Nur vier Monate vor seinem 90. Geburtstag ist Fritz Fellner, der Historiker, gestorben. Er hat noch Heinrich von Srbik gehört, der ihn beeindruckt hat. Sein eigentlicher Lehrer war nach dem Kriege Hugo Hantsch. Dieser, seines Zeichens Melker Benediktiner, stellte wissenschaftliche Begabung immer vor weltanschauliche Positionen: Er engagierte einen Protestanten, Günter Hamann, und eben den liberalen Fellner als Assistenten, 1964 wurde Fellner als Ordinarius für Neuere Geschichte an die Salzburger Universität berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1993 tätig war.
Fellner war ein unkonventioneller und Kontroversen nicht scheuender Geist. Er hatte besonders enge wissenschaftliche Beziehungen zu den USA; unter anderem war er Gastprofessor an der Stanford University. Seine Forschungsschwerpunkte galten der österreichischen Geschichte von der Revolution 1848 bis zu den Friedensverträgen nach dem Ersten Weltkrieg – wobei seine Arbeiten zu außenpolitischen Themen hervorstechen – sowie der Geschichte der Geschichtsschreibung. Seine Bücher „Vom Dreibund zu Völkerbund“ (1994) und „Geschichtsschreibung und nationale Identität“ (2002) legen davon Zeugnis ab. Ein editorisches Meisterwerk ist der Persönlichkeit des liberalen Politikers, Juristen, Historikers und letzten k. u. k. Finanzministers Josef Redlich (1869–1936) gewidmet. Fellner ist es gelungen, noch als 88-Jähriger gemeinsam mit Doris Corradini eine dreibändige über 1600 Seiten umfassende Edition der Lebenserinnerungen, politischen und persönlichen Tagebücher sowie einer Briefauswahl Redlichs vorzulegen. Damit liegt seit 2011 eines der informationsreichsten Quellenwerke zur Spätgeschichte der Donaumonarchie vor, die wir kennen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)
