Erschuf sich H.sapiens mit der Pfeilspitze?

07.11.2012 | 18:18 |   (Die Presse)

Vor 71.000 Jahren entwickelten unsere Ahnen in Südafrika eine Technik, die Geist brauchte.

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Wir sind „moderne Menschen“, so heißen wir in der Terminologie der Anthropologen, gemeint ist zweierlei. Zum einen unser Körperbau, er ist graziler als der unserer Ahnen und auch als jener der Neandertaler, von denen unsere Ahnen sich vor 600.000 Jahren abspalteten. Wann sie dann „modern“ wurden – Homo sapiens –, ist schon beim Körper erstaunlich unklar, manche halten diese Entwicklung für 200.000 Jahre alt, andere geben ihr 100.000 Jahre.

Noch schwieriger ist es mit dem zweiten Charakteristikum unserer Modernität, mit dem Geist. Man streitet sogar über seine Definition, einig ist man sich nur darüber, dass der Geist in Zungen redete: Sprache hatte. Aber was ist das Grundlegende der Sprache, die Fähigkeit zur Abstraktion und damit zum Umgang mit Symbolischem? Oder die Fähigkeit, in einer logischen Abfolge zu denken und planen? In den letzten Jahren setzte man auf Symbole, zerfiel da aber gleich wieder in zwei Lager: Für das eine kam der moderne Mensch samt Sprache spät und in Europa, vor etwa 40.000 Jahren, die ersten Zeugnisse sind die Höhlenmalereien.

 

Sorgsam gefertigt: Mikrolithen

Für die anderen ist auch Schmuck ein Symbol, und der wurde schon vor über 100.000 Jahren getragen, in Marokko, dort perforierte man Häuser von Meeresschnecken, später fand sich Ähnliches in Höhlen in Spanien, die von Neandertalern bewohnt waren. Gegen beide steht die dritte Fraktion, sie setzt auf Technik und Logik als Fundamente der Modernität, hatte aber in der letzten Zeit keine ergiebigen Funde.

Nun zieht sie nach: In Südafrika wurde vor 71.000 Jahren ein völlig neuer Waffentyp entwickelt, der Pfeil, und mit ihm auch der Bogen. Der hielt der Zeit nicht stand, die Pfeile taten es auch nicht, aber ihre Spitzen sind noch da, Curtis Marean (Arizona State University) hat zentimeterkleine Steinsplitter gefunden („Mikrolithen“), die mühsam und sorgsam bearbeitet worden waren, in vielen Schritten – unter anderem mit Feuer – und über lange Zeiten (Nature, 7.11.). Das brauchte Planen und Erinnerung, das machte unsere Ahnen modern und zu Beherrschern der Erde, denn dieser Waffe war niemand gewachsen, keine Beute, kein Gegner. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2012)

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