Wer ist die schönste Kuh in Lech am Arlberg? Das entscheidet sich alljährlich bei der festlichen Viehausstellung auf dem Anger des Dorfes: Die Tiere stehen stoisch in der Gegend herum, muhen von Zeit zu Zeit herzhaft und denken sich... Nun, davon später. Unweit dieses tierischen Auflaufs, in der Kirche von Lech, haben sich Menschen versammelt. Sie sitzen stoisch auf den Sesseln und hören einem Artgenossen dabei zu, wie er laut darüber nachdenkt, ob Tiere denken können. Sein Ergebnis: Nein.
Es war Reinhard Brandt, Philosoph in Marburg, der den Unmut etlicher Teilnehmer des Philosophicums auf sich zog, weil er den Tieren – bei allem Respekt – die Denkfähigkeit ansprach. Sein Argument: Tiere haben keine Begriffe (nur „Bündel von Vorstellungen“), sie können keine Urteile bilden. Nicht einmal Sätze – im Sinn der Logik und der Linguistik. Das fällt zusammen: Für Brandt ist das Denken notwendigerweise sprachlich, auch wenn er das nicht so deutlich sagte. Und, so Brandt: Selbst die schönsten Nachtigallengesänge haben keine Satzstruktur. Das „Wau“ des Kleinkindes, das mit diesem Laut auf den Hund zeigt, ist viel mehr Wort als das „Wau“ das Hundes.
Wie ist die einzigartige menschliche Sprache entstanden? Im weiten Raum der Savanne, meint Brandt. Dort hätten unsere Vorfahren auf ferne Objekte gezeigt und sie damit geistig herangeholt, so lernten sie, über Dinge zu sprechen, „als ob sie da wären“.
Die Schuld des Jägers: Wurzel der Religion
Es war ein ganz anders gesinnter Vortragender, der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal (Uni Wien), der auch eine Theorie zur Menschwerdung – ein Wort, das ihm wohl zu gravitätisch wäre – andeutete. Für ihn haben die Tiere, die unsere Ahnen ins Haus nahmen, dabei mitgewirkt. Die ersten Domestikationen waren nicht nutzenorientiert, glaubt Kotrschal, sie geschahen aus Sympathie, aus Tierliebe. Nicht zufällig erzählen fast alle Kinderbücher Tiergeschichten: Kleine Kinder haben für Tiere viel mehr Aufmerksamkeit als etwa für Maschinen, die Biophilie ist ihnen angeboren. Auch die Mythen unserer Ahnen waren Tiermythen, die Tiere galten den Menschen als gleichwertig, der Jäger, der eines tötete, fühlte Schuld: Die Riten der Entsühnung sind eine Wurzel der Religionen.
Die Menschen waren früher viel weniger von ihrer Einzigartigkeit überzeugt, fühlten sich den Tieren näher: Das erklärte auch Thomas Macho, Kulturhistoriker in Berlin. Sie glaubten an Götter in Tiergestalt, in Ägypten begrub man Tiere auf Friedhöfen, griechische Philosophen nannten sich selbst Hunde („Kyniker“), bei Homer „bellt“ dem Odysseus das Herz, noch bevor Argos, sein kluger Hund, ihn als Einziger wiedererkennt. Sogar im Christentum, in dessen Mainstream doch die Tiere keine Seele haben, ist Jesus das Lamm Gottes, der Heilige Geist erscheint als Taube, und Paulus tauft (zumindest in den apokryphen Paulusakten) einen Löwen. Ochs und Esel an der Krippe sieht Macho als Vertreter konkurrierender Feste: der Mithras- und Dionysos-Mysterien.
Eine andere Interpretation der weihnachtlichen Tiere brachte Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Wiener Albertina: Der Esel sei Symbol des Judentums, der Ochs des Heidentums. Schröder pries in seinem imposanten Lauf durch die Kunstgeschichte freilich besonders Dürer, der solche Symbolik nicht mehr so wichtig nahm, aber überzeugt war, dass kein Künstler ein Kunstwerk besser machen könne als Gott, der die Natur gemacht hat: „Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“
Kunst eignet sich auch dazu, das Mitleid mit gequälten Kreaturen zu schüren. So verbreitete William Hogarth seine Kupferstiche „Stages Of Cruelty“, um die Misshandlung von Tieren auf den Straßen Londons anzuklagen. Sogar Kant im fernen Königsberg reagierte darauf: „Man kann das menschliche Herz schon kennen, auch in Ansehung der Tiere.“ Auch wenn Kant selbst das Verbot der Tierquälerei aus den Pflichten des Menschen gegen sich selbst ableitete – die verlässlichste Basis für den Tierschutz bleibt das Mitleid. Darauf kam auch Herwig Grimm (Uni Wien) nach einem ausführlichen Exkurs über diverse Spielarten des Anthropozentrismus. Er erklärte es als problematisch, dass wir Tiere, die uns ähnlicher sind, als schutzwürdiger ansehen, suchte (zum Missfallen der Kantianer im Publikum) nach dem „Tier an sich“, um schließlich mit Bentham zu sagen: „The question is not: Can they reason? nor: Can they talk?, but: Can they suffer?“ Wie andere Tierethiker verwendet Grimm gern das neue Wort „tierlich“ statt „tierisch“, wie Germanistin Daniela Strigl kritisch anmerkte: „Macht er das, um die Tiere nicht zu beleidigen?“
Die Angst vor dem Spezieismus
Tatsächlich scheint es zur neuen Disziplin der Political Correctness zu werden, partout den Eindruck zu vermeiden, dass man den Menschen für etwas Besonderes oder gar etwas Besseres hält, dass man sich also des „Spezieismus“ schuldig macht, den manche sogar mit dem Rassismus vergleichen. Subtiler schien Thomas Machos Plädoyer für einen „inklusiven Humanismus“, der nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Maschinen enthalten soll. Eine frappante Idee: Ist doch schwer vorstellbar, dass Maschinen so etwas wie Schmerz empfinden.
Auch in „L'Homme Machine“ von Julien Offray de La Mettrie wird der Mensch mit einer Maschine verglichen. Das sei aber nicht als Manifest des Materialismus zu verstehen, erklärte die Schweizer Philosophin Ursula Pia Jauch: La Mettrie habe damit die Aussage von Descartes, das Tier sei „eine Maschine aus den Händen Gottes“, konsequent weiter und damit ad absurdum geführt. La Mettrie meinte im Gegensatz zu Descartes, dass die Tiere sehr wohl eine Seele hätten, die freilich – wie die menschliche Seele auch – zur Biologie gehöre. Die Tiere (bêtes) seien nicht so dumm (bête), wie man glaubt. „Im Übrigen ist das Schweigen der Tiere oft sinnvoller als das Geschwätz der Philosophen.“
Auch die letzten Worte des heurigen – durchwegs gelungenen – Philosophicums waren selbstreflexiv. Sie galten der sexuellen Selektion. Auch diese habe die Evolution der menschlichen Intelligenz angetrieben, erklärte Kotrschal: Frauen würden sich einfach eher für intelligente Männer entscheiden. Da fühlte sich so manche(r) Besucher(in) des Philosophicums bestätigt. Die Kühe, darunter die Siegerin Tilde, waren indessen schon wieder in ihren Ställen. Wie schweigsam sie dort waren? Wir wissen es nicht.
Das 16.Philosophicum Lech findet von 25. bis 29.9.2013 statt, wie immer unter der wissenschaftlichen Leitung von Konrad Paul Liessmann. Das Thema: „Ich. Der Einzelne in seinen Netzen.“ Anmeldung ab 1.April 2013.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2012)
