„Wir sind verantwortlich für Tiere, aber auch für Wissen“

10.11.2012 | 18:26 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Die Novelle des Tierversuchsgesetzes sorgt für heftige Debatten nicht nur unter Tierschützern, sondern auch für Nachdenken in der Fachwelt. Unsere moralische Verantwortung umfasst mittlerweile auch Tiere.

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Für den Ethiker ist eine Sache klar: „Tiere haben in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert als noch vor 30 oder 40 Jahren. Unsere moralische Verantwortung umfasst mittlerweile auch Tiere. Und solange wir uns als moralisch verantwortliche Wesen verstehen, sollten wir dieser Verantwortung auch Rechnung tragen“, sagt Herwig Grimm, Professor für Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli Institut an der Vet-Med-Uni Wien.

Was das konkret bedeutet, wird an einer aktuellen heftigen Debatte deutlich – über Tierversuche. Wie berichtet, muss das österreichische Tierversuchsgesetz novelliert werden, weil es eine neue EU-Richtlinie gibt, die diesen Bereich europaweit harmonisiert. Dadurch soll ein Mindeststandard eingezogen werden, der auch dafür sorgt, dass Tierversuche nicht unnötigerweise doppelt gemacht werden müssen, nur weil ein Staat Tests in einem anderen Land nicht anerkennt.

Das Wissenschaftsministerium hat in Abstimmung mit den Ministerien für Gesundheit, Wirtschaft und Landwirtschaft einen Gesetzesvorschlag erarbeitet – der aber keiner Seite recht ist, wie am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion erneut deutlich wurde, zu der das Wissenschaftsministerium und die Vet-Med-Uni geladen hatten.


Gefahr für Standort? Martin Balluch (Verein gegen Tierfabriken) listete viele Kritikpunkte an dem Entwurf auf: Er fordert die Einführung einer Versuchstier-Ombudsschaft, eine durchgängige rückwirkende Kontrolle, mehr Transparenz – v.a. durch Offenlegung des Versuchsablaufs schon in der Antragsphase –, Fachgremien bei der Genehmigung und einen bindenden Kriterienkatalog für die Beurteilung.

Vertreter der Wissenschaft und der Industrie betonten dagegen die Unverzichtbarkeit von Tierversuchen in vielen Bereichen. Michael Freissmuth, Pharmakologe an der Med-Uni Wien, verwies darauf, dass bei jedem der letzten zehn Medizinnobelpreise Tierversuche wesentlich war. Selbst Vitamin C oder Insulin wären ohne diese nicht entdeckt worden. Schon in den vergangenen Wochen hatten die Akademie der Wissenschaften, die vier Medizin-Unis, die Institute CeMM, IMBA und IMP, die Pharmaindustrie und zuletzt Forschungsratschef Hannes Androsch vor zu strengen Vorschriften gewarnt, weil sie den Forschungsstandort Österreich gefährden könnten.


Zwei Seiten der Medaille. „An solchen Debatten wie heute sieht man: Tierschutz ist ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen geworden“, kommentierte der Ethiker Grimm. „Wenn man Tierversuche allerdings nur unter dem Aspekt des Tierschutzes diskutiert, dann vergisst man eine zweite Seite der Medaille. Wir müssen uns auch die Frage stellen: Auf welches Wissen können oder wollen wir verzichten?“ Wer stelle sich z.B. vor einen Patienten und übernehme die Verantwortung, dass man auf Wissen über eine Krankheit verzichtet hat, weil man auf einen Tierversuch verzichtet hat? „Da darf man sich keiner Illusion hingegeben: Wir kommen da nicht mit einer moralisch weißen Weste heraus.“

Was also tun? Bei der Debatte wurden zwei mögliche Auswege aus dem Dilemma deutlich: Zum einen müsse die Suche nach Ersatzmethoden für Tierversuche verstärkt werden. „Überall, wo man akute Effekte testet, gibt es bereits Alternativen“, berichtete Klaus Schröder (ZET, Zentrum für Ersatz und Ergänzungsmethoden). Aber wo es um systemische Effekte geht, sei es schwierig, Ersatzmethoden zu finden. Das gilt auch für komplexe Krankheiten wie z.B. Krebs, die in Zellkulturen nicht umfassend untersucht werden können.

