Von Wien nach Harvard: Franziska Michor hat eine beeindruckende Karriere hingelegt für eine junge Wissenschaftlerin: Nach dem Studium an der Uni Wien – Molekularbiologie und Mathematik – geht sie nach Harvard, promoviert dort mit 22. Nach Postdoc-Jahren ebenfalls an der US-Eliteuni macht sie einen Abstecher nach New York, seit zwei Jahren ist sie wieder in Harvard. Dort leitet die 30-Jährige ein zehnköpfiges Team am Dana-Farber-Institut für Krebsforschung, das Labor trägt ihren Namen. Ob all das auch in Österreich möglich gewesen wäre? Wohl kaum, sagt Michor.
Sie ist eine von zwei- bis dreitausend Österreichern, die in Nordamerika forschen. Genaue Zahlen gibt es nicht, keine heimische Institution verfolgt, wie viele Österreicher an ausländischen Universitäten und Forschungsinstituten tätig sind. Andreas Breinbauer, mittlerweile Rektor der Fachhochschule des BFI Wien, hat für seine Dissertation drei Jahre lang zu diesem Thema geforscht. Auch er kann die Zahl der heimischen Forscher im Ausland nur grob schätzen: Zwischen 6500 und 10.000 seien im Ausland tätig. Top-Destination für die Wissenschaftler ist demnach Deutschland, gefolgt von den USA – vor allem im Postdoc-Bereich – und der Schweiz.
Was ist so attraktiv am Ausland? Manchmal ist es schlicht der größere Markt. Dass etwa Marian Kogler, mit 17 jüngster Absolvent der TU Wien, nach seinem Informatikstudium in Deutschland landete, hat einen Grund: In Österreich bekam er kein Angebot. Der Mathematiker Martin Nowak, eines der Aushängeschilder unter den Auslandsforschern, nennt eine Hauptmotivation für seine Entscheidung, ins Ausland zu gehen: Er habe in Österreich vor allem eines vermisst – das Selbstvertrauen. „Ich war als Student an der Uni Wien brennend an Forschung interessiert und hatte immer den Eindruck, das wirklich Faszinierende passiert im Ausland.“ Nach Stationen in Oxford und Princeton landete er ebenfalls in Harvard, wo er seit 2003 Professor für Mathematik und Biologie ist.
Dass gerade die USA (junge) Wissenschaftler anziehen, ist nicht neu. Einerseits liegt dies an der Klasse der dortigen Top-Forschungsunis, was sich auch im Lebenslauf äußerst gut macht („been to America“, nennt Breinbauer das). Forscher finden dort völlig andere Voraussetzungen, um ihren Tätigkeiten nachzugehen – nicht zuletzt, was das Gehalt und die Ausstattung betrifft. Dazu kommt andererseits auch die Mentalität: Die Aufgeschlossenheit der Amerikaner gegenüber Neuem, die Risikobereitschaft, die „Do it“-Mentalität, sind Punkte, die Forscher wieder und wieder loben, wenn sie von den USA sprechen. „Die jungen Leute haben hier das Gefühl, ihnen gehört die Welt“, sagt Nowak. „Einer meiner Studenten sagte kürzlich zu mir: Wenn er es nur richtig mache, könne er es sein, der das nächste Google gründet.“ Talente werden bestmöglich gefördert, junge Wissenschaftler zu Bestleistungen angespornt.
Straff, streng, hierarchisch. In Österreich sind die Strukturen dagegen straffer, strenger, hierarchischer. Jungwissenschaftler müssen oft jahrelang ihrem Professor zuarbeiten. „Einfach zum Professor zu gehen und zu sagen: ,Ich interessiere mich jetzt dafür‘, wäre in Österreich sicher nicht so einfach gewesen“, sagt Michor. Dass wissenschaftlicher Nachwuchs ins Ausland geschickt wird, gehört zum Konzept der österreichischen Universitäten: Es sei gut, dass junge Leute weggehen, hört man oft. So sammle man wichtige Erfahrungen, erweitere seinen Blickwinkel. Doch wie verhindert man einen „Brain Drain“ – und verwandelt die Auslandserfahrungen in eine „Brain Circulation“?
