„Wir sind verantwortlich für Tiere, aber auch für Wissen“

Die Novelle des Tierversuchsgesetzes sorgt für heftige Debatten nicht nur unter Tierschützern, sondern auch für Nachdenken in der Fachwelt. Unsere moralische Verantwortung umfasst mittlerweile auch Tiere.

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(c) Animal Spirit (Animal Spirit)

Für den Ethiker ist eine Sache klar: „Tiere haben in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert als noch vor 30 oder 40 Jahren. Unsere moralische Verantwortung umfasst mittlerweile auch Tiere. Und solange wir uns als moralisch verantwortliche Wesen verstehen, sollten wir dieser Verantwortung auch Rechnung tragen“, sagt Herwig Grimm, Professor für Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli Institut an der Vet-Med-Uni Wien.

Was das konkret bedeutet, wird an einer aktuellen heftigen Debatte deutlich – über Tierversuche. Wie berichtet, muss das österreichische Tierversuchsgesetz novelliert werden, weil es eine neue EU-Richtlinie gibt, die diesen Bereich europaweit harmonisiert. Dadurch soll ein Mindeststandard eingezogen werden, der auch dafür sorgt, dass Tierversuche nicht unnötigerweise doppelt gemacht werden müssen, nur weil ein Staat Tests in einem anderen Land nicht anerkennt.

Das Wissenschaftsministerium hat in Abstimmung mit den Ministerien für Gesundheit, Wirtschaft und Landwirtschaft einen Gesetzesvorschlag erarbeitet – der aber keiner Seite recht ist, wie am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion erneut deutlich wurde, zu der das Wissenschaftsministerium und die Vet-Med-Uni geladen hatten.


Gefahr für Standort? Martin Balluch (Verein gegen Tierfabriken) listete viele Kritikpunkte an dem Entwurf auf: Er fordert die Einführung einer Versuchstier-Ombudsschaft, eine durchgängige rückwirkende Kontrolle, mehr Transparenz – v.a. durch Offenlegung des Versuchsablaufs schon in der Antragsphase –, Fachgremien bei der Genehmigung und einen bindenden Kriterienkatalog für die Beurteilung.

Vertreter der Wissenschaft und der Industrie betonten dagegen die Unverzichtbarkeit von Tierversuchen in vielen Bereichen. Michael Freissmuth, Pharmakologe an der Med-Uni Wien, verwies darauf, dass bei jedem der letzten zehn Medizinnobelpreise Tierversuche wesentlich war. Selbst Vitamin C oder Insulin wären ohne diese nicht entdeckt worden. Schon in den vergangenen Wochen hatten die Akademie der Wissenschaften, die vier Medizin-Unis, die Institute CeMM, IMBA und IMP, die Pharmaindustrie und zuletzt Forschungsratschef Hannes Androsch vor zu strengen Vorschriften gewarnt, weil sie den Forschungsstandort Österreich gefährden könnten.


Zwei Seiten der Medaille. „An solchen Debatten wie heute sieht man: Tierschutz ist ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen geworden“, kommentierte der Ethiker Grimm. „Wenn man Tierversuche allerdings nur unter dem Aspekt des Tierschutzes diskutiert, dann vergisst man eine zweite Seite der Medaille. Wir müssen uns auch die Frage stellen: Auf welches Wissen können oder wollen wir verzichten?“ Wer stelle sich z.B. vor einen Patienten und übernehme die Verantwortung, dass man auf Wissen über eine Krankheit verzichtet hat, weil man auf einen Tierversuch verzichtet hat? „Da darf man sich keiner Illusion hingegeben: Wir kommen da nicht mit einer moralisch weißen Weste heraus.“

Was also tun? Bei der Debatte wurden zwei mögliche Auswege aus dem Dilemma deutlich: Zum einen müsse die Suche nach Ersatzmethoden für Tierversuche verstärkt werden. „Überall, wo man akute Effekte testet, gibt es bereits Alternativen“, berichtete Klaus Schröder (ZET, Zentrum für Ersatz und Ergänzungsmethoden). Aber wo es um systemische Effekte geht, sei es schwierig, Ersatzmethoden zu finden. Das gilt auch für komplexe Krankheiten wie z.B. Krebs, die in Zellkulturen nicht umfassend untersucht werden können.

Einen zweiten möglichen Ausweg könnten objektive Kriterienkataloge weisen. „Ein Kriterienkatalog ist eine standardisierte Bewertungsmethode mit Kriterien, die man durcharbeiten muss“, erläutert Grimm, der einen derartigen Katalog nun im Auftrag des Wissenschaftsministerium erstellt. Dieser soll nicht nur die Belastungen bewerten, sondern auch den Nutzen. Und das ist das Problem: „Tierversuche haben keinen direkten sofortigen Nutzen, sondern nur einen potenziellen Nutzen.“ Nachsatz: „Deswegen macht man ja einen Tierversuch – man weiß nicht, was herauskommt.“

Grimms Team analysiert nun existierende Kriterienkataloge – die unterschiedlich gut arbeiten –, um davon zu lernen. Was ihm wichtig ist: Die Quantifizierung der Belastungen und des Nutzens solle nicht nur von Forschern vorgenommen werden, sondern von allen Stakeholdern in diesem Bereich. Ein Allheilmittel sei ein Kriterienkatalog aber nicht, betont der Ethiker. „Er kann sicher nicht zur Eliminierung von 90 Prozent der Tierversuche führen. Aber er kann eine Unterstützung sein, damit Wissenschaftler ihrer Verantwortung nachkommen können.“

Tierversuche

In Österreich wurden im Jahr 2011 an insgesamt 191.288 Tieren Versuche durchgeführt. An erster Stelle stehen dabei Mäuse (153.153), gefolgt von Kaninchen (15.633), Ratten (9026), Meerschweinchen (3797) und Fischen (3267). In den Statistiken tauchen aber auch andere Tierarten wie
Vögel (1940), Schweine (1553),
Schafe (683), Amphibien (176), Hamster (125) oder Marder (12) auf.

68.435 Versuchstiere wurden für die biologische Grundlagenforschung verwendet, 63.019 für die Herstellung und Qualitätskontrolle von medizinischen Produkten, 49.719 in der medizinischen Forschung, 4504 für toxikologische und sonstige Unbedenklichkeitsprüfungen.

In vielen Bereichen sind Tests an Tieren gesetzlich vorgeschrieben. Tierversuche an Menschenaffen sind
in Österreich kategorisch verboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)

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