Einen zweiten möglichen Ausweg könnten objektive Kriterienkataloge weisen. „Ein Kriterienkatalog ist eine standardisierte Bewertungsmethode mit Kriterien, die man durcharbeiten muss“, erläutert Grimm, der einen derartigen Katalog nun im Auftrag des Wissenschaftsministerium erstellt. Dieser soll nicht nur die Belastungen bewerten, sondern auch den Nutzen. Und das ist das Problem: „Tierversuche haben keinen direkten sofortigen Nutzen, sondern nur einen potenziellen Nutzen.“ Nachsatz: „Deswegen macht man ja einen Tierversuch – man weiß nicht, was herauskommt.“

Grimms Team analysiert nun existierende Kriterienkataloge – die unterschiedlich gut arbeiten –, um davon zu lernen. Was ihm wichtig ist: Die Quantifizierung der Belastungen und des Nutzens solle nicht nur von Forschern vorgenommen werden, sondern von allen Stakeholdern in diesem Bereich. Ein Allheilmittel sei ein Kriterienkatalog aber nicht, betont der Ethiker. „Er kann sicher nicht zur Eliminierung von 90 Prozent der Tierversuche führen. Aber er kann eine Unterstützung sein, damit Wissenschaftler ihrer Verantwortung nachkommen können.“

Tierversuche

In Österreich wurden im Jahr 2011 an insgesamt 191.288 Tieren Versuche durchgeführt. An erster Stelle stehen dabei Mäuse (153.153), gefolgt von Kaninchen (15.633), Ratten (9026), Meerschweinchen (3797) und Fischen (3267). In den Statistiken tauchen aber auch andere Tierarten wie
Vögel (1940), Schweine (1553),
Schafe (683), Amphibien (176), Hamster (125) oder Marder (12) auf.

68.435 Versuchstiere wurden für die biologische Grundlagenforschung verwendet, 63.019 für die Herstellung und Qualitätskontrolle von medizinischen Produkten, 49.719 in der medizinischen Forschung, 4504 für toxikologische und sonstige Unbedenklichkeitsprüfungen.

In vielen Bereichen sind Tests an Tieren gesetzlich vorgeschrieben. Tierversuche an Menschenaffen sind
in Österreich kategorisch verboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)

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10 Kommentare

„Tierversuche funktionieren nicht“…

Insulingaben für Diabetiker, Bluttransfusionen, Änesthesiologie (inklusive Lokalanästhesie), Herzschrittmacher, Herzklappentransplantationen, Herztransplantationen, Virostatika, die Meningitis-Impfung, die moderne HIV-Therapie, die gesamte Intensivmedizin …

Und warum? Weil Tierversuche nicht funktionieren. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Weil es in das romantizistische Weltbild nicht hineinpasst.

Danke

für diesen Artikel! Ich würde mich freuen, weiterhin von der Presse über diese Thematik informiert zu werden :)

lg

Mehr Geld für alternative Forschung!

"Wer stelle sich z.B. vor einen Patienten und übernehme die Verantwortung, dass man auf Wissen über eine Krankheit verzichtet hat, weil man auf einen Tierversuch verzichtet hat?"

Und wer stellt sich vor einen Patienten und übernimmt die Verantwortung, wenn das Medikament zwar eine Maus geheilt, dem Patienten aber geschadet hat?
Je nach Schweregrad der Krankheit muss man sich, wenn man so argumentiert, schon auch vor Augen halten, dass ein Patient auch notfalls über Menschenleichen gehen würde, nur um seinen Arsch zu retten. Ein Patient kann nicht objektiv darüber urteilen. Wir sollten also eine Grenze ziehen, die wir dann auch als Patienten einhalten.

Überdies ist's mit TV-Befürwortern wohl wie mit den Schnitzelessern: Jeder wills, aber keiner will das Tier dafür quälen und töten und verdrängt diesen "Produktionsschritt" aus seiner Wahrnehmung.

Zum Thema komplexe Krankheiten und Krebs: Der kann bei Mäusen in fast jeder Form geheilt werden. Beim Menschen nicht.

Ich bin dafür, dass TV-freie Forschungsmethoden genauso viel finanzielle Mittel bekommen wie die TV-forschung. Momentan bekommen erstere ein Almosen von knapp ein paar Millionen, wärend letztere Milliarden erhalten. Absurd. Ich hoffe die aktuellen Diskussionen und Kampagnen führen hier zu einem Umdenken!

Re: Mehr Geld für alternative Forschung!

klingt schon moderater als ihre Replik auf mein Posting ganz unten, so könnten wir uns treffen.
Medizinische forschung wird immer ein Kompromiss zwischen Menschenversuch und Tierversuch sein. Und, so schrecklich es klingt, man wird auf beides nicht verzichten können.
Es bleibt einem dann nur die Hoffnung, selbst nicht davon betroffen su sein.

Faszinierend!

Wirklich verblüffend, wie einseitig dieser Artikel ist. Fakt ist: Tiere und Menschen unterscheiden sich hinsichtlich Anatomie, Physiologie und Stoffwechsel wesentlich voneinander. Selbst Tiere verschiedener Arten können auf Chemikalien und Medikamente ganz unterschiedlich reagieren. Nach der Durchführung eines Tierversuchs kann nicht vorausgesagt werden, ob Menschen genauso oder anders reagieren werden. Und da das Insulin erwähnt wurde, hierzu ein Hinweis: Viele heute segensreiche Arzneien wie Aspirin, Ibuprofen, Insulin(!), Penicillin oder Phenobarbital wären uns vorenthalten geblieben, hätte man sich schon in früheren Zeiten auf den Tierversuch verlassen. Diese Stoffe rufen nämlich bei bestimmten Tierarten zum Teil aufgrund unterschiedlicher Stoffwechselvorgänge gravierende Schädigungen hervor. Sie wären bei der heutigen Vorgehensweise der Wirkstofffindung durchgefallen. (Quelle: Dr. med. vet. Corina Gericke)

