, denn Sicherheit ist mir jenen keinesfalls gegeben!

Antworten Gast: ceterum-censeo
18.09.2012 08:48
1 0

Ja, Tierversuche *sind* aussagekräftig

Aha, und du hast also Forscher gefragt, und in Fachkreisen wird immer wieder angezweifelt... bla bla bla.

Nein. Der Nutzen von Tierversuchen, ihre Notwendigkeit und Wirksamkeit stehen außer Zweifel. Angefangen von der gesamten (!) Intensivmedizin, bis hin zu moderner Krebsforschung (viele Krankheiten, die früher noch ein Todesurteil waren, sind heute bei rechtzeitiger Diagnose (deren Verfahren ebenfalls im Tierversuch entwickelt worden sind) heilbar) ist so ziemlich alles unter Zuhilfenahme oder essentiell mit Tierversuchen entwickelt worden.

Und natürlich muss auch die Mär vom Contergan herhalten. Tatsächlich hat man Contergan eben *nicht* ausreichend genug im Tierversuch getestet! Kaninchen zB zeigen eindeutig Missbildungen durch Contergan. Hätten die Forscher damals also ein paar Tiere mehr ,,sinnlos gequält'', der Welt wäre viel Leid erspart gegeblieben.

Aber was die Bambi-Syndrom-Fraktion nicht kapieren will, kapiert sie nicht, ganz egal, wie viele Fakten man ihnen um die Ohren haut.

Ganz abgesehen davon, dass es bis zum heutigen Tag keinen bestätigten Fall eines Tierversuchsgegners gibt, der (die) auf derartige Medikation verzichtet hätte, auch wenn es um das eigene Leben geht.

Der Versuch, Tierversuche zu ersetzen, hat primär wirtschaftliche Gründe.

Gast: medikamentenfan 667
16.09.2012 10:03
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Ein einfaches Rezept

Medikamente, die unter Zuhilfenahme vor Tierversuchen entstanden sind, sollten alle deutlich sichtbar gekennzeichnet werden.

Allen, die so was ablehnen, ist es dann freigestellt, auf diese Medikamente etc. zu verzichten. Niemand wird gezwungen, so etwas zu nehmen.

Der Effekt wird sein, dass diese Leute bald aussterben, weil sie im Fall einer Krankheit keine passenden Medikamente nehmen werden. Sie werden in Grazie verscheiden und sicher sein, etwas Gutes getan zu haben. Der Menschen Wille ist ihr Himmelreich!

Allen anderen ist das "Problem Tierversuche" ohnehin egal. Sie wollen wirksame und ungiftige Medikamente, die sie wieder gesund machen. Punkt.


Re: Ein einfaches Rezept

Wir machen in allen Bereichen Fortschritte. Wieso ist es nicht in Ordnung auch in jenen Bereichen, wo Tierversuche notwendig sind, Fortschritte zu machen?

Es ist ja auch nicht so, als wären die Tierversuche die beste Lösung. Wenn man von den Tierversuchen wegkommt und gleichzeitig eine Lösung findet, die besser ist als der Einsatz von Tieren, dann wäre das doch sehr förderlich, oder nicht?

Medikamente oder sonstige Produkte mit einer Aufschrift versehen bringt und keinen echten Fortschritt.

Gast: IO
16.09.2012 08:27
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Politiker nehmen

Gibt genug davon
sind unnütz
und wenns ein paar weniger davon gibt schadets auch nicht