„Ist der Petersdom ein Ort, wo Gott wohnt?“, fragte Eugen Drewermann mit großer Geste und ließ keinen Zweifel daran, dass er das bezweifelt: Im Urwald des Amazonas dagegen, dort könne man Gott schauen. Drewermann, seit 1992 als katholischer Priester suspendiert, hielt beim Philosophicum Lech eine kräftige Predigt, deren Glaubensinhalt man freilich kaum mehr christlich nennen konnte: Er vergöttlicht die Natur, lehnt den Fortschrittsgedanken ab, preist das zyklische Denken, lobt Indianer, die zur Bohnenmaus beten. Hauptsache, nicht anthropozentrisch!
Denn dass der Mensch im Mittelpunkt stehe und sich gar die Schöpfung untertan machen soll, das ist Drewermann herzlich zuwider. Genauso wie das kapitalistische Wirtschaftsystem, das keine Ethik kenne: Für den „blutbeschmierten Götzen Kapital“ seien in England zur Zeit des Rinderwahns Millionen Kühe geschlachtet wurden, dies nennt er „Holocaust“ . . . Wie gesagt, eine Predigt. Eines Predigers, dem man die Erschütterung über das Leid der Tiere abnahm, die Folgerungen daraus kaum. Abgesehen davon, dass er schließlich erst recht auf den Fortschritt setzte: Den Kannibalismus hätten wir uns schon abgewöhnt, bald werde uns der Appetit auf Fleisch überhaupt vergehen.
Diese Option schien auch nach dem „Impulsforum“ des Philosophicum Lech realistisch. Da schwärmte wohl ein Fleischfabrikant von der Wurstplatte und ein Jäger von der Jagd, doch auch die beiden fügten sich in den Konsens: Man soll danach trachten, das Leiden der Tiere zu minimieren. Und möglichst wenig Fleisch essen.
Manchmal retten wir sogar Fliegen
Freilich, das löst nicht das Grundproblem: Es gibt Fleischfresser in der nicht nur von Drewermann so verehrten Natur. Mehr noch: Jedes Lebewesen, das sich nicht von Sonnenlicht ernähren kann, ernährt sich von anderen Lebewesen. „Tragisch, dass wir aus dem ,Leben lebt von Leben‘ nicht herauskommen“, befand Karen Duve, Autorin des Buches „Anständig essen“. In eine Passage aus den Metamorphosen des Ovid (der mit Pythagoras den Vegetarismus pries) fasste es Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle in seiner klugen Eröffnungsansprache: Was sei es doch für ein Verbrechen, sein Fleisch aus Fleisch zu nähren!
Sie erschlage lästige Insekten „gnadenlos“, bekannte Duve, doch sie rette zappelnde Fliegen aus dem Swimmingpool: So inkonsequent ist unser Mitleid – und unsere Ethik, die sich laut Schopenhauer auf diesem gründet. Es sind nur die Wirbeltiere (und die Kraken), die wir ob ihres Bewusstseins schonen sollen, erklärte der Philosoph und Tierschützer Martin Balluch. Eine „eindeutige Diskriminierung zugunsten der Tiere, die mit einer Wirbelsäule und hübschen Augen ausgestattet sind“, nannte das die Biologin und Schriftstellerin Andrea Grill: Diese stellen nur einen kleinen Teil der Arten. „Die meisten Tiere sind Käfer und Schmetterlinge.“
Doch allen Denkern, so Grill, falle beim Wort „Tiere“ der Hund ein. 700.000 Hunde leben derzeit in Österreich, 200.000 Wölfe auf der ganzen Welt. Hunde und Wölfe gehören zur selben Art (Canis lupus), und doch schicken wir jene zum Tierarzt und schießen diese tot. Sie gehören nicht zu unserem Haus.
So ziehen wir Grenzen durchs Tierreich, doch die heikelste Grenze ist die, mit der wir uns selbst gegen die (anderen) Tiere abgrenzen, definieren. Das Tier Mensch unterscheide sich von allen anderen Tieren dadurch, „dass es sich manchmal kokett als Tier bezeichnet“, schlug Konrad Paul Liessmann in seinem (im heutigen „Spectrum“ abgedruckten) Referat vor. Der Schweizer Philosoph Markus Wild trieb diese Koketterie, sich offensiv zum „Animalismus“ bekennend, auf die Spitze: Der Mensch sei ein Tier und nur ein Tier, da nützten alle Differenzen nichts.
„Weil wir uns erbarmen können“
Es bleibt die Fremdheit der Wesen, die fühlen wie wir, aber nicht „Ich Tier“ denken. Dennoch träumen wir davon, uns in sie zu verwandeln, grübelte Grill in ihrem faszinierenden Referat – und schloss in einer weiteren Beschwörung von Metamorphosen, von Elias Canetti: „Wir sind Menschen, weil wir nicht nur aus unseren Augen und aus unserem Hirn auf die Welt schauen können. Weil wir uns erbarmen können, weil wir alle Dichter sind, uns alle verwandeln können.“
