Mütter haben ihr Leben lang ihre Söhne im Kopf

19.10.2012 | 18:28 |   (Die Presse)

In Gehirnen von Müttern findet sich DNA der Kinder, die sie ausgetragen haben. Wie das geht und wozu es dient, ist unklar. Frauen mit mehr DNA ihrer Kinder im Gehirn hatten ein geringeres Alzheimer-Risiko.

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Wenn eine Schwangere eine Herzattacke erleidet, eilt ihr ihr Embryo zu Hilfe: Er schickt Stammzellen, die an der verletzten Herzregion neue Zellen bilden. Das ist nicht selbstlos – der Embryo überlebt nur, wenn die Mutter überlebt –, aber wie das zugeht, ist wenig klar, schließlich müssen die Zellen durch die Plazenta. Aber sie schaffen es, nicht nur zum Herzen, man hat sie auch schon in anderen Organen gefunden, in der Lunge und in der Niere – überall sind Mütter Mischwesen, „Mikrochimären“ – und im Blut, dort sind sie vermutlich, damit das mütterliche Immunsystem sich an sie gewöhnt und den Embryo nicht attackiert.

Mit dem Blut kommen sie auch zum Gehirn, aber das ist mit der Blut/Hirnschranke vor Eindringlingen noch viel besser geschützt als der Embryo mit seiner Plazenta. Trotzdem kommen die Zellen – vorsichtiger: ihre DNA – hindurch. Das wusste man schon von Mäusen, und nun hat Lee Nelson (Fred Hutchinson Cancer Research Center) sie auch in Gehirnen von Frauen gefunden, die eines natürlichen Todes gestorben waren, die jüngste mit 70, die älteste mit 92. Und in diesem Alter hatte sie immer noch – wie 63 Prozent der analysierten Frauen – ihren Sohn im Kopf, ganz im Wortsinn (PLoS One, 26.9.). Mit der Tochter wird es nicht anders sein, aber Nelson hat sich der Einfachheit halber auf Söhne konzentriert, weil das männliche Y-Chromosom im weiblichen Gehirn leicht zu identifizieren ist.

Was tut diese DNA? Bei Mäusen ist sie aktiv – dort wandern auch ganze Zellen ins Gehirn –, bei Menschen weiß man es nicht. Aber Hutchinson hatte den Verdacht, dass die Fremdkörper Schaden anrichten, konkret: Alzheimer: Das Risiko, daran zu erkranken, steigt bei Frauen mit der Zahl der Kinder. Aber der Befund zeigte das Gegenteil: Die Frauen mit mehr DNA ihrer Kinder im Gehirn hatten ein geringeres Alzheimer-Risiko. Schützen also Embryos ihre Mütter? Bei Alzheimer hätten sie keinen Grund, die Alterskrankheit bedroht sie nicht. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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14 Kommentare
Gast: Störrisch...
22.10.2012 13:31
2

Mutter Natur...

....ist wirklich ein Knaller...es ist höchst erstaunlich und faszinierend, was alles möglich ist und was unser Körper kann.

Schöner Artikel...gute Nachtrichten! :-)

Gast: schnitzel mit beilage
21.10.2012 14:05
2

selber sohn -

das ist auch gut so...

Gast: zylmurbafi
21.10.2012 02:21
1

aha.

jetzt ist vieles klar.

Dieses Thema verführt gerade zu...

...sarkastische Bemerkungen zu äußern. LOL!
Wie z. B.: Nun wissen wir endlich, dass Frauen doch etwas im Kopf haben. ;-)

Kommt wohl daher,

daß bei vielen Müttern das Gehirn durch das Kind ersetzt wird.

Re: Kommt wohl daher,

nur bei Ihrer Mutter nicht, richtig? Die freut sich sicher, wenn sie hört, wie ihr Sohn über andere Mütter denk. Gehen Sie sich bitte genieren.

Antworten Gast: Lumen
20.10.2012 11:07
4

Re: Kommt wohl daher,

Ein intellektuell extrem hochstehender Kommentar... ;-)

Zum Artikel: Was ich nicht verstehe, ist, warum einerseits gesagt wird, die Kinderzahl erhöhe das Alzheimer-Risiko, andererseits die untersuchten Mütter aber ein niedrigeres Risiko hatten. Wie passt das zusammen?

Re: Re: Kommt wohl daher,

Sie haben völig Recht,
das ist paradox
und das gerade gegenteil von dem, was Hutchinson erwartete,

ich könnte es mir so vorstellen,
dass der Embryo nur bei Bedarf Zellen (oder DNA, das ist das nächste Mysterium) losschickt,
so wie beim Herzinfarkt,
dass also irgendetwas im Gehirn der Schwangeren in Not war,
das ist natürlich reine Spekulation
aber es hatten eben auch nicht alle Frauen DNA ihrer Söhne im Gehirn

Antworten Antworten Antworten Gast: servus
29.10.2012 11:43
0

Re: Re: Re: Kommt wohl daher,

@Lumen: vielleicht, weil das so nicht da geschrieben steht? Lesen bildet..

Antworten Antworten Gast: zylmurbafi
21.10.2012 02:24
0

Re: Re: Kommt wohl daher,

tja, so ist die wissenschaft. jedes jahr finden sie etwas anderes heraus. hähä

Re: Re: Kommt wohl daher,

Um bei meinem streng wissenschaftlichen Erklärungsansatz zu bleiben: weil bekanntlich aus zwei Studien drei Ergebnisse hervorgehen?

Medizin ist eben keine exakte Wissenschaft und kann es nicht sein, da kann Statistik auch nur begrenzt darüber hinweghelfen.

Re: Re: Kommt wohl daher,

Wo steht, dass die Kinderanzahl das Alzheimer-Risiko erhöht? (hab's jetzt durch Googeln nicht wirklich gefunden - würde mich aber interessieren)

Re: Re: Re: Kommt wohl daher,

Steht im Artikel: "Alzheimer: Das Risiko, daran zu erkranken, steigt bei Frauen mit der Zahl der Kinder". Worauf der aber basiert, kann ich auch nicht sagen.

Re: Re: Re: Re: Kommt wohl daher,

Na ich glaube, das ist nur ein Missverständnis:

"Aber Hutchinson hatte den Verdacht, dass die Fremdkörper Schaden anrichten, konkret: Alzheimer: Das Risiko, daran zu erkranken, steigt bei Frauen mit der Zahl der Kinder. Aber der Befund zeigte das Gegenteil: Die Frauen mit mehr DNA ihrer Kinder im Gehirn hatten ein geringeres Alzheimer-Risiko."

Für mich heißt das, Hutchinson hatte nur den Verdacht(!), dass diese Fremdkörper Schaden anrichten und Alzheimer hervorrufen (vielleicht hat er das so in Zusammenhang gebracht, weil es prozentuell mehr Frauen sind, die Alzheimer kriegen (habe ich ergoogelt), stellt sich aber heraus, dass das nicht der Fall ist.

So habe ich das verstanden.

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