Grundsätzlich gelte, sagt Breinbauer, dass viele den Auslandsaufenthalt als Engagement auf Zeit sehen. Nur eine Minderheit der Forscher, die Breinbauer befragte – er konzentrierte sich auf die Mathematik, eine Disziplin, die weltweit einsetzbar ist –, hatte vor, permanent zu bleiben. Nach ein paar Jahren wünschen sich viele, wieder nach Österreich zurückzukehren – zumeist aus persönlichen Gründen, manchmal auch aus beruflichen. Nicht zuletzt seit der Wirtschaftskrise. Auch in den USA werden die Zeiten härter, bei Vergabe von Forschungsmitteln ist man restriktiver, es ist für Forscher zunehmend schwieriger, an Grants zu kommen. „Europa und auch Österreich sind deshalb wieder attraktiver geworden“, sagt Philipp Marxgut, der in Washington das österreichische Büro für Wissenschaft und Technologie (OST) leitet.
Nur: Je länger die Wissenschaftler im Ausland sind, desto schwieriger wird eine Rückkehr. Einerseits, weil sie immer verwurzelter sind. Sie haben sich im Ausland ein Leben aufgebaut, Partner, eine Familie. Und es ist nach längerer Zeit im Ausland teils nicht leicht, beruflich in Österreich wieder Fuß zu fassen. „Die Netzwerke spielen hier eine sehr große Rolle“, sagt Breinbauer. Österreich betreibt hier seit einigen Jahren intensive Bemühungen – ein Teil davon ist das OST in Washington, ein ähnliches Büro wird derzeit in China aufgebaut. In Nordamerika gibt es das Netzwerk Ascina („Austrian Scientists and Scholars in North America“), die Initiative „Brainpower“ der FFG hilft Top-Forschern mit einer Online-Jobbörse und kostenloser Unterstützung, etwa bei der Wohnungssuche oder der nach Schulen für die Kinder.
Allerdings ist die Frage, ob es denn tatsächlich auf Rückkehrinitiativen ankommt, um Top-Forscher wieder nach Hause zu holen. Viel wichtiger seien realistische Karriereperspektiven, sagt Breinbauer. Seine Mathematiker empfehlen vor allem institutionelle Verbesserungen: Internationalisierung, Berufungen nach meritokratischen Kriterien, Aufbau erstklassiger Forschungseinrichtungen, flachere Hierarchien, Bürokratieabbau. Damit ist man in Österreich nicht allein: In Deutschland wandten sich über 100 Wissenschaftler, die gern zurückkehren wollten, im Vorjahr mit einer Wunschliste an den Bundespräsidenten. Ihre Forderungen: weniger Bürokratie und Hierarchie, mehr Geld und Flexibilität.
Prominente Rückkehrer. „Wenn Rahmenbedingungen und Umfeld passen, kehren manche wieder zurück“, sagt Breinbauer. Ein prominenter Fall: der Immunologe Josef Penninger, der 2003 nach Österreich zurückkehrte und seitdem das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften leitet.
Martin Nowak hat indes nicht vor, in näherer Zukunft zurückzukehren. Er zweifelt überhaupt am Sinn von Initiativen, die speziell Österreicher zur Rückkehr nach Hause motivieren wollen. „Man muss nicht notwendigerweise die Österreicher zurückholen. Es ist ja für ein Land auch etwas Gutes, Leute im Ausland zu haben.“ Es sollte vielmehr prinzipiell darum gehen, die besten Köpfe zu bekommen. „In erster Linie muss man sich bemühen, entsprechende Bedingungen anzubieten, damit die guten Leute einfach kommen wollen – egal woher.“
Vor allem mit dem Institute of Science and Technology (ISTA) in Gugging sei man da auf einem guten Weg – wie die Rekrutierung echter Starforscher wie Nick Barton oder Peter Jonas beweist. ISTA-Chef Tom Henzinger ist seinerseits ein waschechter Österreicher, der seine steile Karriere in den USA nun in Österreich fortführt.
bis 10.000
österreichische Forscher arbeiten Schätzungen zufolge im Ausland. Top-Destinationen sind Deutschland, die USA und die Schweiz.
bis 3000
von ihnen sind, ebenfalls geschätzt, in Nordamerika tätig.
deutsche Forscher
im Ausland wandten sich im Vorjahr mit einer Wunschliste an den Präsidenten: Sie fordern mehr Geld und Flexibilität, weniger Hierarchie und Bürokratie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)