"Es gibt nur zwei Gründe für Tierversuche: entweder man weiß zu wenig darüber oder man verdient daran."
(Dr. med. Werner Hartinger)

"Der Grund, warum ich gegen Tierversuche bin, ist, dass sie nicht funktionieren, sie haben keinen wissenschaftlichen Wert. Man kann die Resultate von Forschungen an Tieren nicht auf den Menschen extrapolieren, und jeder gute Wissenschaftler weiß das. Da Tierversuche wertlos sind und zur Quacksalberei in der Medizin führen [...], bin ich gegen Tierversuche, und zwar als Wissenschaftler."
(Prof. Dr. Robert S. Mendelsohn)

zutiefst verwerflich!

diese standpunkte sind ethisch zutiefst verwerflich. ein wissensfortschritt, der aus tierversuchen resultiert, ist es nicht wert, erreicht zu werden. gleichzeitig zeigt sich hier sehr "schön", was für eine alibiaktion diese messerli-gründung gewesen ist. unter dem anstrich der wissenschaftklichkeit dient es als propagandazentrum für tierquälerei. rechtzeitige warnungen wurden leider ignoriert.

Tier-„Schützer“ sind emotional verblendet und nicht ernstzunehmen.

So gibt es einige Beispiele für Tierschützer, die im Krankheitsfall wie selbstverständlich auf medizinische Versorgung zurückgreifen, die ohne Tierversuche undenkbar wäre; es werden von „tierschützerischer“ Seite gerne Fakten verdreht, erfunden bzw. geleugnet, wenn sie dem eigenen Standpunkt widersprechen, und sogar Terror (!!!) gegen Tierversuchslaboratorien ist ein unleugbare Tatsache.

Es handelt sich bei dem, was sich heutzutage als Tierschützer geriert, um eine Form von infantiler Raserei, angetrieben von Bambikomplexen und anderen Formen von unreflektiertem „Mitleid“, das in Folge immer nur mehr Schmerz und Leid verursacht, als es zu verhindern vorgibt.

Re: Tier-„Schützer“ sind emotional verblendet und nicht ernstzunehmen.

Mein lieber Freund,
zunächst kann man Ihnen zu dringend ans Herz legen das Werk "Nackte Herrscherin: Das Manifest gegen Tierversuche" von Hans Ruesch - auch zu haben als "Slaughter of the Innocent" zu lesen (zu bestellen bei Amazon). Sie sind dann sicher einer der sehr wenigen der dieses Buch, das auf Fakten beruht, ohne ein deutliches Gefühl der Verstörung wieder weglegen kann. Aber wer weiss - vielleicht gelingt Ihnen das ja, angesichts Ihres hier zum besten gegebenen Kommentars. Für Menschen wie Sie sind Tiere Gebrauchsgegenstände, die halt nun mal da sind für des Menschen Jux und Dollerei. Ohne Rechte, ohne Rücksicht, ohne Mitgefühl. Ich schätze mal für Sie ist Descartes sicher ein Leuchtfeuer der Logik, dem Sie persönlich gerne folgen wohin auch immer dergleichen Philosophie Sie führt. Aber ich sagen Ihnen eines: diese (Josef) Mengele-jünger in den Laboren der Welt - diese Monstren die sich, wie er, an Hilflosen vergreifen, nur weil diese sich nicht dagegen wehren können, sind noch eines nicht alzu fernen Tages unser aller Untergang. Persönlich wäre mir das heute lieber als Morgen - allein damit nicht noch mehr unschuldiges Leben auf diese Weise verheizt wird. Der Mensch hat keinerlei Recht den Rest der belebten Natur als sein Eigentum zu betrachten, das er züchten, einpferchen, quälen, töten, vernichten darf. Gandhi (den Sie ja sicher ebenfalls als Verrückten einstufen) sagte jegliche Med. Forschung die sich auf den Tierversuch stütze, sei indiskutabel. Er hatte Recht.

das ist eine gefährliche Begründung

ganz gefährlich "der auch dafür sorgt, dass Tierversuche nicht unnötigerweise doppelt gemacht werden müssen, nur weil ein Staat Tests in einem anderen Land nicht anerkennt."
denn es engt die Wissenschaftlichkeit einer Sache auf nur eine Untersuchung ein, und genau das verhindert Fortschritt.

Wer garantiert, dass in diesem ersten Versuch alles, aber auch gar alles berücksichtigt wurde.

Re: das ist eine gefährliche Begründung

Aha, es wird aber im einen Staat bereits beim Menschen angewandt. Einen besseren "Tierversuch" gibts nicht. Sie können natürlich wieder neu anfangen, "ein paar" Mäuse zu quälen, aber genau diesen Unfug gilt es zu beseitigen.

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