„Graue, haarige und wolfsähnliche Ungetüme seien sie gewesen“, „Grisly Folks“, schauerliche Leute. So zeichnete noch 1921 H. G. Wells die Neandertaler, die schon lange in Europa waren, als Homo sapiens vor 40.000 Jahren kam. Kurz darauf verschwanden sie, man weiß nicht, warum, Spuren von Gemetzeln gibt es nicht, am Klima kann es auch nicht gelegen haben: Offenbar konnten sie mit unseren Ahnen einfach nicht mithalten, sie waren primitiv, hatten weder Technik noch Kultur.
Dieses Bild erleichterte von Anfang an die Distanzierung von den 1858 im Neandertal aufgetauchten Brüdern, willkommen waren sie nicht, der Kirche nicht, der Wissenschaft auch nicht, also definierte man sie aus der Menschheit hinaus. Das Bild hielt sich lange, erst in den letzten Jahren erodiert es: Die Neandertaler waren so gute Jäger wie unsere Ahnen, sie vermischten sich gar mit ihnen, und sie hatten die gleiche Variante des Gens, das man bei uns mit dem Sprechen in Verbindung bringt: Foxp2.
Keine Kunstwerke? O ja: Schmuck!
Aber eines fehlte: Kunst. Sie malten keine Höhlenbilder, sie schnitzten keine Figurinen. Also fehlte das, worauf höhere Kultur aufbaut, das Abstrahieren und Symbolisieren. Unsere Ahnen hatten die Fähigkeit seit mindestens 100.000 Jahren, damals fertigten sie in Marokko Schmuck aus Meeresschnecken. Ähnliche Stücke fanden sich auch bei Neandertalern, aber vielleicht waren die Schalen von Natur aus perforiert? So etwas kann man bei den jüngsten Funden ausschließen: Vor zwei Jahren tauchten Reste von möglichem Federschmuck in einer Höhle in Italien auf. Das veranlasste Clive Finlayson (Gibraltar-Museum), europaweit alle Funde zu sichten: Lange bevor Homo sapiens nach Europa kam, erbeuteten die Neandertaler Vögel – Raubvögel und Krähen –, und zwar nicht nur des Fleisches und der Knochen (Werkzeuge) wegen, sondern auch der Symbole wegen, so wie es alle Kulturen tun, Federschmuck gab es zu jeder Zeit und an jedem Ort. (PLoS One, 17. 9.)
Sie wählten die starken Schwungfedern, darauf deuten Schnittspuren an den Knochen, und auf die Idee kamen sie vermutlich, weil sie hinter der gleichen Nahrung her waren wie die Vögel, sie suchten Aas und ließen sich von den gefiederten Aasfressern den Weg weisen. Aber wie auch immer: „Die Federornamente sind eine weitere Brücke, die die Neandertaler näher zu uns bringen“, schließt Finlayson. jl
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)
