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Der fehlende Mut zum Risiko

20.10.2012 | 18:03 |  von Bernadette Bayrhammer, Julia Neuhauser, Theresa Aigner (Die Presse)

Zwischen 6500 und 10.000 österreichische Forscher sind im Ausland tätig. Der Heimat raten sie: Weniger Hierarchie und Bürokratie, mehr Aufgeschlossenheit. Doch Rückholaktionen allein sind nicht das Nonplusultra.

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Von Wien nach Harvard: Franziska Michor hat eine beeindruckende Karriere hingelegt für eine junge Wissenschaftlerin: Nach dem Studium an der Uni Wien – Molekularbiologie und Mathematik – geht sie nach Harvard, promoviert dort mit 22. Nach Postdoc-Jahren ebenfalls an der US-Eliteuni macht sie einen Abstecher nach New York, seit zwei Jahren ist sie wieder in Harvard. Dort leitet die 30-Jährige ein zehnköpfiges Team am Dana-Farber-Institut für Krebsforschung, das Labor trägt ihren Namen. Ob all das auch in Österreich möglich gewesen wäre? Wohl kaum, sagt Michor.

Sie ist eine von zwei- bis dreitausend Österreichern, die in Nordamerika forschen. Genaue Zahlen gibt es nicht, keine heimische Institution verfolgt, wie viele Österreicher an ausländischen Universitäten und Forschungsinstituten tätig sind. Andreas Breinbauer, mittlerweile Rektor der Fachhochschule des BFI Wien, hat für seine Dissertation drei Jahre lang zu diesem Thema geforscht. Auch er kann die Zahl der heimischen Forscher im Ausland nur grob schätzen: Zwischen 6500 und 10.000 seien im Ausland tätig. Top-Destination für die Wissenschaftler ist demnach Deutschland, gefolgt von den USA – vor allem im Postdoc-Bereich – und der Schweiz.

Was ist so attraktiv am Ausland? Manchmal ist es schlicht der größere Markt. Dass etwa Marian Kogler, mit 17 jüngster Absolvent der TU Wien, nach seinem Informatikstudium in Deutschland landete, hat einen Grund: In Österreich bekam er kein Angebot. Der Mathematiker Martin Nowak, eines der Aushängeschilder unter den Auslandsforschern, nennt eine Hauptmotivation für seine Entscheidung, ins Ausland zu gehen: Er habe in Österreich vor allem eines vermisst – das Selbstvertrauen. „Ich war als Student an der Uni Wien brennend an Forschung interessiert und hatte immer den Eindruck, das wirklich Faszinierende passiert im Ausland.“ Nach Stationen in Oxford und Princeton landete er ebenfalls in Harvard, wo er seit 2003 Professor für Mathematik und Biologie ist.

Dass gerade die USA (junge) Wissenschaftler anziehen, ist nicht neu. Einerseits liegt dies an der Klasse der dortigen Top-Forschungsunis, was sich auch im Lebenslauf äußerst gut macht („been to America“, nennt Breinbauer das). Forscher finden dort völlig andere Voraussetzungen, um ihren Tätigkeiten nachzugehen – nicht zuletzt, was das Gehalt und die Ausstattung betrifft. Dazu kommt andererseits auch die Mentalität: Die Aufgeschlossenheit der Amerikaner gegenüber Neuem, die Risikobereitschaft, die „Do it“-Mentalität, sind Punkte, die Forscher wieder und wieder loben, wenn sie von den USA sprechen. „Die jungen Leute haben hier das Gefühl, ihnen gehört die Welt“, sagt Nowak. „Einer meiner Studenten sagte kürzlich zu mir: Wenn er es nur richtig mache, könne er es sein, der das nächste Google gründet.“ Talente werden bestmöglich gefördert, junge Wissenschaftler zu Bestleistungen angespornt.


Straff, streng, hierarchisch. In Österreich sind die Strukturen dagegen straffer, strenger, hierarchischer. Jungwissenschaftler müssen oft jahrelang ihrem Professor zuarbeiten. „Einfach zum Professor zu gehen und zu sagen: ,Ich interessiere mich jetzt dafür‘, wäre in Österreich sicher nicht so einfach gewesen“, sagt Michor. Dass wissenschaftlicher Nachwuchs ins Ausland geschickt wird, gehört zum Konzept der österreichischen Universitäten: Es sei gut, dass junge Leute weggehen, hört man oft. So sammle man wichtige Erfahrungen, erweitere seinen Blickwinkel. Doch wie verhindert man einen „Brain Drain“ – und verwandelt die Auslandserfahrungen in eine „Brain Circulation“?

