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Fleisch nährt sich von Fleisch und wir nennen uns „Tiere“

21.09.2012 | 20:26 |  von THomas Kramar (DiePresse.com)

Von Indianern, die zu einer Maus beten, schwärmte Theologe Eugen Drewermann; und Philosoph Markus Wild bekannte sich zum „Animalismus“. Beim Philosophicum geht es heuer um Tiere.

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„Ist der Petersdom ein Ort, wo Gott wohnt?“, fragte Eugen Drewermann mit großer Geste und ließ keinen Zweifel daran, dass er das bezweifelt: Im Urwald des Amazonas dagegen, dort könne man Gott schauen. Drewermann, seit 1992 als katholischer Priester suspendiert, hielt beim Philosophicum Lech eine kräftige Predigt, deren Glaubensinhalt man freilich kaum mehr christlich nennen konnte: Er vergöttlicht die Natur, lehnt den Fortschrittsgedanken ab, preist das zyklische Denken, lobt Indianer, die zur Bohnenmaus beten. Hauptsache, nicht anthropozentrisch!

Denn dass der Mensch im Mittelpunkt stehe und sich gar die Schöpfung untertan machen soll, das ist Drewermann herzlich zuwider. Genauso wie das kapitalistische Wirtschaftsystem, das keine Ethik kenne: Für den „blutbeschmierten Götzen Kapital“ seien in England zur Zeit des Rinderwahns Millionen Kühe geschlachtet wurden, dies nennt er „Holocaust“ . . . Wie gesagt, eine Predigt. Eines Predigers, dem man die Erschütterung über das Leid der Tiere abnahm, die Folgerungen daraus kaum. Abgesehen davon, dass er schließlich erst recht auf den Fortschritt setzte: Den Kannibalismus hätten wir uns schon abgewöhnt, bald werde uns der Appetit auf Fleisch überhaupt vergehen.

Diese Option schien auch nach dem „Impulsforum“ des Philosophicum Lech realistisch. Da schwärmte wohl ein Fleischfabrikant von der Wurstplatte und ein Jäger von der Jagd, doch auch die beiden fügten sich in den Konsens: Man soll danach trachten, das Leiden der Tiere zu minimieren. Und möglichst wenig Fleisch essen.

Manchmal retten wir sogar Fliegen


Freilich, das löst nicht das Grundproblem: Es gibt Fleischfresser in der nicht nur von Drewermann so verehrten Natur. Mehr noch: Jedes Lebewesen, das sich nicht von Sonnenlicht ernähren kann, ernährt sich von anderen Lebewesen. „Tragisch, dass wir aus dem ,Leben lebt von Leben‘ nicht herauskommen“, befand Karen Duve, Autorin des Buches „Anständig essen“. In eine Passage aus den Metamorphosen des Ovid (der mit Pythagoras den Vegetarismus pries) fasste es Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle in seiner klugen Eröffnungsansprache: Was sei es doch für ein Verbrechen, sein Fleisch aus Fleisch zu nähren!

Sie erschlage lästige Insekten „gnadenlos“, bekannte Duve, doch sie rette zappelnde Fliegen aus dem Swimmingpool: So inkonsequent ist unser Mitleid – und unsere Ethik, die sich laut Schopenhauer auf diesem gründet. Es sind nur die Wirbeltiere (und die Kraken), die wir ob ihres Bewusstseins schonen sollen, erklärte der Philosoph und Tierschützer Martin Balluch. Eine „eindeutige Diskriminierung zugunsten der Tiere, die mit einer Wirbelsäule und hübschen Augen ausgestattet sind“, nannte das die Biologin und Schriftstellerin Andrea Grill: Diese stellen nur einen kleinen Teil der Arten. „Die meisten Tiere sind Käfer und Schmetterlinge.“

Doch allen Denkern, so Grill, falle beim Wort „Tiere“ der Hund ein. 700.000 Hunde leben derzeit in Österreich, 200.000 Wölfe auf der ganzen Welt. Hunde und Wölfe gehören zur selben Art (Canis lupus), und doch schicken wir jene zum Tierarzt und schießen diese tot. Sie gehören nicht zu unserem Haus.

