„Die geringere Größe des weiblichen Gehirns kommt zum einen Teil von ihrer körperlichen Unterlegenheit und zum anderen Teil von ihrer intellektuellen Unterlegenheit.“ Das konstatierte der französische Neurologe Paul Broca 1861, seitdem wird darüber gestritten. Aber der Unterschied ist da, bei Menschen, und er ist gar nicht so gering: 100 Gramm weniger hat das durchschnittliche weibliche Gehirn, bei einem durchschnittlichen Gesamtgewicht von 1200 Gramm (es schwankt zwischen Individuen stark).
Das ist nicht verwunderlich: Frauen sind kleiner als Männer, und der „Sexualdimorphismus“ zeigt sich auch in der Größe einzelner Körperteile. Verwunderlich ist eher, dass man über die Unterschiede ausgerechnet im Gehirn wenig weiß, am weitesten ist die Forschung noch bei Fischen. 1921 verglich Erich Titschak Hirne von weiblichen und männlichen Stichlingen und fand heraus, „dass alle Teile in den männlichen Gehirnen größer waren als die korrespondierenden Teile in den weiblichen.“
Im Vorjahr nahm eine Gruppe um Alexander Kotrschal, österreichischer Verhaltensforscher in Uppsala, den Faden wieder auf, an Stichlingen. Kotrschal bestätigte Titschak – männliche Gehirne sind größer, sie wiegen 24,2 Milligramm, weibliche 19,7. Er bot auch eine Erklärung, es liegt an der Lebensweise: Männchen bauen Bruthöhlen, dann balzen sie aufwendig, und wenn ein Weibchen in der Höhle abgelaicht hat, übernimmt das Männchen die Brutpflege. All das ist aufwendig, auch für das Gehirn (PLoS One, 7(1): e30055).
Balzen und bedrängen
Viele andere Fische kennen keine Brutpflege, Guppys etwa – sie sind die Lieblinge der Aquarianer und der Biologen, sie sind leicht zu halten und mehren sich rasch – gebären lebende Junge, die auf sich selbst gestellt sind. Dann müssen die Weibchen, die etwas größer sind als die Männchen, sich darauf einstellen, dass die Männchen balzen – mit Tänzen – und bedrängen, bis zu 16 Mal pro Minute kommt das eine oder andere daher. Die Weibchen weichen aus, ins tiefere Wasser, ihrer Größe wegen sind sie vor den dortigen Räubern sicherer als Männchen. „Wir haben uns gefragt, wie diese soziale Umwelt sich auf die Morphologie der Gehirne auswirkt“, berichtet Kotrschal, „und zwar nicht über evolutionäre Zeiträume, sondern innerhalb einer Generation.“
Zu diesem Zweck setzten die Forscher im Labor in ein Aquarium nur Weibchen, in ein anderes nur Männchen, in ein drittes beide Geschlechter. Das ist naturnah, in ihrer Heimat – in den Flüssen Südamerikas und der Karibik – zeigen Guppys auch solche Verteilungen. Und dort passiert wohl auch, was sich im Labor zeigte: Die Gehirne der Weibchen bleiben unverändert, die der Männchen auch, wenn sie mit Männchen zusammen waren. Waren sie aber mit Weibchen zusammen, wuchsen ihre Gehirne rasch (Behav Ecol Sociobiol, 16. 9.).
Das liegt wohl an der Balz, wenngleich erstaunlich ist, dass die Gehirne der Weibchen nicht auch wuchsen: Sie müssen schließlich die Balz bewerten und den Partner wählen. Ob es wirklich an der Balz liegt, muss noch geklärt werden: Die Forscher haben nicht das Verhalten erhoben, nur die Gehirngröße. Und deshalb – weil die Fische getötet werden mussten – kann Kotrschal auch nicht sagen, ob die Gehirne der Männchen wieder schrumpfen, wenn keine Weibchen mehr in der Gegend sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)
