Wie Narkose das Gehirn auseinandernimmt

05.11.2012 | 21:00 |  Von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Seit über 160 Jahren hilft die Medizin Patienten mit Betäubung über Schmerzen hinweg. Aber wie diese wirkt, war unbekannt. Nun zeigte sich, dass Hirnareale in Zeit und Raum voneinander entkoppelt werden.

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Jedermann möchte bei einer großen Entdeckung seine Hand mit im Spiel haben. Alles, was ich dazu tue, ist, Ihnen einen    Namen vorzuschlagen, der für die Wirkung dieses Stoffs benützt werden sollte. Der Zustand sollte, denke ich, ,Anästhesie‘ genannt werden (vom griechischen Wort anaisthesia, ,Fehlen der Sinnesempfindung‘).“ Das schrieb Oliver Wendell Holmes, ein US-Arzt und Dichter, am 21. November 1846 an Thomas Green Morton, einen Zahnarzt am Massachusetts General Hospital in Boston. Dieser hatte einem Patienten beim Zahnziehen mit einem betäubenden Gas über den Schmerz hinweggeholfen, er nannte es „Letheon“, vom griechischen lethe (vergessen).

Morton war nicht der Erste, schon am 30. März 1842 hatte Williamson Long einen Patienten anästhesiert – deshalb ist in den USA der 30. März „Doctor's Day“ –, und das Narkosemittel war auch nicht neu, schon der spanische Theologe und Alchemist Ramon Llull hatte 1275 damit experimentiert und es „Vitriol“ genannt. Noch älter war die Idee des „Schlafschwamms“, der wurde in allerlei betäubenden Essenzen gebadet. Man konzentrierte sie, indem man den Schwamm fast austrocknen ließ, dann drückte man ihn dem Patienten unter die Nase. Aber das blieben Ausnahmen, über Jahrhunderte behalf man sich in der asiatischen Heilkunde mit Akupunktur und in der westlichen mit Hypnose und Alkohol, bisweilen wohl auch mit Faustschlägen.

Öffentliche Demonstration: „Ether Day“

Die große Innovation kam erst mit Morton, er machte, anders als Long, sein Verfahren publik und stellte es am 16. Oktober 1846 in einer öffentlichen Operation vor, auch dieser Tag wird begangen, er heißt „Ether Day“, nach dem Betäubungsmittel: Diethylether, vulgo „Äther“. Mit dem Kunstnamen „Letheon“ hatte Morton verschleiern wollen, womit er sein Mirakel wirkte, er wollte reich werden, es misslang, Holmes war mit seiner Taufe erfolgreicher, „Anesthesia“ stand schon ein Jahr später im „Oxford English Dictionary“.

Aber wie es funktioniert, das abrupte Abgleiten in die Fühllosigkeit, weiß man bis heute nicht. Klar ist es nur bei lokaler Narkose, wenn etwa der Zahnarzt spritzt: Dann werden Nervenbahnen lahmgelegt, auf denen der Körper dem Gehirn Schmerz meldet. Aber was geht vor sich, wenn das ganze Gehirn in Bewusstlosigkeit versinkt? Es gibt zwei Hypothesen: Die eine vermutet, dass das wache Gehirn sich selbst organisiert und orchestriert – ohne Dirigenten –, und dass das unter Anästhesie verloren geht. Die andere setzt auf eine übergeordnete Instanz im Gehirn, die selbst benebelt wird.

Das an Menschen zu testen ist schwer, bildgebende Verfahren lösen nicht gut in der Zeit auf, EEGs nicht gut im Raum. Zudem kann man Menschen nicht einfach im Gehirn herumfuhrwerken, außer sie brauchen es aus anderen Gründen: Emery Brown – er arbeitet am gleichen General Hospital wie einst Holmes – fand Versuchspersonen, drei, Epileptiker. Denen wurden im Zug ihrer Therapie Elektroden ins Gehirn implantiert, Brown nutzte die Gelegenheit, zusätzliche Elektroden zu implantieren, zur Messung der Aktivitäten in einzelnen Zellen, Regionen und im gesamten Organ. Zur Therapie gehörte auch, dass die Patienten periodisch anästhesiert wurden – mit Propofol –, sie hörten nun zudem akustische Signale und drückten beim Wahrnehmen auf einen Knopf. Nach Sekunden drückte keiner mehr. Und die Sensoren in den Gehirnen meldeten eine völlig andere Aktivität: Zuvor arbeitete das gesamte Gehirn synchron. Nun waren zwar die einzelnen Hirnzellen durchaus aktiv, sie synchronisierten sich auch in Regionen. Aber die wurden voneinander entkoppelt, in der Zeit wie im Raum. (Pnas, 5. 11.)

