Viele Frauen achten während ihrer Schwangerschaft und Stillzeit besonders auf ihre Ernährung, um sich selbst und ihr ungeborenes Baby mit den richtigen Nährstoffen zu versorgen. Die Nahrungsaufnahme ist neben Luft und Wasser aber auch ein Aufnahmepfad für verschiedene Umweltschadstoffe wie etwa Methylquecksilber. Ob und in welcher Konzentration sich dieses Schwermetall auch im Blut von Neugeborenen nachweisen lässt, war eine der Kernfragen, auf die man im dreijährigen Projekt „Umwelt-Mutter-Kind“ (Um-MuKi) nach Antworten suchte.
Das Umweltbundesamt und das Institut für Medizinische Genetik der Med-Uni Wien arbeiteten dabei eng mit dem genetischen Labor Medgene in der Slowakei zusammen. Bei dem von der EU geförderten Kooperationsprojekt spielten regionale Unterschiede zwischen Wien und Bratislava eine zentrale Rolle und sollten helfen, die Zusammenhänge zwischen Umwelt, Lebensgewohnheiten und Schadstoffbelastung besser zu verstehen. Durch die Kombination unterschiedlicher Methoden konnten die Forscher nicht nur die gegenwärtige Belastungssituation von 200 Mutter-Kind-Paaren analysieren, sondern auch mögliche Ursachen ausfindig machen. Das Projekt lieferte somit erste Daten über die Belastung von Schwangeren und Ungeborenen mit Blei, Quecksilber, Bisphenol A und perfluorierten Tensiden. Zusätzlich wurden Blutproben von Neugeborenen auf Methylquecksilber untersucht. Die größte Überraschung dabei: Obwohl Wien und Bratislava nicht einmal 60 Kilometer voneinander entfernt sind, gab es große Unterschiede bei der Schadstoffbelastung.
Methylquecksilber ist eine organische Quecksilberverbindung und hochgiftig. Der Mensch nimmt es hauptsächlich über den Verzehr von fettreichem Raubfisch – etwa Makrelen, Barschen, Hechten oder Thunfischen – auf. Während der Schwangerschaft gelangt die Substanz auch in den Organismus des Ungeborenen: Wegen seiner Fettlöslichkeit passiert Methylquecksilber sowohl die Plazenta- als auch die Blut-Hirn-Schranke. „Ab welchem Wert es zu Schädigungen kommen kann, ist allerdings fraglich, da die Datenlage dazu noch sehr widersprüchlich ist“, erklärte Claudia Gundacker (Med-Uni Wien) bei einem Symposium in der Vorwoche, auf dem die Projektergebnisse präsentiert wurden. Besonders überrascht hat die beteiligten Forscher, dass die regionalen Unterschiede hinsichtlich der Belastung mit Methylquecksilber sehr groß sind. Der Vergleich der Konzentration von Methylquecksilber bei 40 Mutter-Kind-Paaren aus Wien und Bratislava zeigte: Die Blutproben aus Wien waren wesentlich stärker belastet als jene aus Bratislava. Warum? „Eine Hauptursache liegt offenbar beim Fischkonsum. Die Studienteilnehmerinnen aus Wien aßen deutlich mehr Fisch pro Woche als jene in Bratislava“, erklärte Monika Denner vom Umweltbundesamt. Dieser Zusammenhang war besonders stark ausgeprägt, weshalb die Experten empfehlen, dass Schwangere zu Fischarten mit minimaler Quecksilberbelastung und hohem Nährstoffgehalt (z.B. Lachs, Hering, Forelle) greifen sollten. Die Zahl der Amalgamplomben hatte übrigens keinen signifikanten Zusammenhang mit der Blutkonzentration.
Wurden perfluorierte Tenside oder Bisphenol A im Mutterblut nachgewiesen, dann war auch das Nabelschnurblut belastet. Das deutet darauf hin, dass diese Substanzen ebenfalls die Plazentaschranke überwinden können.
Alte Bleirohre. Auch der Vergleich zwischen Wien und Bratislava in puncto Bleibelastung sorgte für Überraschungen. Denn die Bleigehalte waren in Wien höher als in Bratislava. Ein Zusammenhang, der den Forschern besonders ins Auge stach, war die Wohnsituation. Vor allem jene Wienerinnen, die in Altbauten wohnten, die vor 1945 erbaut wurden, wiesen eine erhöhte Bleikonzentration im Blut auf. Dies führten die Experten auf die noch recht weit verbreiteten Bleirohre zurück. Aber auch das Alter spielte bei dieser Gruppe eine Rolle. „Für Blei werden derzeit Referenzwerte abgeleitet. Eine Risikobewertung ist entsprechend schwierig“, sagte die Projektleiterin Maria Uhl vom Umweltbundesamt.
Abgesehen von den Umwelteinflüssen und Lebensbedingungen wurde bei Um-MuKi gefragt, warum manche Menschen besonders empfindlich auf Schadstoffe reagieren und andere weniger. Der genetische Hintergrund könnte hier wichtige Zusammenhänge aufzeigen. „Zum Einfluss des genetischen Hintergrunds auf den Schadstoffstoffwechsel gibt es zwar vorläufige Ergebnisse“, erklärte Martin Gencik von Medgene – „für eine Interpretation ist es jedoch noch zu früh.“
Human-Biomonitoring ist ein Warnsystem für Umwelt und Gesundheit und basiert auf der tatsächlichen Schadstoffbelastung der Menschen. Während es in Deutschland oder den USA bereits Human-Biomonitoring-Programme gibt, fehlt ein solches bislang in Österreich. In der Slowakei werden immerhin schon bestimmte Risikogruppen untersucht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)