So ziehen wir Grenzen durchs Tierreich, doch die heikelste Grenze ist die, mit der wir uns selbst gegen die (anderen) Tiere abgrenzen, definieren. Das Tier Mensch unterscheide sich von allen anderen Tieren dadurch, „dass es sich manchmal kokett als Tier bezeichnet“, schlug Konrad Paul Liessmann in seinem (im heutigen „Spectrum“ abgedruckten) Referat vor. Der Schweizer Philosoph Markus Wild trieb diese Koketterie, sich offensiv zum „Animalismus“ bekennend, auf die Spitze: Der Mensch sei ein Tier und nur ein Tier, da nützten alle Differenzen nichts.

„Weil wir uns erbarmen können“


Es bleibt die Fremdheit der Wesen, die fühlen wie wir, aber nicht „Ich Tier“ denken. Dennoch träumen wir davon, uns in sie zu verwandeln, grübelte Grill in ihrem faszinierenden Referat – und schloss in einer weiteren Beschwörung von Metamorphosen, von Elias Canetti: „Wir sind Menschen, weil wir nicht nur aus unseren Augen und aus unserem Hirn auf die Welt schauen können. Weil wir uns erbarmen können, weil wir alle Dichter sind, uns alle verwandeln können.“

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4 Kommentare
Gast: GastA
25.09.2012 19:50
0 0

Wo ist die Grenze?

Gibt es eine scharfe Grenze, dann ist alles klar. Ist sie fließend, dann gibt es gar keine. Nur die Extreme liegen halt etwas auseinander.
Fleisch frißt Fleisch und auch Pflanzen. Pflanzen haben aber ebenfall mehr oder weniger subtile Methoden, andere Pflanzen umzubringen, und sie töten und fressen auch Fleisch. Pilze gegen alle, und alle gegen Pilze.
Ich behaupte nun, uns Menschen zeichnet der Respekt aus, den wir dem Erbeuteten - Tier, Pflanze, Pilz - entgegenbringen können.

Gast: Gastposter
24.09.2012 10:13
1 0

Moral und Predigt

Schön zu sehen, dass die Presse an diesem interessanten Thema dranbleibt! Besonders den letzten Punkt finde ich wichtig: Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft ist der Mensch das einzige Tier, dass über die Moralität seines Handelns nachdenken kann.
Ein Raubtier hat keine andere Wahl, es muss andere Tiere töten und essen, um zu überleben. Ein Mensch jedoch hat die Wahl, er kann Fleisch essen, muss es aber nicht (längst ist wissenschaftlich belegt, dass vegetarische Ernährung nicht gesundheitsschädlich ist, im Gegenteil) - er kann also entscheiden, auf den Luxus des Fleischgenusses zu verzichten, damit nicht unnötig ein Tier getötet wird.

Davon ganz abgesehen finde ich es schade, dass gerade solche predigenden Redner wie Drewermann der Tierschutz- und Vegetarismusbewegung eher schaden als nützen, obwohl sie es eigentlich nur gut meinen. Aber jede Form von Extremismus kommt nicht gut an und niemand lässt sich gern bepredigen, und die Form des Vortrags stößt viele von vornherein ab, bevor sie sich mit dem Thema auseinandersetzen. Mehr Sachlichkeit und weniger Emotionalität wäre vielleicht der bessere Weg.

Wölfe/Hunde

und Menschen sind eben soziale Raubtiere

und besitzen sogar einen ähnlichen Verdauungskanal.

Antworten Gast: yoshi1
22.09.2012 21:35
0 1

...

Wer beim frühen Menschen hauptsächlich an Kleinsippen, die vor 20.000 Jahren im eisigen Europa Hirsche und Mammuts gejagt haben, denkt ist schlecht beraten.

Je nach Lebensraum (tropisch, gemäßigt,..), Lebensart (nomadisch, sesshaft), Kultur, usw hat es Perioden und Stämme gegeben die nahezu ausschließlich fleischliche oder pflanzliche Kost zu sich genommen haben. Wirklich jagen kann unsere Spezies übrigens erst seit ca 3 Millionen Jahren.

Nein, wir sind also alles andere als reine Fleischfresser, wie Sie es so gerne hinstellen. Nicht umsonst raten nahezu alle Ernährungsexperten und Ärzte dazu deutlich weniger fleischliche als pflanzliche Kost zu sich zu nehmen. Ja, das hat natürlich auch damit zu tun, dass kaum noch jemand schwere körperliche Arbeit verrichtet. Dennoch - nicht einmal ein menschlicher Ackergaul bräuchte haufenweise Fleisch.