Dass Geben seliger sei denn Nehmen, predigen viele Religionen, sie wollen damit (auch) den Zusammenhalt stärken, zumindest den unter ihren Gläubigen. Aber das ist ganz kontraproduktiv, Menschen geben ohnehin, spontan und intuitiv, und erst wenn sie länger nachdenken – bzw. von Geboten und Moralsystemen dazu angeregt werden – stellen sich die Sünden des Asozialen ein, die Selbstsucht und der Geiz.
Zu der Überraschung kommt eine Gruppe um den österreichischen Mathematiker Martin Nowak (Harvard) auf einem Feld, das in den letzten Jahren extrem beackert wird, das der Kooperation und des Altruismus. Dass es so viel Interesse auf sich zieht, mag mit den ökonomischen Entwicklungen zusammenhängen, die das Primat des Raffens bis hin zu den Karikaturen der Millionenboni voran- und doch die Kooperation nicht ausgetrieben haben. Im Gegenteil, auch in härteren Zeiten lässt die Spendenbereitschaft etwa bei „Nachbar in Not“ nicht nach.
Das ist höchst beruhigend, aber die Gehirne treibt es doch um. Denn die ökonomische Theorie predigt in seltener Eintracht mit der Evolutionsbiologie, dass die erste Triebkraft jedes Lebewesens der Eigennutz ist. Der kann gemildert werden, in der Biologie durch die Sorge für die Verwandtschaft („kin“), und in der Psyche durch Umwegrentabilität („Reputation“): Wer Gutes tut und dafür sorgt, dass es sich herumspricht, der kann hoffen, dass es ihm vergolten wird, falls er selbst in Not gerät.
Kooperieren? Oder lieber Trittbrettfahren?
Solche intellektuellen Mühen braucht es also zum Zurückdrängen der Selbstsucht, meinen die Theorien. Aber die Praxis zeigt etwas ganz anderes, zumindest die in Nowaks jüngsten Experimenten: Er hat Testpersonen zu Kooperationsspielen ins Labor gebeten (je vier in einer Gruppe), jeder erhielt Geld (40 Cent), er konnte davon etwas in einen gemeinsamen Topf abzweigen, dessen Inhalt wurde dann vom Spielleiter verdoppelt und unter den Vieren verteilt.
Würde jeder seine 40 Cent investieren, bekäme er 80 heraus. Aber so kooperationsbereit und vertrauensselig ist niemand. Trotzdem floss das Geld zunächst reichlich – 27 Cent gab jeder im Durchschnitt – später dünnte es sich aus, auf 21, man denkt nach und kommt darauf, dass besser fährt, wer Trittbrett fährt, nichts gibt, nur nimmt. – Das brachte Nowak auf die Idee, dass Kooperationsbereitschaft von Zeit abhängt: Rasches Handeln ist intuitiv, erst die Zeit bringt Rationalität hinein.
Darauf hatte man in früheren Tests nicht geachtet – aber die Entscheidungszeiten schon aufgezeichnet –, Nowak eilte in sein Archiv und wertete alte Experimente neu aus. Der Konnex war immer da.
Das konnte natürlich eine schlichte Koinzidenz sein. Deshalb wurden in der zweiten Runde zeitliche Vorgaben gemacht, die Probanden sollten entweder rasch entscheiden – in zehn Sekunden – oder sich Zeit lassen. Wieder war die Intuition freigiebig, und die Reflexion brachte Kalkül und Geiz. Und wenn man sie von vornherein im Kopf hat, wird sie noch mächtiger: Im dritten Experiment gab es ein „Priming“, eine niederschwellige Beeinflussung: Die Probanden mussten erst einen Text über Entscheidungen in ihrem Leben schreiben, bei denen sie mit Reflexion gut gefahren waren oder mit Intuition schlecht (bzw. umgekehrt). Schon die Erinnerung an einen Segen der Reflexion hob den Eigennutz (Nature, 489, S. 427).
„Die kalte Logik des Eigeninteresses ist verlockend“, schließt Nowak, „aber unser erster Impuls geht Richtung Kooperation.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)
