Wenn sich im Zimmer ein Gegenstand wie von Geisterhand bewegt – ohne erkennbare Ursache –, gehen mutigere Menschen hin, furchtsamere ergreifen die Flucht. Aber beide denken darüber nach, was dahinter stecken könnte, das tun alle Menschen, früh: Im Alter von sieben bis zehn Monaten beginnen Babys, die Augen weit aufzusperren, wenn ein Ball über einen Vorhang geflogen kommt und dann der Vorhang geöffnet wird und niemand dahinter ist, der den Ball hätte werfen können. Dann ist die Ursache nicht verborgen („hidden causal agent“, HCA), sondern unbekannt („unknown causal agent“, UCA). Sie muss erkundet werden, dieser Drang hat Wissenschaft und Technik auf den Weg gebracht, ihm sind auch die Religionen zu verdanken.
Und dieser Rückschluss von einem Geschehen auf eine Ursache ist einmal mehr etwas, das viele nur dem Menschen zuschreiben. Viele, nicht alle: Wenn ein Hund einen Sonnenschirm anbellt, der sich plötzlich bewegt – wegen des Windes, aber das weiß der Hund nicht –, dann mag dem Hund durch den Kopf gehen, „dass Bewegung ohne ersichtlichen Grund auf die Anwesenheit eines seltsamen lebenden Verursachers deutet.“ Das schrieb Darwin („Descent of Man“), er hatte ein offenes Auge und ein offenes Hirn: Ihm machte es keine Probleme, dass die Grenzen fließen und dass Tiere in der Evolution bei vielem vorgearbeitet haben, was Menschen dann weiterentwickelten.
Aber in bisherigen Experimenten deutete nichts darauf hin, dass Tiere eine Vorstellung von einem UCA haben. Das wieder mag am Design der Experimente liegen: Die müssen schon irgendetwas mit der Lebenswelt der Tiere zu tun haben und mit den Aufgaben, die darin zu meistern sind. Wenn etwa ein Vogel über einen Wald fliegt und im Blätterdach Bewegungen – von Blättern – sieht, dann kann es wichtig sein zu wissen, wo die Bewegung herkommt – vielleicht verrät sie Räuber. Oder wenn ein Vogel auf einem Ast sitzt und der Ast nebenan sich bewegt, könnte auch das eine Gefahr signalisieren bzw. sein; der Ast könnte den Vogel treffen.
Experimente brauchen Naturnähe
Aber wie simuliert man so etwas im Experiment? Man braucht extrem schlaue Tiere und eine Situation, die der Natur nahekommt. Deshalb hat eine internationale Gruppe, der Rachael Miller (Kognitionsbiologie, Uni Wien) angehört, mit frisch gefangenen Neukaledonischen Krähen experimentiert. Diese sind so klug, dass sie Werkzeuge nicht nur gebrauchen, sondern auch herstellen können. Sie wurden in eine Situation gebracht, in der sich ein Holzstock über einer Futterquelle bewegte. Diese bestand aus einem Ast mit Wurmlöchern, die Krähen konnten mit Stäbchen darin nach Futter angeln. Solange sie das taten, sahen sie den Stock nicht, der für sie bedrohlich war.
Bevor sie in diese Lage kamen, saßen sie oben in der Voliere und bekamen zweierlei zu sehen: Einmal kam ein Experimentator in den Raum und ging hinter die Wand, aus der der Stock ragte. Erst bewegte sich der Stock, dann war er wieder ruhig und der Experimentator verließ den Raum. Im anderen Fall kam kein Experimentator, und der Stock bewegte sich doch. In diesem Fall erkundeten die Krähen den Stock öfter und eindringlicher vor und hinter der Wand (Pnas, 18. 9.). „Das zeigt, dass die Krähen über einen versteckten Verursacher nachdenken“, schließt Miller, „das mag in vielen ökologischen Situationen nützlich und unter Tieren weiter verbreitet sein als bisher gedacht.“
Es geriet in Vergessenheit bzw. wurde verdrängt, erst 1960 beobachtete Jane Goodall wieder Schimpansen mit Werkzeugen. Seitdem zeigen viele Tiere immer mehr hohe Fähigkeiten, manche können zählen, andere erkennen sich im Spiegel. Vor allem die Rabenvögel tun sich hervor, sie können Werkzeuge sogar herstellen. Das deutet darauf, dass sie über Ursachen nachdenken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)