Grundsätzlich gelte, sagt Breinbauer, dass viele den Auslandsaufenthalt als Engagement auf Zeit sehen. Nur eine Minderheit der Forscher, die Breinbauer befragte – er konzentrierte sich auf die Mathematik, eine Disziplin, die weltweit einsetzbar ist –, hatte vor, permanent zu bleiben. Nach ein paar Jahren wünschen sich viele, wieder nach Österreich zurückzukehren – zumeist aus persönlichen Gründen, manchmal auch aus beruflichen. Nicht zuletzt seit der Wirtschaftskrise. Auch in den USA werden die Zeiten härter, bei Vergabe von Forschungsmitteln ist man restriktiver, es ist für Forscher zunehmend schwieriger, an Grants zu kommen. „Europa und auch Österreich sind deshalb wieder attraktiver geworden“, sagt Philipp Marxgut, der in Washington das österreichische Büro für Wissenschaft und Technologie (OST) leitet.

Nur: Je länger die Wissenschaftler im Ausland sind, desto schwieriger wird eine Rückkehr. Einerseits, weil sie immer verwurzelter sind. Sie haben sich im Ausland ein Leben aufgebaut, Partner, eine Familie. Und es ist nach längerer Zeit im Ausland teils nicht leicht, beruflich in Österreich wieder Fuß zu fassen. „Die Netzwerke spielen hier eine sehr große Rolle“, sagt Breinbauer. Österreich betreibt hier seit einigen Jahren intensive Bemühungen – ein Teil davon ist das OST in Washington, ein ähnliches Büro wird derzeit in China aufgebaut. In Nordamerika gibt es das Netzwerk Ascina („Austrian Scientists and Scholars in North America“), die Initiative „Brainpower“ der FFG hilft Top-Forschern mit einer Online-Jobbörse und kostenloser Unterstützung, etwa bei der Wohnungssuche oder der nach Schulen für die Kinder.

Allerdings ist die Frage, ob es denn tatsächlich auf Rückkehrinitiativen ankommt, um Top-Forscher wieder nach Hause zu holen. Viel wichtiger seien realistische Karriereperspektiven, sagt Breinbauer. Seine Mathematiker empfehlen vor allem institutionelle Verbesserungen: Internationalisierung, Berufungen nach meritokratischen Kriterien, Aufbau erstklassiger Forschungseinrichtungen, flachere Hierarchien, Bürokratieabbau. Damit ist man in Österreich nicht allein: In Deutschland wandten sich über 100 Wissenschaftler, die gern zurückkehren wollten, im Vorjahr mit einer Wunschliste an den Bundespräsidenten. Ihre Forderungen: weniger Bürokratie und Hierarchie, mehr Geld und Flexibilität.


Prominente Rückkehrer. „Wenn Rahmenbedingungen und Umfeld passen, kehren manche wieder zurück“, sagt Breinbauer. Ein prominenter Fall: der Immunologe Josef Penninger, der 2003 nach Österreich zurückkehrte und seitdem das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften leitet.

Martin Nowak hat indes nicht vor, in näherer Zukunft zurückzukehren. Er zweifelt überhaupt am Sinn von Initiativen, die speziell Österreicher zur Rückkehr nach Hause motivieren wollen. „Man muss nicht notwendigerweise die Österreicher zurückholen. Es ist ja für ein Land auch etwas Gutes, Leute im Ausland zu haben.“ Es sollte vielmehr prinzipiell darum gehen, die besten Köpfe zu bekommen. „In erster Linie muss man sich bemühen, entsprechende Bedingungen anzubieten, damit die guten Leute einfach kommen wollen – egal woher.“

Vor allem mit dem Institute of Science and Technology (ISTA) in Gugging sei man da auf einem guten Weg – wie die Rekrutierung echter Starforscher wie Nick Barton oder Peter Jonas beweist. ISTA-Chef Tom Henzinger ist seinerseits ein waschechter Österreicher, der seine steile Karriere in den USA nun in Österreich fortführt.

Forscher
6500

bis 10.000
österreichische Forscher arbeiten Schätzungen zufolge im Ausland. Top-Destinationen sind Deutschland, die USA und die Schweiz.

2000

bis 3000
von ihnen sind, ebenfalls geschätzt, in Nordamerika tätig.

100

deutsche Forscher
im Ausland wandten sich im Vorjahr mit einer Wunschliste an den Präsidenten: Sie fordern mehr Geld und Flexibilität, weniger Hierarchie und Bürokratie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)

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6 Kommentare
Gast: Merito
21.10.2012 17:09
0 0

Berufung nach meritokratischen Kriterien

Das ist wahrscheinlich der springende Punkt: und nicht nach Netzwerkzugehörigkeit, Bekanntschaft/Freundschaft mit dem Landeshauptmann usw.

Gegenwärtig ist gerade die Mittelmäßigkeit bzw. Unterdurchschnittlichkeit die beste Voraussetzung für eine Berufung.