Netzwerke intakt, aber isoliert

„Beim Bewusstseinsverlust durch Propofol bleiben lokale neuronale Netzwerke intakt, aber sie werden von den anderen isoliert“, schließt Brown. Und bei allen Vorbehalten – vielleicht gilt der Befund nur für Propofol, vielleicht spielten bei seinem Zustandekommen auch Medikamente mit, die die Patienten nahmen – ist Browns Mitarbeiter Patrick Purdon zuversichtlich, dass man aus der Kenntnis der veränderten Aktivitätsmuster das Dosieren betäubender Mittel in Zukunft wird optimieren können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2012)

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19 Kommentare

ad wildmann & vain

Ich stimme Hr. Langenbach zu. Wenn Sie sich nicht trauen, Ihren echten Namen zu verwenden bzw. paranoid genug sind, um unter Nicknames zu schreiben, empfehle ich Ihnen, das Posten generell einzustellen. Abgesehen davon ist eine Tonart wie "Mensch, sind Sie naiv" unter jeglichem Niveau. Sichtlich sind Sie auch nicht in der Lage, ein wenig mehr nachzudenken. Selbstverständlich wurden in früheren Zeiten Menschen bewusstlos geschlagen, halt nicht vom "Bader", wie die Ärzte früher hießen, sondern von deren Helfer. Bevor Sie also Hr. Langenbach etwas "empfehlen", sollten Sie etwas an sich selbst arbeiten …

Re: ad wildmann & vain

haben Sie nochmals Dank,
noch trauriger als die, die sich wenigstens artikulieren,
sind die, die einfach die Daumen heben oder senken,
rotrotrot haben Sie eingefahren,
das war einmal die Farbe der Revolution,
und in deren Versammlungen in Paris, in der die Öffentlichkeit geboren wurde, haben keine Kapuzenmänner geredet

(natuerlich findet jeder bessere Geheimdienst auch die, die beim Posten nur die Daumen heben und senken)

Niveau

Siehe Kommentar von Herrn Langenbach, um 22:06 Uhr, an Larry Wildmann.

Re: ad wildmann & vain

Haben Sie Dank,
sehr geehrte Frau Paul,
ich habe Ihr Posting erst jetzt gesehen
und vorher in meinem Abendzorn gegen die Herren (Damen?) Wildman und Vain zurückgeschlagen,
ich empfinde es wirklich als Unglück, wie die bürgerliche Öffentlichkeit von dieser Pseudonymerei - die den Mut hebt und die Schamgrenze senkt - ruiniert wird,
haben Sie noch einen guten Abend

Re: Re: ad wildmann & vain

wissen sie, wenn die bürgerliche Öffentlichkeit (geneuer meine bürgerliche Person) von Leuten, meist Links, Grün und Kommunistisch angesiedelt, ab vielleicht ungewöhnlicheren, meist aber streng kategorisierend (naja, nicht immer) auf Grund seines Namens einer bestimmten Gruppe zugeordnet wird, dann ist es mit der Offenheit vorbei.
da ist mir mein Pseudo lieber, auch wenn hier manche glauben, kleinlich rechnen zu müssen.

Re: ad wildmann & vain

Das war mir schon klar, dass Menschen früher bewusstlos "geschlagen" wurden. Nur, dass dafür mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht die eigenen Hände benutzt wurden (wie Herr Langenbach schrieb), sondern eher ein Stock oder ähnliches. Warum auch sollte man sich die eigene Hand verletzen, hm?

Nachsatz:

Die Regeln bei der DiePresse.com sind aber schon so, dass man nicht mit Echtnamen kommentieren muss, oder? Also, beschweren Sie sich bei denen.

