Erdogan und die Schlacht gegen Byzanz

Wenn der türkische Ministerpräsident vom Jahr 2071 spricht, meint er 1071. Aber 1071 ist für den türkischen Geschichtsunterricht wie 1066.

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„Wenn es Gottes Wille ist, werden wir 2023 aufbauen, und ihr werdet es 2071 vollenden.“ Also sprach der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan beim Kongress der AKP, bei dem er zum dritten Mal zum Führer dieser Partei gewählt wurde. Die erste Jahreszahl, die auch im aktuellen Slogan der PKK („Große Nation, mächtige Kraft, Ziel 2023“) vorkommt, liegt nahe: 1923 hat Mustafa Kemal vulgo Atatürk („Vater der Türken“) die Republik Türkei gegründet. Bis 2023 soll laut Erdogan die Türkei einige Ziele erreichen, etwa ein Pro-Kopf-Einkommen von 25.000 Dollar.

Doch auch die zweite Jahreszahl hat Symbolkraft: 1071 ist für den türkischen Geschichtsunterricht wie 1066 („Battle Of Hastings“) für den englischen. 1071 besiegten die türkischen Seldschuken in der Schlacht von Manzikert den byzantinischen Kaiser Romanos IV. Diogenes. Es war eine entscheidende Niederlage für Byzanz und ein Auslöser für die massive Ansiedlung von Türken in Anatolien.

So packte Erdogan zwei widersprüchliche historische Identifikationen in einen Satz: einerseits mit dem großen Modernisierer (und Säkularisierer) Atatürk, andererseits mit dem seldschukischen Sultan Alp Arslan, dem gegen die Christen siegreichen islamischen Feldherrn. tk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2012)

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