Die Berufungskommissionen werden zudem lokal eingesetzt und lokal gesteuert. Gegenwärtig gehen ja ein paar ganz interessante Schmankerln diesbezüglich durch die Medien. Leute. die bei ihrer Habilitationsschrift geschwindelt haben und nicht eine einzige Publiktion in der relevanten Wissenschaftssprache haben, werden berufen. Das gibt es nur im Ösiland.

Gast: Xiongerl
21.10.2012 10:44
1 0

man kann eigentlich nicht mehr zurück!

Das Hauptproblem ist die Altersvorsorge:
1. der Pensionsanspruch wird durch die verkürzte Zeit in Österreich kaum erworben
2. das Gehalt in Österreich reicht nicht aus, um die private Vorsorge fortzusetzen
Ich war schon im Ausland und habe zwar einen ausländischen Versicherungsanspruch, der macht aber den Verlust in Österreich nicht wett. Nun gehe ich wieder ins Ausland und muss selber vorsorgen. Die einzige Entscheidung die blieb: für immer weg bleiben, sonst stürzt man auf 800 € ASVG-Pension ab und hat zu wenig Erspartes.
Man darf in Bezug auf die USA nicht vergessen, dass dort viel mehr Menschen um die Topjobs konkurrieren als hier. Was einfacher ist, ist die Umsetzung eigener Ideen, wo es kaum Konkurrenz gibt. Egal ob man von universitären Spin-offs redet, oder von Firmengründung, man kann Ideen zu Geld machen, den es gibt einen funktionierenden Kapitalmarkt dafür. So kann man sich von Privatinvestoren Millionen holen - so was ist in Europa undenkbar.
Ausserdem denken wir nur in der österreichischen Dimension, anstatt die Gründermöglichkeiten auf europäischer Ebene neu zu gestalten.
Das österreichische Recht macht es unmöglich ein Gründungsrisiko im Hightechbereich einzugehen. Wer einmal scheitert, der darf keine geschäftsführende Position mehr einnehmen und ist auf Lebenszeit ruiniert. Ich würde keinem Unternehmer trauen, der nicht schon durch die Hölle der Scheiterns gegangen ist. Diese Philosophie spiegelt sich im Recht einiger Länder wieder, nur nicht bei uns.

Antworten Gast: jajajo
22.10.2012 16:33
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Re: man kann eigentlich nicht mehr zurück!

Ja, da stimme ich Ihnen vollkommen zu.
Das fängt mit der Pensionsvorsorge an, geht dann dazu über das man sich nicht selbstversichern kann wenn man "nur" EU-Ausland Versicherung hatte und endet dabei dass einen amerikanischer Doktortitel einen nicht dazu befähigt sich selbst auch "Dr" zu nennen. Weil dass kann man ja nur wenn es ein Titel der EU ist (ob das nun ein Harvard oder MIT Titel ist, ist in Österreich wurscht)...
Also ich bin am überliegen wieder "zurück" ins Ausland zu gehen. Einen "Ja wir wollen Euch wieder in Austria haben" Empfang stellt man sich anders vor...

0 3

Kritikfähigkeit ?

Das US-System muss unbedingt differenzierter und kritischer betrachtet werden.

Wer finanziert?

Worüber darf geforscht werden?

Was wird erreicht? Wie viel Wahrheit verträgt Forschung?

Studieren auf Kosten der Steuerzahler sollte es nicht mehr geben, gerade wegen dieser "Flüchtlinge".


Gast: zylmurbafi
21.10.2012 02:19
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na ja. die eierköpfe haben wieder einmal die klugheit

mit der schöpfkelle gelöffelt. was kann denn so ein schnipferland wie ösiland schon mit einem mickeymousebudget forschen. auf bestimmte teilbereiche müssten wir uns konzentrieren. heurigenforschung z.b. raunzerkulturforschung wäre auch ein thema. und wie bleibe ich grössenwahnsinnig.

Antworten Gast: Gasti
22.10.2012 07:54
4 0

Re: na ja. die eierköpfe haben wieder einmal die klugheit

Wissen Sie, grosses in der Forschung ist nicht nur durch Geld zu erreichen. Erfolg haengt vor allem auch von der Kultur ab.

Wer Leistung und Einsatz bestraft, wird Nachteile haben. Wer der breiten Bevoelkerung weiss macht, dass Menschen die sich durch Leistung Wohlstand erarbeiten, kriminell sind, wird auch Nachteile haben. Wer Tachinierer belohnt, wird Nachteile haben. Wer Schueler schlecht ausbildet, ist nicht zu retten.

So betrachtet, erntet Oesterreich nur die Fruechte jahrzehntelanger sozialistischer Arbeit. Und das ist erst der Anfang.