Re: Re: ad wildmann & vain

nein, man macht sich nicht vor Regeln klein und redet sich schon garnicht auf Regeln hinaus, sondern handelt respektive postet so, wie man es für richtig hält

Re: Re: Re: ad wildmann & vain

Community Richtlinien aus derStandard.at

8. Persönliche und personenbezogene Daten (Namen, Adressen, Telefonnummern, etc.) dürfen von Ihnen nicht veröffentlicht werden

Propofol eine Wundernarkose

Ich habe persönlich einen Eingriff unter Propofol durchgemacht. Es war für mich die beindruckenste "Narkose". Zum Unterschied zu einer "gewöhnlichen" Narkose, wo man irgendwie einschläft und dann wieder wie vom Schlaf erwacht, als ob man geschlafen hätte. Aber unter Propofol glaubt man, dass man die ganze Zeit wach zu sein. Der Zeitablauf wird ausgeschnitten. Man hat nicht das leiseste Gefühl irgendwie abwesend gewesen zu sein. Man spricht mit dem Operateur und fragt diesen, wann er denn mit der Operation beginnt und dieser antwortet, dass alles bereits vorbei ist. Und alles hätte eine Viertelstunde gedauert. Unfaßbar.

"...bisweilen wohl auch mit Faustschlägen." - Wie ist das zu verstehen?

Re:

so wie es da steht,
es wird schon einmal im Mittelalter ein mitfühlender Zahnarzt einen Patienen vor der Extraktion ko geschlagen hat,
und früher und später auch

Im Übrigen wäre ich wie immer sehr dankbar,
wenn Sie unter Klarnamen posten könnten,
ich weiß wirklich nicht, was diese Pseudonymerei soll
ich erinnere mich hingegen sehr gut, dass man in der guten alten Zeit anonyme Leserbriefe ungeöffnet weggeworfen hat,
und das hatte schon seinen guten Grund,
wer in die bürgerliche Öffentlichkeit geht, und ich begrüße jeden, der das tut,
hat Namen und Adresse und steht damit für seine Meinung ein,
ich tue das ja auch,
warum Sie nicht?

Re: Re:

Mensch sind Sie naiv. Anscheinend haben Sie noch nie etwas von Datenschutz und vom Vorgehen der Nachrichtendienste gehört. Ich empfehle Ihnen sich einmal dahingehend fortzubilden, dann haben Sie nämlich in Kürze ein Aha-Erlebnis.

PS: Ich komme aus dem Bereich IT-Security und weiß wovon ich spreche.

Re: Re: Re:

sogar meine Antworten kommen bisweilen nicht durch,
sind sicher Geheimdienste dahinter,
deshalb auf die Gefahr der Wiederholung:

Sie müssen ein sehr wichtiger Mann (oder Frau?) sein, dass Nachrichtendienste Ihre Postings zu einem Wissenschaftsartikel in der "Presse" dokumentieren,

ich habe schon viele ähnlich traurige Gestalten respektive - pardon, Frau Paul - Hosenscheisser erlebt ("ich poste anonym, weil mein Chef mitlesen könnte"),
was machen Sie eigentlich, wenn es wirklich einmal ernst wird mit der freien Rede und der ganzen Gesellschaft der Citoyens, auf die Sie sich permanent berufen?

Re: Re: Re:

Was sind Sie eine traurige Gestalt,
Sie scheissen sich schon in die Hosen, wenn Sie irgendetwas zu einem Wissenschaftsbericht in der "Presse" posten,
weil das ja einen Nachrichtendienst interressieren könnte,
so wichtig sind Sie?

da bleibe ich lieber ganz naiv und kämpfe als citoyen mit offenem Visier

ich weiss schon, dass mir das von den noch Timideren ("ich poste anonym, weil mein Chef das mitlesen könnte"), mehr rot in der Bewertung bringt,
aber bitte, drücken Sie nur in Ihrer Feigheit!

Re: Re:

Sie schrieben: "Bisweilen auch mit Faustschlägen" und das kann so eben nicht stimmen! Wenn Sie eine Person mit Faustschlägen k.o. schlagen, dann ziehen Sie mit selbiger Hand keinen Zahn mehr. Ich denke eher, dass ein entsprechendes Utensil dazu verwendet wurde.

MfG

Re: Re: Re:

wenn keine kommt, kommt auch von mir keine mehr

Re: Re: Re:

ach gottchen,
es gibt ja eine linke Hand und eine rechte

sehr dankbar wäre ich ihnen für eine Antwort auf mein postskript

Loblied der Narkose

Toll! Und das ganze ist natürlich völlig unschädlich, ihr Komiker ,,,

Re: Loblied der Narkose

wie schädlich ists wohl, wenn man bei vollem bewusstsein aufgeschlitzt wird?

die frage sollte man sich vlt auch stellen ;)

Wissenskommentar

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